„Und, wie war das Spiel?“, fragt der Bundeskanzler die Fußballer aus Ursberg. „Verloren“, antworten zwei der Spieler und schauen trotzdem stolz. Wen fragt schon Friedrich Merz nach dem Spielergebnis? Und welche Mannschaft wird persönlich von ihm im Kanzleramt empfangen? Die Spieler des Dominikus-Ringeisen-Werkes aus Ursberg bei Günzburg sind eine besondere Elf. Kicker mit und ohne Behinderung stehen gemeinsam auf dem Platz. In Berlin sind sie gegen den FC Bundestag angetreten, die Mannschaft der Abgeordneten.
Eingefädelt hat das der Münchner Abgeordnete Stephan Pilsinger (CSU). Jeder Spieler des FC Bundestag hat das Recht, einen Gegner vorzuschlagen und einzuladen. Eine Partie gegen die Parlamentskicker wäre eigentlich Ehre genug, aber die Ursberger haben einen ganz Besonderen in ihren Reihen. Ex-Finanzminister und CSU-Urgestein Theo Waigel ist Ehrenspielführer, so wie einst Franz Beckenbauer in der Nationalmannschaft. Und der Theo kennt den Friedrich und hat den Empfang im Kanzleramt arrangiert.
Der Bundeskanzler kam gerade von Donald Trump zurück
Merz ist an diesem Mittwoch gerade wenige Stunden aus Washington zurück, wo er den US-Präsidenten im Weißen Haus getroffen hat. Er hatte wenig Schlaf, sieht aber dennoch frisch aus. „Du hast zwei große Termine geschafft“, sagt Waigel bei der Begrüßung. Der Kanzler nimmt den Ball auf: „Gestern Trump und heute Dich.“ Auf dem Schreibtisch des Kanzlers steht noch sein Namensschild aus dem Weißen Haus, das er mitgebracht hat. „Der deutsche Bundeskanzler muss mit dem amerikanischen Präsidenten auskommen. Ich komme mit ihm aus“, sagt Merz.
Der CDU-Chef hört genau zu, als ihm beschrieben wird, dass sich das Ringeisen-Werk um rund 6000 Menschen mit Behinderung kümmert. Gegründet hat es 1884 der katholische Geistliche Dominikus Ringeisen, der nicht mehr mit ansehen wollte, wie schlecht und abfällig Behinderte behandelt wurden. Er kaufte die ehemalige Abtei in Ursberg, die den Kern der Werkstätten und Schulen bildete. Bis heute ist das Ringeisen-Werk in kirchlicher Trägerschaft. Waigel lädt den Kanzler zu einem Besuch dorthin ein. „Der Kohl war zwei Mal da.“ Merz verspricht, es im nächsten Jahr irgendwie einzurichten.
Am Abend zuvor steht Theo Waigel auf einem Fußballplatz im Prenzlauer Berg, im kleinen Stadion des Jahn-Sportparks. Im großen Stadion nebenan spielte zu Ostzeiten der BFC Dynamo Berlin, DDR-Serienmeister und Klub von Stasi-Chef Erich Mielke. Jener hatte sogar einen Spitzel im FC Bundestag und schrieb Berichte für Ost-Berlin, wie Waigel erzählt. Die Plauderei über früher wird durch den Schiedsrichter unterbrochen, der die Spieler zum Mittelkreis ruft. Der 86-Jährige darf den Anstoß machen, weil er als einziger auf dem Feld sowohl für den FC Bundestag, also auch für die Ursberger Kicker gespielt hat.
Theo Waigel verschießt einen Elfmeter
Vor beinahe 30 Jahren – im Jahr 1997 – hatte er für die Mannschaft aus seiner Heimat schon einmal eine Partie gegen die Parlamentsauswahl organisiert, die damals noch in der alten Hauptstadt Bonn spielte. Der Finanzminister lief damals für Ursberg auf, beim Stand von 4:3 für den FC Bundestag gab es kurz vor Ende Elfmeter für die Schwaben. „Keiner wollte schießen, also musste ich. Und haue ihn daneben“, erinnert sich Waigel. „Während ich mich ärgere, gibt der Schiedsrichter Wiederholung.“ Im zweiten Anlauf gelingen Treffer und Ausgleich.
Für den FC Bundestag spielte Waigel immer links außen. „Und ich war damit der einzige Finanzminister auf dieser Position.“ An diesem Abend schlägt sein Herz für die Mannschaft aus Ursberg. Waigel sitzt am Spielfeldrand, ruft immer wieder rein und klatscht bei gelungenen Angriffen. „Bravo“, „Das war gut“, „den hätte selbst ich gemacht“. Die Abgeordneten spielen robust, aber auch technisch gut, gehen schnell in Führung. Es ist das erste Spiel auf Rasen nach der Winterpause. O-Ton des Fußballkenners Waigel: „Früher haben wir nicht so kombiniert. Wir haben den Ball nach vorne geschlagen und dann gesehen, was daraus wird.“
Die Schwaben versuchen es trotz des Rückstands nicht mit dem alten Rezept, sondern halten spielerisch mit. Sie bleiben dran und verkürzen den Abstand durch zwei Treffer in der Kategorie Tor des Monats. Einmal dreht sich ein Ball mit viel Effet in den Winkel (so wie einst Arjen Robben beim FC Bayern), der Torwart schmeißt sich, segelt aber vorbei. Das zweite Tor gelingt dem Stürmer der Ursberger aus unmöglicher Situation von der Torauslinie. Irgendwie geht der Ball am Torhüter vorbei in das Netz. Zur Halbzeit steht es dennoch 5:2 für den FC Bundestag.
Beistand von Schwester Katharina
In der zweiten Halbzeit lassen die Kräfte auf beiden Seiten nach. Waigel feuert seine Mannschaft weiter an, unterstützt von Schwester Katharina Wildenauer in schwarzer Ordenstracht, die Generaloberin der Franziskanerinnen von Ursberg. Für das Match hat die 70-Jährige das erste Mal in ihrem Leben ein Flugzeug bestiegen. „Wie wir durch die Wolken geflogen sind, einfach herrlich.“
Von der Seitenlinie erhält der geistliche Direktor des Ringeisen-Werkes überraschende Kommentare, der in der Abwehr um jeden Ball kämpft. „Wie der sich hier engagiert, dabei macht er sonst gar keinen Sport mehr, der Herr Direktor“, wundert sich Schwester Katharina. Der Einsatz zahlt sich aus. Die zweite Halbzeit gewinnen die Ursberger mit 2:1; was zu einem Endstand von 6:4 für den FC Bundestag führt.
Das Unentschieden war durchaus in Reichweite, aber einige Großchancen wurden verstolpert. Wie jeder Hobbykicker hat auch Waigel nie so richtig glauben können, wie man aus der Entfernung von fünf Metern das leere Tor verfehlen kann. Bis zum Tag eines Promiturniers, als ihn Karl-Heinz Rummenigge per Pass schickte und Waigel kläglich vergab. Der Spott von Sepp Maier war ihm sicher.
Nach Abpfiff und Dusche geht es noch auf Brotzeit und Bier in die Bayerische Landesvertretung nach Berlin-Mitte. Der Kapitän des FC Bundestag, Fritz Güntzler, sagt zu, für ein Rückspiel nach Schwaben zu fahren. „Wir machen eigentlich keine Auswärtsspiele, aber nach Ursberg kommen wir.“ Theo Waigel bekommt ein Trikot des Ringeisen-Werkes überreicht. „Ich bin stolz, dass ich aus Ursberg komme“, sagt er.
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