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Königsbrunn

30.10.2019

Dieser Mann rettet die Couplets vor dem Aussterben

Als Coupelt-AG tritt (von links) Jürgen Kirner mit Bianca Bachmann, Bernhard Gruber und Berni Filser auf. Die Couplet-Arterhaltungsgesellschaft hat es sich zum Ziel gesetzt, die Kunstform widerzubeleben und nimmt in gleicher Weise große Politik und kleinbürgerlichen Alltag aufs Korn.
Bild: Bayerischer Rundfunk

Jürgen Kirner liebte schon als Kind die gesungenen Reime mit Mundart-Witz, doch die Kunstform war praktisch verschwunden. Heute hat er eine eigene Fernsehshow.

Er singt, witzelt, reimt – und das alles gleichzeitig. Jürgen Kirner gibt auf der Bühne gerne seine Couplets zum Besten. Begleitet wird er dabei von seinen Kollegen Bianca Bachmann, Bernhard Gruber und Berni Filser. Zusammen bilden sie die Couplet-AG, die Couplet-Arterhaltungs-Gesellschaft.

Herr Kirner, auf den ersten Blick könnte man meinen, dass Ihr Programm nur etwas Leichtes zum Lachen ist. Doch bei näherer Betrachtung steckt noch viel mehr dahinter.

Jürgen Kirner: In der Tat, das merkt man dann bald. Bei den Couplets ist es so: Die Musik ist ein wunderbares Transportmittel. Da kann man Bitterböses herrlich servieren, weil es immer noch lustiger rüberkommt, als wenn man es eins zu eins dem Publikum vorsetzt.

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Funktionieren alle Auftritte gleich?

Kirner: Im Bierzelt gelten zum Beispiel ganz andere Gesetzmäßigkeiten als auf der Kabarettbühne. Das hat nichts mit der Qualität zu tun, da müssen allgemeingültige Themen her. Da kann man nicht so diffizil arbeiten, keine stilleren Nummern machen. Deshalb schreibe ich ganz unterschiedlich, je nachdem, für welches Publikum wir spielen.

Wie wird es in Königsbrunn laufen?

Kirner: In Königsbrunn wird es mit „Die Rache der Chromosomen“ sehr pointiert und sehr unterhaltend, dennoch ist auch Tiefgang dabei. Es geht um die Veränderung der Gesellschaft und – wie schon der Titel verrät – um Verwandtschaft. Die ist nun mal da, ob man will oder nicht. Und Familie ist mitunter das Schlimmste, was man sich vorstellen kann, je nachdem, wo man hineingeboren wird.

Sie haben sich ausgerechnet die sehr selten gewordene Form des Couplets ausgesucht. Warum?

Kirner: Das Couplet ist ein wahnsinnig tolles Stilmittel, man kann unheimlich viel daraus machen. Ich vergleiche es immer mit Knetmasse: Man kann es in jede Richtung biegen, musikalisch sehr unterschiedlich aufbereiten, und man hat einen irrsinnigen Spaß dabei und sehr viele Freiheiten.

In Ihrer BR-Sendung „Brettl-Spitzen“ fördern Sie seit 2013 gezielt andere Couplet-Gruppen.

Kirner: Nachwuchsförderung finde ich sehr wichtig. Unser Leben ist endlich, deshalb muss man schauen, dass es weitergeht und muss die Begeisterung an die jüngere Generation weitergeben. Die kann sonst mit dem Begriff „Couplet“ oder mit Volkssängern nichts mehr anfangen. Das funktioniert im medialen viel besser, als wenn man das irgendwo vor Ort macht: Im Fernsehen erreiche ich viel mehr Menschen.

Setzen Sie die regelmäßigen Fernsehauftritte unter Druck oder haben Sie so viele Ideen, dass sie froh sind, wenigstens einige davon in Ihrer Sendung loswerden zu können?

Kirner: Eher Letzteres. Ich bin handwerklich und technisch total unbegabt. Dafür bin ich sehr kreativ. Mir fallen tausend Sachen ein und ich versuche gerne, Dinge umzusetzen, weil ich ein impulsiver Mensch bin. Ich kann zum Beispiel nur ein oder zwei Tage Urlaub machen, dann muss ich wieder etwas schreiben. Das treibt mich dann um, ich denke mir: „Du musst jetzt wieder produktiv sein.“ Für mich ist Schreiben Erholung.

Welchen Unterschied macht es, wenn Sie nicht allein, sondern als Couplet-AG auf der Bühne stehen?

Kirner: Das ist natürlich etwas ganz anderes. Wir sind vier Leute, deshalb habe ich auch eine Sorgfaltspflicht für die anderen. Sie müssen finanziell über die Runden kommen und da muss ich so schreiben, dass es funktioniert.

Wie sehr müssen Sie denn Kompromisse schließen, damit die ganze Gruppe zufrieden ist?

Kirner: Ich muss Zugeständnisse machen. Ich würde gerne mehr Typen und Szenen auf der Bühne spielen und mehr Lieder singen, aber das geht halt nicht. Ich muss gerecht aufteilen, weil sich alle wiederfinden sollen und alles muss ausgewogen sein. Bei uns gibt es Basisdemokratie. Schwieriger wird es auch, weil die Erwartungshaltung des Publikums über die Jahre wächst und man schon viele Themen bearbeitet hat.

Aber bisher haben Sie noch keine Themenfindungsprobleme?

Kirner: Nein, bis jetzt funktioniert alles wunderbar. Politik und Gesellschaft geben immer wahnsinnig viel her. Für mich ist es ein Geschenk, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte. Natürlich ist immer Druck da, aber ich kann mir raussuchen, wo ich spielen will und kann frei entscheiden.

Wenn Sie auf der Bühne stehen, wirken sie völlig entspannt. Sie scheinen genau der zu sein, der Sie auch im Privaten sind. War das immer so?

Kirner: Nein, ich war ein zutiefst in sich gekehrtes Kind. Ich war still, brav, angepasst, habe nicht aufgemuckt. Im Privaten mache ich auch heute nicht immer den Kasperl. Ich umgebe mich aber sehr gerne mit Menschen und philosophiere für mein Leben gern, denke über die Welt und gesellschaftliche Veränderungen nach.

Sie sind für die Texte zuständig, Bernhard Gruber steuert die Musik bei. Passt immer, was er komponiert?

Kirner: Meine Texte sind zuerst da, dann sage ich Bernhard, wie ich mir die Melodie grob vorstelle. Er macht das dann so und in aller Regel passt das auf Anhieb. Die Arbeitsteilung funktioniert wirklich bestens, seit über 25 Jahren.

Der BR hat im September Ihre frisch verfilmte Biografie ausgestrahlt. Darin haben Sie Ihr Leben in aller Öffentlichkeit ausgebreitet. War das eine große Überwindung?

Kirner: Ich bin generell ein sehr offener Mensch. Wenn mich jemand etwas fragt, antworte ich wahrheitsgemäß. Ob die Antwort dann Wohlgefallen findet oder ob sich die Menschen an mir reiben, ist mir eigentlich egal. Deshalb war die Biografie für mich nichts Absonderliches.

Im Film wird Ihrer Homosexualität ziemlich viel Platz eingeräumt. Geht es Ihnen auf die Nerven, wenn dieses private Detail Ihres Lebens immer wieder so in den Vordergrund gerückt wird?

Kirner: Ich werde es in diesem Leben nicht mehr schaffen, dass man darüber nicht mehr reden muss. Auch, weil in der politischen Landschaft das Extreme wieder stärker zutage tritt. In jeder Talkshow heißt es: „Der Kirner ist Kabarettist, ist bei der CSU und ist schwul. Wie geht das zusammen?“ Damit muss ich eben zurande kommen. Nach dem BR-Film über mich habe ich unwahrscheinlich viele Rückmeldungen bekommen, vor allem von jungen Männern, die sich nicht trauen, sich zu outen. Ich dachte, das ist längst überwunden, aber dem ist nicht so. Auch aus der Gegend um Augsburg habe ich viele Zuschriften erhalten, zum Beispiel aus den Stauden.

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