Ich erinnere mich: Acht Jahre war es her, als ich mich in einer ähnlichen Situation befand. Meine Handflächen waren damals feuchter als heute und möglicherweise trommelte ich mit dem Kugelschreiber auf dem Schultisch herum. Das hab ich immer gemacht, wenn ich nervös war. Damals gab es noch kein G8. Das konnte mir aber auch egal sein, weil die Fachhochschule im oberfränkischen Kulmbach schon immer mit der zwölften Klasse endete, so wie alle Fachhochschulen ohne Zusatzklasse. Jetzt liegt eine Gymnasialabschlussprüfung vor mir. Deutsch. Sollte eigentlich kein Problem für jemanden sein, der sechs Semester Germanistik und über zwei Jahre Literaturwissenschaften studiert hat.
Zur Absicherung ließ ich mich von Werner Altmann, Schulleiter des Schwabmünchner Leonhard-Wagner-Gymnasiums, beraten. „Eigentlich hat sich nicht viel verändert am Abitur. Die klassischen Aufgaben waren vor 30 Jahren beinahe identisch.“ Mit „klassische Aufgaben“ meint Altmann drei der fünf Themen, zwischen denen die Schüler wählen können: Gedicht-, Drameninterpretation und ein Auszug aus einem Roman. Etwa mit der Umstellung auf das achtjährige Gymnasium seien neue Fragestellungen dazugekommen, so genannte Materialaufgaben, die einen oder mehrere Zeitungstexte und zusätzliche Informationen, wie Kommentare aus sozialen Netzwerken, enthalten.
Stillstand ist gut, sag ich mir, vor allem, wenn ich dafür nicht lernen müsste und schlag das Heftchen mit den Prüfungsaufgaben auf. „Aufgabe I: Erschließen eines literarischen Textes.“ Darunter ein Gedicht von Joseph von Eichendorff. Ich überfliege ein paar Zeilen – „Vom blauen Meer, wo Schwäne singend gleiten, krystall’nen Inseln, blühend draus getaucht“ – und erinnere mich daran, dass ich die Romantiker jahrelang willentlich ignorierte. Im Nachhinein betrachtet: vollkommen zurecht. Ich überspringe die literarischen Aufgaben, Textauszüge von Arthur Schnitzler und Feridun Zaimoglu, weil mich die Materialaufgaben interessieren: neu und unbekannt. Also direkt zu „Aufgabe V: textbezogenes Argumentieren, auch in freieren Formen“. Der Affe scheint mir zuzublinzeln.
Um 13 Uhr, als die Abiturienten aus den Räumen strömen, unterhielt ich mich mit Hannes Wagner aus Untermeitingen und Moritz Schulz aus Graben. „So schwer wie in den letzten Jahren war es nicht“, sind sich beide einig. Sie wählten aber beide die klassische Dramenanalyse. Umut Aydim aus Schwabmünchen war es schließlich, der mir erzählt, dass er um sein Thema „gepokert“ habe und sich für eine Materialaufgabe entschied. Ihm liege die Interpretation von Symbolen nicht. „Wenn ich etwas von einem blauen Himmel lese, dann ist der Himmel blau.“
Richtig. Schuster, bleib bei deinen Leisten, sag auch ich mir und bearbeite die fünfte Aufgabe. Ich solle einen Kommentar zum Thema „Phrasen“ für eine überregionale Zeitschrift verfassen, steht dort schwarz auf weiß. Na, wenn das mal nichts ist. Ich trommle noch kurz mit dem Kugelschreiber auf dem Tisch und beginne: „Aller Anfang ist schwer...“