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Deutschlands höchste Pass-Straße feiert Jubiläum

Balderschwang

Die höchste Pass-Straße Deutschlands hat eine besondere Geschichte. 2026 wird hier Jubiläum gefeiert

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    Den Riedbergpass zwischen Obermaiselstein und Balderschwang gibt es heuer seit 65 Jahren.
    Den Riedbergpass zwischen Obermaiselstein und Balderschwang gibt es heuer seit 65 Jahren. Foto: Ralf Lienert

    Da die Rente seit geraumer Zeit zu den Topthemen in diesem Land gehört, beginnt diese Geschichte mit einem verrückten Gedanken: Eine der berühmten Pass-Straßen Deutschlands könnte sich 2026 theoretisch zur Ruhe setzen. Denn es ist 65 Jahre her, dass die Oberallgäuer sich über einen gewaltigen Bau zwischen den Gemeinden Balderschwang und Obermaiselstein freuten und der Riedbergpass eingeweiht wurde. Die ersten Fahrzeuge rollten 1961 über die neue Straße, deren höchster Punkt bei 1407 Metern gemessen wird. Rekordhöhe! Der Riedbergpass im südlichen Oberallgäu ist die höchstgelegene befahrbare Pass-Straße Deutschlands.

    Immer mehr Radler wollen den Riedbergpass bezwingen

    Pass-Straßen gehen natürlich nicht in Rente. Weswegen Einheimische auch künftig diese wichtige Verbindungsstraße benutzen können – und zahlreiche Touristen ein kurvenreiches Ziel haben, um dieses Herkuleswerk im Straßenbau zu bestaunen, zu befahren - und zu genießen.

    Nicht nur Autos oder Motorräder sind am Riedbergpass zu sehen. Immer mehr Zweiradfans wollen den Riedbergpass meistern – mit ihrem Bike oder dem Rennrad. Da ist dann gute Kondition gefragt. Denn bei einer maximalen Steigung von 16 Prozent (durchschnittlich werden zwischen vier und neun Prozent Gefälle gemessen) muss mitunter ganz schön gestrampelt werden. Da fließt der Schweiß der Radlfreunde in Strömen.

    Der Riedbergpass im Oberallgäu ist eine beliebte Motorradstrecke - und immer mehr Radler kommen.
    Der Riedbergpass im Oberallgäu ist eine beliebte Motorradstrecke - und immer mehr Radler kommen. Foto: Alexander Rochau, Imago (Symbolbild)

    Als der Riedbergpass Höhepunkt eines sportlichen Ereignisses war

    So wie im Juni 2002. Damals war der Riedbergpass quasi der Höhepunkt im Rahmen der Deutschlandtour, die von Wiesbaden über insgesamt 1150,8 Kilometer nach Stuttgart führte. Gerade die Königsetappe am Pass im Allgäu forderte die knapp 200 Profifahrer aufs Äußerste, von denen über die Hälfte es nicht bis ins Ziel schafften. Igor González de Galdeano ließ sich vom anspruchsvollen Riedbergpass nicht kleinkriegen und gewann diese namhafte Tour. 

    In erster Linie aber darf man den Riedbergpass und seine Umgebung genießen als Teil des Naturparks Nagelfluhkette. Auf einer Strecke von über zehn Kilometern weist die Straße einen Höhenunterschied von 620 Metern auf, und die geschätzte Zahl von weit über 1600 Fahrzeugen täglich, die auf dieser Verbindung zwischen Balderschwang und Obermaiselstein unterwegs sind, macht deutlich, welch immens wichtige Entscheidung damals im Jahr 1956 gefallen ist. Und auch, welcher touristische Anziehungspunkt diese Verbindungsstraße darstellt.    

    Die Bauarbeiten am Riedbergpass beginnen 1956

    Ein Rückblick: Es ist ein Jahrhundertbauwerk, das 1956 in Angriff genommen wird. Und im Grunde muss die Recherche noch weiter zurückführen, will man die Anfänge der Riedbergpass-Geschichte erzählen. Deutschland 1933, zu dieser Zeit heißt der Reichskanzler Adolf Hitler, und eben an den adressiert der damalige Bürgermeister von Obermaiselstein, Alois Dauser, ein Bittgesuch: Es möge doch eine Alpenstraße gebaut werden, damit die Nachbargemeinde Balderschwang eine direkte Verbindung zum Deutschen Reich und damit zu seiner Gemeinde bekomme. Denn die deutschen Balderschwanger müssten stets über Österreich fahren, um in „ihr“ Land zu gelangen – was eine Menge Zeit und auch Nerven in Anspruch nehme.

    Dausers Schreiben landet zu dieser Zeit vermutlich auf einem hohen Stapel an weiteren Briefen, die zur Seite geschoben werden. Und Priorität sollte mit dem Beginn der stockfinsteren Zeit unter einer Nazi-Herrschaft bald anderes haben. Aber Alois Dauser, ganz Allgäuer, lässt nicht locker, auch nicht nach dem schrecklichen Weltbrand. Den umtriebigen Bürgermeister zeichnet immense Hartnäckigkeit aus, und auch durch ein beachtlicher Weitblick: eine Persönlichkeit, bei der es sich lohnt, auf Spurensuche zu gehen.

    Die Entstehungsgeschichte des Riedbergpasses

    Ortstermin Obermaiselstein: Hier leben im einstigen Geburtshaus von Alois Dauser dessen Enkelin Heidi und ihr Ehemann Alexander Milz. Die Decken und Türstöcke sind niedrig angelegt, der Boden knarzt, im Wohnraum dominiert ein Kachelofen, um den herum zahlreiche mächtige Kuhschellen hängen. Es ist angenehm warm. Genauso stellen sich viele das Leben im Allgäu vor.

    Alexander Milz hat in zahlreichen Ordnern die Entstehungsgeschichte des Riedbergpasses abgeheftet. Dort finden sich Dokumente über Gespräche, Planung und Bau des Passes. Überliefert von Alois Dauser und in weiten Passagen in altdeutscher Schrift. Milz weiß fast alles über die höchstgelegene Fahrstraße Deutschlands. Und vor einiger Zeit ist er die treibende Kraft gewesen, den Pass mit Tafeln zu bestücken, damit Auto- und Motorradfahrer, Biker oder Fußgänger wissen, wo genau sie sich befinden. Zum Beispiel auf Höhe der „Schmidelars Näs“, „Am dürre Bichl“, im „Zille Tobel“ oder am „Schwobehof“.

    25 braune Schilder mit Emblem und weißer Aufschrift, mit alten und bisweilen schelmischen Namen sind entstanden – ein spannender Ausflug in die Allgäuer Heimatgeschichte.

    Beim Bau des Riedbergpasses passierten auch Unfälle

    Spannend muss auch der Bau des Passes ab 1956 gewesen sein. Ein enorm aufwändiger, nicht immer ungefährlicher Einsatz der Arbeiter ist notwendig, von denen einige aus Italien kommen, weil sie besondere Fähigkeiten bei den Tätigkeiten in schwierigem Gelände mitbringen. Immer wieder tauchen Probleme und Unwägbarkeiten beim Bau auf, das Gelände ist wild, mit unterschiedlichem Gefälle, der Untergrund hat beinahe täglich neue und vor allem unangenehme Überraschungen parat. Die Techniker und Arbeiter sind aufs Äußerste gefordert und ja, es passieren auch immer wieder Unfälle. Doch letztlich wissen alle, dass ein Baustopp keinen Sinn macht.  

    Eine historische Aufnahme vom Bau des Riedbergpasses im Oberallgäu.
    Eine historische Aufnahme vom Bau des Riedbergpasses im Oberallgäu. Foto: privat

    Gleichzeitig ist das Verhandlungsgeschick eines Gemeindeoberhaupts wie Alois Dauser gefragt, dem das Kunststück gelingt, 104 Grundstücksbesitzer vom Nutzen des Passes zu überzeugen und sie unter einen Hut zu bringen. Heute ein beinahe unvorstellbarer Gedanke.

    Als die Balderschwanger Bauern gegen die Maut protestierten

    Alexander Milz erinnert sich auch an den Einsatz hiesiger Politiker wie beispielsweise an jenen von Ex-Oberallgäu-Landrat Gebhard Kaiser, um Gelder vom Freistaat locker zu machen und auch vom Aufstand der Balderschwanger in den 70er-Jahren, die teilweise mit ihren Traktoren anrückten, um gegen eine anfängliche Mautgebühr zu protestieren. Die wurde dann auch tatsächlich abgeschafft – die kostenfreie Fahrt gilt bis heute.  

    Immer wieder blättert Milz an diesem Nachmittag in Ordnern, sucht diese und jene Stelle, um zu zeigen, wie teilweise akribisch die Vergangenheit des Riedbergpasses zwischen den Deckeln festgehalten ist. Und ja, in seinem Gesicht ist zu lesen, wie sehr ihn diese Art der Geschichte fasziniert. „Damals sind richtungsweisende Entscheidungen gefallen und voran getrieben worden“, betont er.

    In wenigen Minuten ist man in Obermaiselstein

    Heute ist es eine Selbstverständlichkeit, dass man von Balderschwang kommend in wenigen Minuten in Obermaiselstein ist. Und natürlich denkt im Normalfall der Autofahrer nicht an die Entstehungsgeschichte. Oder daran, wie unwägbar das Gelände einst gewesen ist und dass sogar, wie erwähnt, italienische Gastarbeiter ins Oberallgäu kamen, deren Expertise beim Bau von Natursteinmauern gefragt war.

    Wenn Heidi Milz, die Enkelin des „Riedbergpass-Vaters“, auf dieser Strecke unterwegs ist, fahre meist ein besonderes Gefühl mit, erzählt sie – und dabei eben auch immer wieder mal die Gedanken an den Großvater. Der ist denn auch in der guten Stube des Hauses an der Wand verewigt – auf einem Schwarzweiß-Foto hinter einem Bilderrahmen.  

    Rundtour für sportliche Radler über den Riedbergpass

    Streckenvorschlag für eine sportliche Allgäu-Rundtour über den Riedbergpass: Fischen – Riedbergpass – Balderschwang – Hittisau (Österreich) – Krumbach (Österreich) – Oberstaufen – Immenstadt – Sonthofen – Fischen.
    Tipp: Weitere 27 Höhenmeter kann man ein paar hundert Meter hinter der Passhöhe (von Obermaiselstein aus gesehen) in Angriff nehmen und zur bewirtschafteten Grasgehrenhütte hochfahren.

                               

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