Bobingen-Waldberg Hermann Wiedemann hält mit seinem Wagen am Waldrand. Aus dem randvoll beladenen Kofferraum holt der Jäger zwei Sprühdosen heraus: „Wildschwein-Stopp“ und „Kitz-Rettung“. Die Dosen beinhalten Duftstoffe von Wolf und Hund, die das Wild von den Feldern und Wiesen fernhalten sollen. Vergrämungsmittel, wie die Jäger sagen. Stück um Stück besprüht er damit Tücher und Filze, die er am Waldrand befestigt. Auf den Wiesen stellte er am Vortag Attrappen aus Stock und Plastiktüte auf. An diesem Tag baut er die Scheuchen nur ab, weil noch nicht gemäht wird. „Sonst gewöhnen sich die Rehe dran“, sagt er. Trotz seines Einsatzes geraten Kitze unter das Mähwerk der Landwirte.
Sein eigenes 250 Hektar großes Gebiet
Der 71-Jährige weiß die Zeichen des Waldes zu deuten, die ihm in den vergangenen 54 Jahren begegnet sind. Damals noch als Jagdbetreuer hat er mittlerweile sein eigenes 250 Hektar großes Gebiet um den Bobinger Ortsteil Waldberg gepachtet. Wiedemann fand neben seiner Familie, seinem Beruf als Polizist, der Landwirtschaft und der Politik immer noch Zeit für sein Hobby und die Aufgaben, die dieses mit sich bringt. Seit einigen Jahren ist Wiedemann Rentner. Er hat seinen Posten als Stadtrat abgelegt, den Bauernhof führt sein Sohn. Er übernahm jedoch erneut die Leitung der Kreisgruppe Schwabmünchen des Bayerischen Jagdverbands.
Wiedemann kennt jeden Baum. Das glaubt man ihm, wenn er durch die Wälder streift und mit dem routinierten Schritt eines Touristenführers in moosgrüner Tracht die Stellen besucht, an denen die Wildtiere ihre Spuren hinterlassen. Die Wildschweine stehen derzeit unter strenger Beobachtung, deshalb sucht Wiedemann nach Stellen, an denen das Schwarzwild gewühlt hat.
Die Wildschweine sind es, die dem Jäger zusätzlich Arbeit bereiten. In den vergangenen Jahren stieg die Population enorm. Sie bekämen durch die milden Winter, den zunehmenden Ackerbau, aber auch durch übermäßige Fütterung das ganze Jahr genügend Nahrung. Die Sauen seien früher geschlechtsreif und die Frischlinge kämen nicht mehr zur selben Zeit zur Welt, sagt der Jäger. Wildschweine sind zwar Allesfresser, aber ebenso Gourmets. Auch wenn sie sich von Gras und Tierkadavern ernähren könnten, zieht es sie immer wieder raus auf die Wiesen und Felder, wo sie nach Engerlingen und Würmern graben oder sich über die Felder hermachen. „Um an den Hirschtrüffel zu gelangen, zertrümmern sie bis zu 40 Zentimeter tiefe Fichtenstöcke“, sagt der Jäger.
Wiedemann läuft die Stellen ab, an denen sich das Schwarzwild tummelt. Er zeigt auf eine Wasserstelle mitten im Wald: „Hier waren schon mehrere Tage keine Wildschweine mehr, das Wasser ist klar.“ Um das Schlammbad herum, die Suhle, tragen die Bäume bis auf Hüfthöhe keine Rinde mehr. „Das sind Malbäume. Daran reiben die Wildschweine den Schlamm aus ihrem Fell.“ Schweinehygiene, sozusagen. Wiedemann erzählt davon, wie häufig er sich schon herangepirscht hat, Zentimeter um Zentimeter, nur um keinen unnatürlichen Laut zu erzeugen. Mal traf er, mal nicht. „Schweinejagen ist wie betrügen: Erst Vertrauen aufbauen und dann missbrauchen“, sagt er.
Unbezifferbare Schäden für die Landwirtschaft
Er sieht das Jagen nicht als Sport oder Unterhaltung, aus seinen Worten spricht ein Pflichtgefühl gegenüber der Umwelt: „Natürlich regelt die Natur einen Teil, aber ein Großteil wird durch die Jäger reguliert.“ Wiedemann erzählt von unbezifferbaren Schäden für die Landwirtschaft ohne Jagd, aber auch von der Ausbreitung von Krankheiten und, dass jedes Tier in der Natur seine Berechtigung hat.
Wenn er Wildschweine beobachtet, muss er sich vor dem Abschuss sicher sein, dass es sich nicht um eine Muttersau handelt, erklärt er. „Waisenkinder hinterlassen ist das Schlimmste, was man machen kann“, sagt der Jäger. Was Wiedemann die Jagd bedeutet? Bei der Frage holt er Luft und atmet mit einem basstiefen „Mei“ aus: „Mei, die Leidenschaft und die Freude an der Natur.“