In Amerika ist bekanntlich alles größer. Da kann es auch passieren, dass der deutsche Bundeskanzler auf dem Nato-Gipfel zum Anführer des westlichen Verteidigungspaktes wird, weil der eigentliche Anführer – US-Präsident Joe Biden – ob seines Alters gebrechlich und schwach wirkt. Wenige Tage davor hatte Scholz in den Haushaltsverhandlungen daheim in Berlin seinem Verteidigungsminister Boris Pistorius nur einen kleinen Aufschlag für die Aufrüstung der klapprigen Bundeswehr gegeben. Pistorius grummelt öffentlich. Die Ampel-Koalition stand während des Ringens um den Etat für 2025 am Abgrund.
Wäre es zu vorzeitigen Neuwahlen gekommen, hätte ihn die SPD mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Wüste geschickt und den viel beliebteren Pistorius nominiert. Nun steht das Budget und die Ampel-Koalition dürfte bis zum regulären Wahltermin im Herbst nächsten Jahres halten. Scholz bleibt im Sattel, auch wenn er darauf nicht bombenfest sitzt.
Annalena Baerbock hat das Rennen um die Kanzlerkandidatur aufgegeben
Bei den Grünen ist das Rennen wohl entschieden. Annalena Baerbock will sich angesichts der internationalen Krisen voll auf ihre Aufgabe als Außenministerin konzentrieren und strebt keine erneute Grünen-Kanzlerkandidatur an. Statt in einer Kanzlerkandidatur gebunden zu sein, wolle sie ihre Kraft voll ihrer aktuellen Aufgabe widmen, erklärte die Grünen-Politikerin in einem Interview des US-Fernsehsenders CNN am Rande des Nato-Gipfels in Washington.
Und Habeck? Hält sich bislang öffentlich zurück. In diesen Tagen tourt er quer durch die Republik. Am Dienstagabend macht sein Tross Halt am legendären Geißbockheim des 1. FC Köln. Zusammen wird das EM-Halbfinale Spanien gegen Frankreich geschaut, vor dem Anpfiff plaudert Habeck locker über Politik und Sport. „Den Kindern beizubringen, dass Du erfolgreicher bist, wenn Du abgibst, ist ja fast schon eine politische Metapher“, sagt er da bei Kölsch auf der Terrasse zur gesellschaftlichen Bedeutung des Sports. Wörtlich sollten diese die mitreisenden Reporter bitte nicht nehmen, beeilte sich Habecks Referenten klarzustellen.
Auch bei der Union scheint eine Entscheidung in der Luft zu liegen. Rein praktisch gesehen sind sich CDU und Christsoziale sehr nah, wie sich auf einer Sommerreise mit CSU-Generalsekretär Martin Huber zeigt. Die Tour führt unter anderem an den malerischen Tegernsee, eine knappe Autostunde von München entfernt. Die Dichte an Millionärinnen und Millionären soll besonders hoch sein, auch CDU-Chef Friedrich Merz hat hier ein Domizil. In Gmund steht dem Vernehmen nach seine Villa, weit abgelegen vom touristischen Trubel. Fragt man CSUler nach der genauen Adresse, gibt es durchgehend ein Schulterzucken zur Antwort. Man könne die Sternsinger fragen, die wüssten es, sagt einer augenzwinkernd. Pech bloß, dass gerade keine unterwegs sind.
Bei der Union hat Friedrich Merz wohl das erste Zugriffsrecht
Das Schweigen hat Symbolkraft. Denn wer nach Merz fragt, ist sogleich verdächtig, in Wahrheit die K-Frage stellen zu wollen. Friedrich Merz oder Markus Söder? Die Entscheidung über die Kanzlerkandidatur rückt näher. Nach den Ost-Landtagswahlen im September wollen sich die beiden Parteivorsitzenden zusammensetzen und entscheiden, wer die Union als Spitzenkandidat in die Bundestagswahl 2025 führt.
Wer sich bei Christdemokraten und Christsozialen umhört, den Flurfunk zu deuten versucht, kommt zu dem Schluss, dass dieses Szenario das wahrscheinlichste ist: Merz hat den Vortritt, wenn er es nicht macht, macht es Söder. Alle anderen Namen, die noch gehandelt werden, der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst beispielsweise, sind nicht mehr Teil des Kandidatenspiels. (mit dpa)
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