Womöglich hatte Wolfgang Kubicki schon so eine Ahnung. „Mit mir ist es so wie mit den Rolling Stones – bei jedem Wahlkampf habe ich behauptet, das sei der letzte“, sagte er, als wir ihn Anfang 2025 zum Interview trafen. Die Bundestagswahl kurz darauf ging bekanntlich verloren, seine FDP flog aus dem Parlament. Doch der politische Altrocker hat noch immer nicht genug. Mit 74 Jahren will er nun sogar Parteichef werden.
Wolfgang Kubicki hat die FDP schon einmal reanimiert
Was für Kubicki spricht: Er hat die FDP schon einmal reanimiert. Nach dem Wahldebakel 2013 trat er gemeinsam mit Christian Lindner an, um die Liberalen zu retten. Lindner als jung-dynamischer Vorsitzender, der wortgewaltige Kubicki für die Abteilung Attacke. Die Mission führte die FDP nicht nur zurück in den Bundestag, sondern sogar in die Regierung. Was gegen Kubicki spricht: Das alles ist nicht nur sehr lange her, sondern er war auch beteiligt an dem, was danach geschah. Das Scheitern der Ampel-Koalition schrieben die meisten Deutschen der FDP zu. Die ständige Renitenz, das mit großem Pathos inszenierte Platzen der Regierung – all das machte diese Partei für viele unwählbar.
Dabei gäbe es angesichts des allgemeinen Politikverdrusses durchaus Bedarf für eine liberale Kraft. In diese Lücke will Kubicki stoßen: „Friedrich Merz redet wie ein Marktwirtschaftler und macht eine Politik wie ein Sozialist“, sagt er in einem Video auf Instagram – und setzt auch mit der Wahl seines potenziellen Generalsekretärs ein Zeichen. Martin Hagen soll es werden, früher FDP-Chef in Bayern, heute Geschäftsführer einer liberal-konservativen Denkfabrik. Und damit stellt sich auch die Frage, ob die Partei unter diesem Führungsduo nach rechts rutschen würde.
Parteitag Ende Mai wird zur Richtungsentscheidung für die FDP
Hagen lässt keinen Zweifel, dass auf dem Parteitag Ende Mai eine Richtungsentscheidung ansteht. Der 44-Jährige gibt im Gespräch mit unserer Redaktion einen Einblick, wohin er die Partei führen will: „Mit Wolfgang Kubicki und mir rückt die FDP wieder stärker dorthin, wo unsere Wähler sind. Die Menschen, die uns in den letzten Jahren den Rücken gekehrt haben, sind ja nicht zur SPD oder zu den Grünen gegangen. Die haben keine Lust auf planwirtschaftliche Klimapolitik, unkontrollierte Migration, immer mehr Sozialstaat oder irgendwelche woken Gender-Diskussionen.“
In die andere Richtung zieht Kubickis derzeit einziger verbliebener Gegenkandidat: Henning Höne, mit 39 Jahren fast halb so alt und ein Verfechter der Idee, dass in der FDP rechtsliberale und sozialliberale Kräfte zusammenkommen müssen. Zu seinen Unterstützern zählt die Europapolitikerin Marie-Agnes Strack Zimmermann, während Noch-Parteichef Christian Dürr seine eigene Kandidatur zurückzog und sich dem Kubicki-Lager anschloss. In selbigem werden auch Lindner und einige andere Altvordere verortet.
Einer von ihnen: der frühere Generalsekretär und Minister Dirk Niebel. Ein Comeback in der ersten Reihe schließt dieser allerdings aus. Zwar sei er gebeten worden, ebenfalls ins Rennen um den Parteivorsitz einzusteigen, sagte der 63-Jährige unserer Redaktion. „Ich habe mich aber gegen eine Kandidatur entschieden.“ Wenn er gegen den nordrhein-westfälischen Landesvorsitzenden Höne und Kubicki aus Schleswig-Holstein antreten würde, in deren Bundesländern nächstes Jahr neue Landtage gewählt werden, würde das die FDP nur spalten, anstatt sie zu stärken. „Ich unterstütze daher gerne weiter im Hintergrund und wo immer es gewünscht wird.“ Nach Informationen unserer Redaktion gehörte zu den Überlegungen hinter den Kulissen tatsächlich auch eine Art Tandemlösung mit Kubicki und Niebel, der heute für den Rüstungskonzern Rheinmetall arbeitet.
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