Vor ziemlich genau sieben Jahren spendierte Amazon-Chef Jeff Bezos seiner Zeitung während des Superbowl-Finales eine sündhaft teure Werbung. Der Spot illustrierte das neue Motto „Demokratie stirbt in Dunkelheit”, das auf seine Weisung nach dem ersten Einzug Donald Trumps ins Weiße Haus in jeder Druckausgabe direkt unter dem Titel Washington Post stand.
Beim diesjährigen Superbowl warb Bezos nicht damit, wie die Zeitung Licht in die Dunkelheit bringt. Stattdessen knipste er die Lichter in Teilen der Redaktion aus. Vergangenen Mittwoch informierte Chefredakteur Matt Murray über die Entlassung von mehr als 300 Journalisten — rund ein Drittel der redaktionellen Belegschaft.
Washington Post hatte Verluste gemacht
Murray sprach von einer „strategischen Neuausrichtung”, um die Washington Post „größer, relevanter und zu einer lebendigen Institution zu machen”. Weil man „zu lange zu viel Geld verloren hat”, werde sich das Haus künftig auf seine Kernkompetenzen konzentrieren.
Es ist eine erstaunliche Begründung angesichts der 75 Millionen Dollar, die Bezos gerade in die Gefälligkeits-Dokumentation „Melania” über die First Lady versenkt hat. Und es ist ein bemerkenswerter Wandel für einen, der sich beim Kauf des Traditionsblatts 2013 noch als Retter präsentiert hatte. Die Pflicht der Zeitung, so Bezos damals in einem Brief an die Mitarbeiter, werde „ihren Lesern gelten und nicht den privaten Interessen ihrer Eigentümer”.
Die langjährige Washington Post-Kolumnistin Ruth Marcus meint, sie sei „dankbar für die Ressourcen, finanziell und technologisch, die er der Zeitung in seinen frühen Jahren als Eigentümer gewidmet hat”. Heute gehört sie zu den Dutzenden Journalisten, die nicht mehr für die Post schreiben. Sie trat aus Protest gegen die Änderungen im Meinungsressort zurück. Das war 2024, als Bezos intervenierte, um die Unterstützung der Zeitung für Kamala Harris zu stoppen. Kurz darauf verpasste er den Kommentatoren einen Maulkorb. Sie sollten künftig nur noch Ansichten publizieren, die mit Bezos' Vorliebe für „freie Märkte” und „persönliche Freiheiten” übereinstimmten.
Erst Freiheit der Redaktion beschnitten, dann kündigten die Leser
Der Leserschaft der liberalen Hauptstadt gefiel Bezos' Intervention nicht. Binnen weniger Tage verlor die Washington Post 250.000 Abonnements. Es sei „ziemlich klar” geworden, so Joshua Benton von der Harvard University gegenüber dem Magazin The Atlantic, dass Bezos versuche, „den Kommentarteil der Post weiter nach rechts zu verschieben und stärker mit der Trump-Regierung in Einklang zu bringen.”
Für Benton steht außer Frage, dass der Kahlschlag bei der Post wenig mit Profitabilität tun hat. „Für Jeff Bezos ist das nichts”, erklärt Benton zu den roten Zahlen. „Sein Nettovermögen ist im vergangenen Jahr so stark gestiegen, dass er alle Verluste der Washington Post für den Rest seines Lebens, das seiner Kinder und das seiner Enkel weiter bezahlen könnte.”
Alles, um Trump zu gefallen?
Bezos reiht sich ein in die Phalanx der Tech-Oligarchen, die vor Trump ihr Knie gebeugt haben. Bei der Amtseinführung am 20. Januar 2025 saß Bezos auf einem prominenten Platz; Amazon spendete eine Million Dollar für die Feier. Amazon zählt auch zu den Spendern für das Ballsaal-Projekt. Der Verdacht steht im Raum, dass der Kahlschlag das größte Geschenk für einen ist, dem die Washington Post seit langem ein Dorn im Auge ist.
Bezos, der angetreten war, eine Institution der amerikanischen Demokratie zu retten, lässt Journalisten jetzt sprichwörtlich um ihre Jobs betteln. Sieben Jahre nach seinem Superbowl-Spot gilt sein eigenes Motto mehr denn je, nur anders als gedacht. Demokratie droht tatsächlich in der Dunkelheit zu sterben. Doch diesmal dreht Bezos selbst die Lampen aus.
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