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Söder verzichtet auf Food-Content und setzt auf Seriosität: Das ist die falsche Reaktion

Kommentar

Söder zähmt sich selbst – und spielt damit vor allem einer Partei in die Karten

Peter Müller
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    Markus Söder postete leidenschaftlich gerne Bilder mit Essen.
    Markus Söder postete leidenschaftlich gerne Bilder mit Essen. Foto: Peter Kneffel, dpa (Archivbild)

    Im Deutschen Bundestag lässt sich regelmäßig beobachten, welche Macht soziale Medien entfalten. Wenn Schulklassen das Parlament besuchen und die Schülerinnen und Schüler Alice Weidel erspähen, zücken sie ihre Handykameras, um einen Schnappschuss der AfD-Chefin zu erhaschen, so berichten es Abgeordnete immer wieder. Für die jungen Menschen ist ein kleines Video von Weidel ein erstrebenswertes Souvenir von der Berlin-Reise, fast als hätte man den Kanzler gesehen. Weidel ist für sie ein Star, den sie aus den sozialen Medien kennen.  Die politischen Inhalte kommen dann später.

    Auf der vor allem bei jüngeren Leuten beliebten Plattform TikTok hat Weidel eine Million Follower, der Bundeskanzler kommt immerhin auf 730.000. Ansonsten kann bestenfalls Heidi Reichinnek mithalten, der Shooting-Star der Linken. Bei Instagram sieht es ähnlich aus. Unter prominenten bayerischen Politikern lässt einzig Markus Söder ein gewisses Händchen für die sozialen Medien erkennen. Bei TikTok folgen ihm mehr als 300.000 Menschen, bei Instagram sind es stolze 800.000.

    Söder baut Social-Media-Inhalte nach CSU-Kritik um

    Allerdings haben sich die Inhalte, die Söder ins Netz stellt, zuletzt drastisch verändert. Wo Bayerns Ministerpräsident früher Videos davon postete, wie er in die Bratwurst beißt (#söderisst) oder einen Rentier-Pulli zu Weihnachten überstreift, gibt es jetzt Einträge vom Treffen mit dem tschechischen Präsidenten und von Söders Regierungserklärung kurz vor Pfingsten. Wo das Motto früher hieß: „Ein Leben ohne Bratwurst ist möglich, aber sinnlos“, heißt es jetzt: „Bayern bleibt Stabilitätsanker“.

    Söder reagiert mit dieser Zurückhaltung auf breite Kritik aus der CSU, vor allem nach dem mauen Ergebnis bei der Kommunalwahl. Man wisse mehr über Söders Speiseplan als seine Reformagenda, so der Tenor. Über Pfingsten legte Söders Widersacher aus Brüssel, der Europapolitiker Manfred Weber, per Brief nach und forderte Konzepte statt Posts, Strategien statt der Lust an der schnellen Aufmerksamkeit.

    Bayerns Ministerpräsident verzichtet auf #söderisst

    Es tut mir leid: So verständlich der Unmut über Söders Politik im Einzelnen sein mag – wer argumentiert wie die Söder-Kritiker in Sachen Social Media, hat die Aufmerksamkeitsökonomie von heute nicht verstanden. Söders jüngste Regierungserklärung mag nicht der große Wurf gewesen sein, was den Umgang mit Social Media angeht, ist Söder seinen Parteifreunden meilenweit voraus – gewesen. Söder hat erkannt, dass Politik heute zumindest auch ein bisschen Show sein muss, dass ein Auftritt mit Cathy Hummels für viele interessanter ist als eine Rede im Bundestag, dass man die Wählerinnen und Wähler mit persönlichen Botschaften abholen kann, mit dem Bunten, Leichten. Unternehmen geben Millionen Euro aus, um die Aufmerksamkeit der Menschen auf TikTok und Co. für ein paar, wertvolle Sekunden auf ihre Produkte zu lenken. Ausgerechnet Bayerns Ministerpräsident macht jetzt Schluss damit.

    Die richtige Antwort auf die Kritik aus der Partei an Söders mangelnder Ernsthaftigkeit kann nicht die Rückkehr zu faden Inhalten sein, wie sie jeder Politiker pflichtschuldig postet, weil man heute halt auf Social Media sein muss. Die richtige Antwort wäre, die Social-Media-Strategie endlich mit Inhalten aufzuladen. Was spricht gegen Söder-Post an der Döner-Bude, wenn der bayerische Ministerpräsident dann ein paar Erfolge oder Herausforderungen von Integration und Zusammenleben reflektiert? Was ist gegen den süßen Panda-Post von der China-Reise zu sagen, wenn es dann eben auch um die Sorgen des exportorientierten Mittelstands geht? Oder über leckeres Spaghetti-Eis, flankiert mit dem Hinweis, wie wichtig Sport und Bewegung sind? Das Problem der Söder-Posts war nicht der ungewöhnliche Angang, sondern, dass sich die Botschaft in der Bratwurst erschöpfte (sieht man mal von der Kulturkampf-Konnotation gegen vegane Ernährung ab).

    Es mag ein Beleg für Söders Unsicherheit nach der parteiinternen Kritik sein, dass er sich nun ausgerechnet des Kommunikationsinstruments beraubt, das er beherrschte wie kaum ein Zweiter. Doch wer das Feld der sozialen Medien räumt oder seine Botschaften bewusst bieder macht, stärkt nicht die politische Seriosität. Er überlässt die Aufmerksamkeit jenen, die verstanden haben, wie moderne politische Kommunikation funktioniert – und das sind derzeit vor allem die AfD und ihre TikTok-affine Vorsitzende.

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