Der 57-jährige Hubertus Reichert ist ein leidenschaftlicher Ausdauer-Radsportler. Vor zwei Jahren nahm er an der wohl bekanntesten Langstreckenfahrt "Paris-Brest-Paris" teil und fuhr die 1200 Kilometer in knapp 60 Stunden am Stück durch. Jetzt hat er sich mit seinem schon damals benannten Ziel, der "1001 Miglia Italia“, einen weiteren Traum erfüllt.
Diese Langstreckenfahrt startet und endet jedes Jahr in Parabiago bei Mailand. Die vorgegebene Strecke muss innerhalb eines bestimmten Zeitraums abgefahren werden. Jeder legt seine Geschwindigkeit, Pausen und seine Schlafpausen selbst fest.
Malerische Ausblicke während der Langstreckenfahrt
Wegen der Corona-Bestimmungen gab es keinen Massenstart. Deshalb wurden die 305 Teilnehmer einzeln auf die 1601 Kilometer lange Rundstrecke geschickt. Hubertus Reichert fuhr mit der Startnummer 4723 um 17.06 Uhr los. "Am Anfang fuhr ich noch in Begleitung anderer Radfahrer, doch nach etwa 200 Kilometern war ich nur noch alleine unterwegs und kam als Einziger an den Kontroll- und Verpflegungsstellen an. Das war ein großer Unterschied zur Tour in Frankreich, wo das Fahrerfeld viel dichter ist und auch immer viele Zuschauer am Straßenrand stehen." Dafür seien die erste Streckenhälfte entlang der ligurischen Mittelmeerküste malerisch und die Verpflegung mit Pasta, Pizza, Melonen und Getränken sehr gut gewesen, erinnert sich Reichert.
Nach 764 Kilometern drehte der Kurs bei Bolsena nach Norden und führte am Trasimeno-See vorbei über den Bergrücken der Abruzzen zu dem durch Autorennen bekannten Mugello. 15.335 Höhenmeter mussten insgesamt überwunden werden. "Als es danach wieder bergab nach Ravenna ging und mein Fahrrad-Navi noch 400 Kilometer flach durch die Po-Ebene anzeigte, dachte ich, dass das Schwerste der Strecke überstanden wäre", sagt Reichert. Doch da sollte er sich täuschen, denn die ziemlich öden Straßen in der Industrieregion erwiesen sich an den Rändern als sehr rissig und brüchig. "Da musste der Hintern viel aushalten, und ich habe ein extra Polster einlegen müssen", gesteht der Strapazen gewohnte Ausdauerradler. Bei Tagestemperaturen von über 30 Grad genoss er die Nachtfahrten bei etwa 20 Grad geradezu.
Bobinger findet zwei Stunden Schlaf auf einer Plastikmatte
Nur zweimal hat er sich je zwei Stunden Schlaf auf Gymnastikmatten an Kontrollpunkten oder Tankstellen gegönnt, ansonsten nur 15-Minuten-Pausen mit Handywecker. "Am dritten Morgen war ich mal kurz vor dem Einschlafen über dem Lenker. Ich schleppte mich zu einer Cafébar und bestellte einen Espresso und ein Brötchen. Beim ersten Bissen schlief ich auf dem Hocker ein, wurde aber nach einer Viertelstunde wieder wach und fuhr weiter", berichtet Reichert. Bei der letzten Kontrollstelle hatte er versehentlich sein Handy liegen lassen und musste noch mal zurückfahren. Dabei fuhr ein Italiener an ihm vorbei, der dann zwei Minuten vor ihm das Ziel im Fußballstadion von Parabiago erreichte.
Reichert war drei volle Tage und die angebrochenen Start- und Ziel-Tage unterwegs und erreichte mit 71 Stunden und 39 Minuten die drittschnellste Fahrtzeit. Seine Durchschnittsgeschwindigkeit auf den exakt gemessenen 1612 Kilometern betrug 22,5 Stundenkilometer. Der schnellste der 230 angekommenen Teilnehmer war ein Belgier, der drei Stunden weniger als Reichert brauchte. Am Ziel angekommen, wurde Hubertus Reichert von seiner Frau Gertraud empfangen, die ihn bei seinen Abenteuern stets begleitet und die Tage auf einem Campingplatz mit "ganz normalen Radtouren an den Kanälen in Mailand" verbracht hatte.
Hubert Reichert aus Bobingen trainiert täglich und fährt lange Touren
Für die sportlichen Torturen trainiert Reichert täglich. Er fährt mit dem Rad von Bobingen zur Arbeitsstelle nach Haunstetten und nutzt die Wochenenden zu langen Touren. Nach den Erfahrungen aus der Tour Paris-Brest, wo er danach noch ein halbes Jahr lang unter klammen Fingern litt, hat er sich diesmal einen komfortableren Triathlonlenker zugelegt. Da sein Tourenrad straßentauglich sein muss, erzeugt er den Strom für die Beleuchtung, sowie für Navi, Handy und Akku selbst durch Strampeln über den eingebauten Nabendynamo. Nach Erholung von den Strapazen der "1001 Miglia Italia" träumt er schon wieder von weiteren großen "Brevets" in Spanien oder England. "Aber vielleicht mache ich auch mal ein Jahr Pause."