Frau Kalesnikava, Sie saßen fünf Jahre in Haft, weil Sie es gewagt haben, den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko bei der Wahl 2020 herauszufordern. Woher nehmen Sie die Kraft, ihr Leben nun weiterzuleben? Wie geht es Ihnen?
MARIA KALESNIKAVA: Mir geht es besser als in den vergangenen fünfeinhalb Jahren (lacht). Am vergangenen Freitag waren es genau zwei Monate, dass ich freigekommen bin. Das ist ein tolles Gefühl. Aber schon im Gefängnis habe ich mich immer wieder gefragt, warum ich diese Situation so gut aushalten kann. Mir ist klar, dass es vielen sehr schlecht geht in dieser Lage. Die Bedingungen sind nur schwer zu ertragen. Das ganze System ist unmenschlich. Es gibt kaum Möglichkeiten, sich das positive Denken zu bewahren.
Wie ist es Ihnen gelungen?
KALESNIKAVA: Darauf habe ich gleich mehrere Antworten. Ich habe zum Beispiel immer die unendliche Unterstützung gespürt, durch meine Familie, durch meine Freunde – eigentlich durch die ganze Welt. Selbst als ich drei Jahre in Isolationshaft war – nicht nur in der Zelle, ich durfte keinen Kontakt zu anderen haben – habe ich das gemerkt. Ich bin außerdem ein Mensch, der die Kultur liebt. Das hat mir eine ganz große Stärke geschenkt. Die Kultur hat mir eine Welt in mir selbst eröffnet: Kunst, Philosophie, Geschichte, da gibt es immer viele Fragen, über die man nachdenken und versuchen kann, Antworten zu finden. Ich habe sehr viel Zeit mit Nachdenken verbracht.
Sie haben viele Bücher gelesen, haben Sie einmal erzählt.
KALESNIKAVA: Ich habe in der ganzen Zeit mehr als 700 Bücher gelesen. Und wenn es gegangen wäre, hätte ich auch noch mehr gelesen. Aber es war auf fünf Bücher pro Woche begrenzt. Das Lesen hat mir geholfen, in Verbindung zu bleiben zur Welt der Kultur. Das hilft mir, stark zu bleiben.
Hatten Sie nie Angst, dass die Welt Sie vergisst angesichts der Vielzahl an Krisen und Problemen?
KALESNIKAVA: Nein, diese Sorge hatte ich wirklich nie. Obwohl das Regime versucht hat, mich das glauben zu machen. Aber ich war mir sicher, dass meine Familie mich nie vergessen lassen wird – genauso wie ich niemanden vergesse.
Sie sind Künstlerin, haben in Stuttgart Musik studiert und sind Flötistin. Haben Sie jemals bereut, sich in die Politik eingemischt zu haben?
KALESNIKAVA: Nein, es gab keinen einzigen Moment, in dem ich gedacht habe, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich habe aus Überzeugung gehandelt und weil es mein Herz so wollte. Dafür ist das Leben doch da: um zu machen, was notwendig ist.
Wird es in Belarus eines Tages zu den politischen Veränderungen kommen, für die Sie kämpfen?
KALESNIKAVA: Ich bin sicher, dass sich die Dinge irgendwann ändern werden. Aber es ist eine riesige Aufgabe für uns alle, schon heute über diese Zukunft nachzudenken. Es liegt viel Arbeit vor uns.
Welches Belarus wünschen Sie sich?
KALESNIKAVA: Wir träumen alle von einem offenen und demokratischen Belarus. Jeder Mensch soll seinen Platz haben und die Möglichkeit, sein Potenzial zu entwickeln. Ich bin sicher, dass der Tag kommen wird. Mir ist natürlich klar, dass wir noch ganz am Anfang dieses Weges stehen. Aber irgendwann muss man den ersten Schritt gehen. Europa ist auch nicht innerhalb eines Tages zur Demokratie geworden. Die Menschen mussten für ihre Zukunft kämpfen. Und wir haben auch eine Zukunftsvision, mit europäischen Werten.
Wie kann und sollte die Europäische Union Sie dabei unterstützen?
KALESNIKAVA: Es muss endlich diplomatische Initiativen mit Belarus geben. Seit sechs Jahren wissen wir gar nicht mehr, was Alexander Lukaschenko eigentlich will, weil niemand mit ihm spricht. Wir müssen den Dialog wieder aufnehmen, schon wegen der politischen Gefangenen, die dort in den Gefängnissen sitzen. Aktuell sind es mehr als 1000, darunter etwa 150 Frauen. Manche der Frauen sind schwanger, andere sind schon über 70 Jahre alt und brauchen medizinische Behandlung. Diese Menschen müssen so schnell wie möglich freikommen. Eine andere Frage ist außerdem, wie wir es schaffen, die Menschen in Belarus aus ihrer Isolation zu holen.
Was meinen Sie damit?
KALESNIKAVA: Die Leute, die früher die Möglichkeit hatten, zum Beispiel in Deutschland zu studieren oder nach Europa zu reisen, haben eine tiefe Verbindung aufgebaut zu Europa. Das gibt es heute nicht mehr. Das ist katastrophal, denn jetzt wächst eine Generation heran, die gar keine Ahnung davon hat, was Europa überhaupt ist. Sie lernen die europäischen Werte gar nicht mehr kennen.
Diese junge Generation weiß also auch gar nicht, warum sie für Europa kämpfen sollte?
KALESNIKAVA: Sie wächst auf mit russischer Propaganda. Und das ist gefährlich. Russland zieht sie auf seine Seite. Das wird dafür sorgen, dass es in zehn Jahren keine Verbindung zu Europa mehr gibt. Dabei haben wir 2020 ja genau für diese europäischen Werte gekämpft.
Heißt das, die Sanktionen sollten beendet werden?
KALESNIKAVA: Das ist eine sehr schwierige Frage. Irgendwann wird man sie sowieso abbauen. Und das ist auch wichtig, damit sich eine Zivilgesellschaft entwickeln kann. Vielen ist nicht klar, dass die Sanktionen auch die einfachen Menschen treffen. Ich habe zum Beispiel seit 19 Jahren ein Bankkonto in Deutschland, aber es ist wegen der Sanktionen gesperrt. Ich habe noch keinen Aufenthaltstitel in Deutschland, um es entsperren zu lassen. Mir hilft die ganze Welt, aber bei vielen Menschen in Belarus ist das anders. Lukaschenko braucht sicher kein Konto in Deutschland.
Sie leben inzwischen im Ausland, genau wie ihre Mitstreiterin Swetlana Tichanowskaja. Kann man ein Land aus dem Exil heraus verändern?
KALESNIKAVA: Richtige Politik kann nur machen, wer in seinem Land lebt. Deshalb habe ich auch versucht, so lange wie möglich in Belarus zu bleiben. Der belarussische Geheimdienst hatte versucht, mich außer Landes zu bringen, aber ich habe meinen Pass an der Grenze zerrissen und bin zurückgelaufen. Ich wollte bei meinem Volk sein, das war für mich sehr wichtig. Inzwischen sind wir alle im Ausland, aber wir suchen Wege, den Menschen in Belarus zu helfen.
Eine Frau, die wie Sie aus dem Exil für ihr Land kämpft, ist Julija Nawalnaja. Nun ist bekannt geworden, dass ihr Mann Alexej Nawalny nicht eines natürlichen Todes gestorben ist, sondern an Gift. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie das hören?
KALESNIKAVA: Schon Alexej Nawalnys Tod war für mich eine große Katastrophe. In diesem Moment wird dir klar, wie weit die Diktatoren bereit sind, zu gehen, um ihre Macht zu halten. Mir fehlen die Worte, um das zu beschreiben. Mir ist klar: Wir sind alle in Gefahr.
Zur Person
Maria Kalesnikava, 43, gilt als Ikone der belarussischen Protestbewegung. Sie trat gemeinsam mit Swetlana Tichanowskaja und Weronika Zepkalo zum Präsidentschaftswahlkampf 2020 an, nachdem männliche Kandidaten von der Wahl ausgeschlossen worden waren. Alexander Lukaschenko reklamierte den Sieg schließlich allen Widersprüchen zum Trotz für sich. Tichanowskaja und Zepkalo flohen ins Ausland, Kalesnikava blieb – und landete nach einem Scheinprozess im Gefängnis.
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