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Der Pub, der Dudelsack, der Whisky? Was macht diese irische Lebenslust aus? Eine Reise quer durch Irland

Reise durch Irland

Der Pub, der Dudelsack, der Whisky: Was macht diese irische Kultur von Lebenslust und Kneipenlaune aus?

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    Das Pub ist in Irland das eigentliche Wohnzimmer.
    Das Pub ist in Irland das eigentliche Wohnzimmer. Foto: Veronika Lintner

    Der Sound von Fiddle, Flöte und Gitarre, der dicke Dunst von Guinness und Whisky, und über allem das Lachen der Menschen – das Leben sprudelt in dieser Nacht aus Taffes Bar. Bis vor die Tür, hinein in die Gassen der Stadt Galway. Drinnen glimmen leuchtende Werbeschilder an den Zapfhähnen, glühen alte Tiffanylampen an der Decke ebenso wie die roten Wangen der Menschen, die am Tresen lehnen. Die Luft ist beschwipst, berauscht von Musik. Vor der Tür informiert ein Schild: Live-Musik, an jedem Tag, ab 17.30 Uhr. „Hier ist jeder willkommen, der zuhören will, oder sogar mitspielen möchte“, schreiben die Chefs der Bar, und fügen einen Hinweis an für Hobby-Geiger: „Falls du es beherrschst ...“.

    Jetzt, kurz vor Mitternacht, muss man sich zwischen Schultern und Bäuchen schmiegen, um durch die Menge voranzukommen, in Richtung Bühne. Dort stacheln Fiddler und Gitarrist das Publikum an. So geht es hier in Taffes Bar schon seit 150 Jahren zu – und dieser Pub ist nur einer von gut 6.600. Und wie zünden sie dieses Gefühl auf der Insel immer wieder aufs Neue, seit Jahrhunderten? Eine Reise nach Irland.

    Was macht die Stimmung in einem echten irischen Pub aus?

    Im Kleinbus quer über die Insel, von Dublin aus immer weiter Richtung Westen, gibt Tourguide Ela Sooder einen Crashkurs in irischem Benimm: „Die Iren sind so ausgesprochen freundlich und hilfsbereit, im Gälischen gibt es gar kein Wort für nein“, erklärt sie. Wie so viele war die Schweizerin zuerst als Gast durch Irland gereist, als Rucksacktouristin, und verliebte sich schwer ins Land. „Hier wird man eine Million mal willkommen geheißen. ‚Thanks a million‘, sagen die Iren, wenn sie sich bedanken“.

    Nur in einer Domäne kennen sie laut Sooder keinen Spaß: im Stolz auf ihre Pub-Geschichte. Ein Beispiel: „Schottischer Whisky ist für die Iren etwas zum Blumengießen.“ Der Pub, der Dudelsack, der Whisky, wer hat‘s erfunden? Die Iren. Behaupten die Iren.

    „Der Pub ist die Erweiterung des Wohnzimmers“, sagt Sooder, denn so entstanden die ersten Stuben schon zur Römerzeit. Unterschlüpfe am Wegrand, in den Häusern einfacher Leute, Wirtshäuser als Knotenpunkte auf dem langen Weg. Auch wenn es früher viel mehr von ihnen gab, und inzwischen jedes Jahr mehr als 100 Kneipen auf der Insel schließen. Aber an einem Ort inmitten der Insel, da pocht das Herz der Pub-Tradition angeblich schon seit 900 nach Christus. Der Legende nach.

    Das soll er sein: der älteste Pub der Insel, Sean‘s Bar in der kleinen Stadt Athlone.
    Das soll er sein: der älteste Pub der Insel, Sean‘s Bar in der kleinen Stadt Athlone. Foto: Veronika Lintner

    Zu Gast in Sean‘s Bar in Athlone, dem ältesten Pub Irlands

    Links und rechts vor dem Eingang stehen zwei dicke Guinness-Holzfässer vor der meerblauen Tür: Sean‘s Bar. Noch bevor die Augen sich an das schummrige Kneipenlicht gewöhnen, strömt plötzlich Wärme durch den Körper. Und die Nase riecht diesen Duft: Rauch, Dampf, Lagerfeuer. Ein paar Holzscheite glimmen im Kamin. Holztische und Barhocker, ein gebrechliches Klavier, ein Helm aus den Pionierzeiten des Tiefseetauchens, antike Öllampen.

    Einen Hocker schnappt sich jetzt Timmy Donovan – seit 37 Jahren hier im Pub der Chef, in Poloshirt und Jeans. Stolz ist er: Zertifiziert durch das Guinnessbuch der Rekorde, soll sein Pub hier schon seit circa 900 nach Christus geöffnet sein. Er wäre damit der älteste Pub der Insel. Und mehr noch, das ganze Dorf Athlone und seine steinerne Burg? Haben sie damals rund um den Pub gebaut, wie andernorts um ein Rathaus oder eine Kathedrale. Im Anfang war die Kneipe. „Die hatten noch Prioritäten“, sagt Donovan und serviert um 12 Uhr mittags eine Runde Guinness.

    Irland Reise, Reisejournal, Pubs und irische Musik
    Irland Reise, Reisejournal, Pubs und irische Musik Foto: Veronika Lintner

    Wenn es einmal kräftig regnete hier in Athlone, dann floss das Wasser früher mitten durch die Kneipe. Rieselte über den schrägen Steinboden, durch die Vordertür hinein und durch die Hintertür wieder hinaus. So war das auch gedacht: Am Ende schluckte hinterm Haus der Fluss Shannon das Spülwasser aus Feuerrauch und Schweiß, und der Regen schwemmte den klebrigen Whisky aus den Fugen. Apropos: „Die Mönche hier in den Klöstern waren die Ersten, die Whisky destilliert haben“, sagt Donovan. „Whiskey kommt von ‚Ish Kebah‘, und das bedeutet Wasser des Lebens.“ An jedem Tag schenkt Timmy nun an seinem Tresen aus und ist froh, sagt er, wenn seine Kraft für die Arbeit bis zum Ende der Woche reicht. Selbst am Weihnachtsabend feiern hier gut 40 Menschen am Kaminfeuer.

    Irisches fiddeln ist so viel anders als klassiches geigen

    Ein irisches Sprichwort besagt: Bist du in Athlone, dann bist du schon halb da. Die Stadt liegt in der Mitte, auf der Reise von Küste zu Küste. Heute führt sie durch eine Landschaft von grauem Steine und sehr grünen Wiesen, doch einmal soll hier alles Wald gewesen sein. „Die Iren sagen: Ein Eichhörnchen konnte sich damals von Wipfel zu Wipfel hangeln, von einem Ufer zum anderen, ohne den Boden zu berühren“, erklärt Ela Sooder. Der Bus erreicht Ennis. In Knox‘s Pub trifft sich an diesem wie an fast jedem Abend eine Gruppe von Musikern zusammen. In einer Session singen sie von verflossenen Lieben: „Er liebte eine andere viel mehr als mich.“ An den Tresen singen und murmeln sie andächtig mit.

    Felsig mit viel Grün: Das ist Teil von Irlands Charme.
    Felsig mit viel Grün: Das ist Teil von Irlands Charme. Foto: Veronika Lintner

    Wenn Laura Ugur die Fiddle spielt, dann geht ihr rechtes Bein mit der Musik. Ihre Augen schließt sie dabei halb, ganz versunken in die Musik, aber ihre Füße stampfen und stampfen. Es ist ein Trick, der ihr hilft, den Takt zu halten, wenn sie demnächst wieder im Pub aufspielt: „Im Lärm der Kneipe auf die Füße der anderen Musiker zu schauen, das hilft dabei.“ Sie selbst gibt Workshops mit der Fiddle. Mit neun Jahren begann sie, das Instrument zu lernen, bei einem Farmer in West Cork. Von ihm hat sie jede Woche eine neue Melodie abgelauscht. Ohne Notenpapier. Erst später hat sie Musik studiert und gibt es weiter. Aber auch heute: oft nur nach Gehör und Gefühl. „Jeder kommt hier so in Berührung mit der Musik im County Clare“, sagt sie.

    Laura Ugur unterrichtet die Fiddle in Ennis, County Clare

    Manche Melodien klingen schon seit 300 Jahren in den Wirtshäusern, andere entstehen in jedem neuen Moment, wo eine Session beginnt. „Diese sogenannten Sessions sind die Basis.“ Das bedeutet: Wo drei oder vier Musiker spontan zusammenkommen, in einem Pub, beginnt das Spiel. Flöte, Gitarre und ... klassische Konzertgeige? „Nein, unsere Ansprüche an der Fiddle sind andere“, sagt Laura. „Die Technik ist anders.“

    In der Folk-Musik gehe es weniger ums Eintrittsgeld, nicht ums Geigenspiel nach Schule, sondern noch viel mehr um die Persönlichkeit, die in die Musik fließt. Wie krumm man den Bogen hält oder seine Finger am Griffbrett? Egal! Sie demonstriert es und spielt eine irische Variation auf einen Walzer, schwingt den Ellenbogen mal so, dann so: „Und es klingt immer noch großartig, oder?“ Als würde man sich die Melodie per Flüsterpost weitererzählen.

    Laura Ugur ist Meisterin der Fiddle.
    Laura Ugur ist Meisterin der Fiddle. Foto: Veronika Lintner

    So eine Fiddle bleibt selten allein, wenn die Session beginnt: Für den irischen Originalklang braucht es die Trommel Bodhran, manchmal dazu Harfe und oft auch Flöte, mit dem Pfiff der Tin Wistle. Und spätestens, wenn Sänger dazu singen und das Akkordeon spielt, beginnt der Pub zu tanzen. Bei Laura dürfen die Gäste jetzt selbst einmal die Geige nehmen, denn Noten hat sie mitgebracht von einem alten Lied. „The Britches full of stitches“, eine irische Polka für Beginner. Die Geige zwischen Schulter und Kinn gespannt, der Bogen kratzt und knistert über die Saiten. Plötzlich klingt es schwer, was eben noch so locker klang.

    Original irische Musik: Zu Gast im Doolin Music House

    Aber wer die ganz ursprüngliche Tradition sucht, muss nach Doolin reisen. „Pub“, das steht kurz und knapp für „Public Houses“. Bürger öffneten ihre Wohnzimmer für das ganze Dorf, schenkten ein, kochten auf, in Teppich- und Sofa-Gemütlichkeit. Manche verdunkelten sogar die Fensterscheiben, gegen Gaffer. Im Doolin Music House aber steht heute alles für Gäste offen: In dem Wohnhäuschen auf einer grünen Anhöhe prasselt Feuerholz im Kamin. Während zwei Frauen Wein und Käse und Cracker reichen, sitzen zwei ältere Herren schon bereit mit Geige und Flöte. „Wir machen hier Musik und Geschichten“, sagt der Flötist Christy Barry. Es habe einmal eine Zeit gegeben, da seien wandernde Musiker sogar in Irland verpönt gewesen, selbst im Fischerdorf Doolin. Aber bei den Gebrüdern Russell fanden sie eine Bühne.

    Tuschezeichnungen an der Wand zeigen diese Männer, grau, schnauzbärtig, im Porträt. Micko, Packie und Gassie luden die Welt der Musik nach Doolin ein, brachten Sessions ins Rollen, bis in die 1960er-Jahre. „Sie waren Rebellen des Tanzes, der Musik und der Tradition.“ Und diese Tradition führt Barry weiter: „Ohne Musik wüsste ich nicht, wohin mit mir.“ Und der Mann mit den grauen Löckchen blinzelt aus seinen blauen Augen, zu seinem Geiger. „So, jetzt packen wir es an.“ Das erste Lied handle davon, wie die Welt denn so wäre, wenn es keine Frauen gäbe.

    Christy Barry (links) und James Devitt.
    Christy Barry (links) und James Devitt. Foto: Veronika Lintner

    Christy Barry pflegt in Doolin die ganz alte irische Pub-Tradition

    Die Welt habe er bereist, mit seiner Partnerin, „aber wir konnten keinen besseren Ort finden als Doolin“, sagt Barry. Vergleichbares? Finde man vielleicht noch in New Orleans. Und das, was New Orleans für den Jazz ist, sei Doolin für den irischen Folk. Und so spielt er jetzt drei Lieder in drei Minuten, alles auf Tempo, in Drehwurm-Manier. „So kann ich Tage verbringen, ohne an den Rest der Welt zu denken“, erklärt Barry danach. Seit gut 60 Jahren treten die Männer schon zu zweit auf, zu Beginn auch nur für eine Packung Kekse und ein paar Guinness mehr. Aber was bedeutet für sie Musik? „Frieden“, sagt Barry. „In diesen Liedern liegt keine Perfektion“, wird Barry sagen. „Aber Schönheit.“ Und so klingt die irische Musik in seinem Wohnzimmer. Und im erweiterten Wohnzimmer der Iren. In den Pubs der Insel.

    Die Autorin recherchierte auf Einladung von Tourism Ireland.

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