Wäre die Euphorie seiner Fans vor seinem Abgang nur so hoch gewesen wie danach, dann hätte Robert Habecks großer Traum von der Kanzlerschaft womöglich in Erfüllung gehen können. Fast eine halbe Million Menschen appellieren derzeit in diversen Online-Petitionen für den Verbleib des Grünen in der Politik. Habeck allerdings hat keine Lust mehr. Er gibt zum , am 2. September hat er Geburtstag. Im Alter von 56 Jahren zieht es den ehemaligen Wirtschaftsminister dann hinaus in die weite Welt.
Es wäre kein Habeck-Abgang, würde er im Stillen geschehen. Seinen Abschied aus der Politik verkündete er zunächst im Interview mit der taz, anschließend setzte er sich in einen der Sessel bei Markus Lanz. Das alles zeitlich perfekt abgestimmt: Wäre die parlamentarische Sommerpause schon vorbei, hätte die Personalie wegen wichtigerer Themen wohl weniger Aufmerksamkeit erregt.
Robert Habeck über Abschied: „Für immer ist ein viel zu großes Wort“
Es wäre kein Habeck-Abgang, würde er ohne salbungsvolle Worte auskommen. Ob es denn ein Abschied für immer oder einer auf Zeit sei, will Lanz in seiner Talkshow wissen. „Für immer ist ein viel zu großes Wort“, antwortet Habeck und ergänzt, es sei „kein taktischer Abschied“. Er werde jetzt nicht anderthalb Jahre Pause machen, um danach „irgendwas in der politischen ersten Reihe anzustreben oder zu tun“. Es sei „keine Vorbereitung auf nächste politische Karriereschritte“, bekräftigt er und den Zuschauern wird spätestens jetzt klar, was an Habecks Rechnung unlogisch ist: Es hat ihn niemand gebeten, wieder ein Spitzenamt zu übernehmen.
Die CDU-Politikerin Petra Nicolaisen – sie hatte bei der Bundestagswahl gegen Habeck gewonnen, wegen der Wahlrechtsreform zog trotzdem er ins Parlament ein – erklärte ihre Arbeitsauffassung so: Wer wie Habeck von sich selbst behaupte, seinen Wahlkreis als Antrieb und Motivation zu haben, der sei „verdammt noch mal in der Pflicht, sich mit all seiner Kraft in Berlin für die Region einzusetzen“. Es wäre kein Habeck-Abgang, würde er das auch so absolut klar sehen.
Habeck will „forschen, lehren und lernen“
In der Tat hat Habeck lange überlegt, ob er jene im Stich lassen kann, die ihn gewählt haben und die ihn trotz Heizungsgesetz-Fiasko und Vetternwirtschaft in seinem Ministerium immer noch mögen. Er habe sich gefragt, was die Leute von ihm erwarten. „Wollen die, dass ich einfach nur dabei bin?“ Oder verbinde sich bei diesen Menschen mit ihm eine Hoffnung, eine Erwartung auf eine bestimmte Form von Politik? „Letzteres wäre die starke Antwort, und die meine ich nicht geben zu können.“ Um das zu erfüllen, was „die Leute von mir erwarten, muss ich außerhalb des Erwartungsraums agieren“, sagt der Norddeutsche. Das nächste Jahr will er „an verschiedenen ausländischen Forschungs- und Bildungseinrichtungen forschen, lehren und lernen“, wie er der taz sagte. Habeck nennt das Dänische Institut für Internationale Studien in Kopenhagen und Berkeley, Heimat der Universität von Kalifornien.
Es gibt aber auch andere Sätze von Habeck. Solche, die ahnen lassen, dass da einer ebenso enttäuscht wie beleidigt vom Hof des Reichstagsgebäudes zieht. Für seine Idee von grüner Aufstellung, von Machtausübung, von Regierungsausübung, habe er bei der Bundestagswahl nicht die nötige Mehrheit bekommen, sagt Habeck. „Für das, wofür ich gewählt werden wollte, bin ich nicht gewählt worden.“ Bliebe er, würde das niemandem etwas nützen. „Wir kommen aus der Vergangenheit nicht heraus“, sagte er und ergänzt: „Das ist jetzt aufgeraucht.“
Robert Habeck teilt gegen Söder aus
Es ist ein Habeck-Abgang, bei dem er überraschend nachtritt. Er wirft Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) vor, mit ihrer Art das Amt zu beschädigen. hält er „fetischhaftes Wurstgefresse“ vor. Es ist genau diese Tonalität, die den Respekt vor den politischen Akteuren schwinden lässt. Habeck weiß das, er hat es in seiner Zeit als Regierungspolitiker mit Blick auf SPD und FDP oft genug beklagt.
Seine Enttäuschung ist so groß, dass Habeck denen, die in der Politik bleiben, und jenen, die immer noch an sie glauben, jede Hoffnung zu nehmen versucht. „Wir haben im Moment in Deutschland keine numerisch erreichbar demokratisch gewollte politische Machtoption“, sagt er. Da bleibe gerade nur Schwarz-Rot, das Bündnis jedoch kämpfe gegen ständig sinkende Umfragewerte. Wer seine Rechnung zu Ende denkt, landet bei einer Regierung, die irgendwann mangels Alternative aus Schwarz und Blau bestehen könnte. Habeck wäre nicht mehr dabei. Er hätte sich vorher schon aus der Verantwortung genommen.
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