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Königsbrunn: Friedhöfe als Spiegel ihrer Zeit

Königsbrunn

Friedhöfe als Spiegel ihrer Zeit

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    Im evangelischen Friedhof in Königsbrunn, westlich der Johanneskirche gelegen, gibt es immer mehr aufgelassene Grabstellen, die Lücken im Gräberfeld hinterlassen.
    Im evangelischen Friedhof in Königsbrunn, westlich der Johanneskirche gelegen, gibt es immer mehr aufgelassene Grabstellen, die Lücken im Gräberfeld hinterlassen. Foto: Hermann Schmid

    Als einen „Ort voller Leben“ bezeichnete Pfarrer Ernst Sperber den Friedhof im Allgemeinen, auch den der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Königsbrunn. „Es ist der am meisten frequentierte Ort unserer Kirchengemeinde“, so Sperber, „an einem Tag mit gutem Wetter kommen zwischen 45 und 85 Menschen hierher“. Dabei liegt er einige hundert Meter westlich der Johanneskirche. Vor 175 Jahren wurde er geweiht. Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zum Jubiläum sprach jetzt Prof. Dr. Reiner Sörries über die „Kulturgeschichte der (christlichen) Friedhöfe“. Der evangelische Theologe und emeritierte Professor für christliche Archäologe und Kunstgeschichte leitete von 1992 bis 2015 das Museum für Sepulkralkultur in Kassel. Er hat über den Themenkreis Bestattungen und Friedhöfe zahlreiche, auch populärwissenschaftliche Bücher veröffentlicht.

    Pfarrer Ernst Sperber (links) begrüßte Prof. Dr. Reiner Sörries zum Vortrag über den Wandel in der Bestattungskultur durch die Jahrhunderte.
    Pfarrer Ernst Sperber (links) begrüßte Prof. Dr. Reiner Sörries zum Vortrag über den Wandel in der Bestattungskultur durch die Jahrhunderte. Foto: Hermann Schmid

    Sörries führte die etwa 25 Zuhörer im Gemeindezentrum auf eine Zeitreise durch die Geschichte der Bestattungen. In großen Sprüngen, aber mit anschaulichen Details ging es (mit Fokus auf Europa und Deutschland) von der Frühzeit über die Römer und das Mittelalter bis in die Gegenwart. Der Umgang mit Verstorbenen änderte sich erheblich, immer war es ein Bündel von Aspekten, die da zusammenwirkten: die Ehrfurcht gegenüber Göttern und den Verstorbenen, die Idee eines Lebens nach dem Tod (ablesbar an Grabbeigaben). Aber auch die Notwendigkeit von Hygiene, sobald Menschen sich in Siedlungen niederließen. „Viele Änderungen in der Bestattungskultur haben keine geistigen Auslöser, sondern ganz praktische Überlegungen“, hielt Sörries fest. 

    Von Brandbestattungen zu Erdbestattungen

    So führte er den weitverbreiteten Wandel von Brand- zu Erdbestattungen ab dem ersten nachchristlichen Jahrhundert darauf zurück, das Holz im gesamten Mittelmeerraum sehr knapp wurde. Und als Karl der Große um 800 verfügte, Bestattungen dürften nur noch auf Kirchhöfen stattfinden, war das eines der Mittel, um seine Herrschaft über heidnische Stämme zu festigen. Religiös wurde argumentiert, dass die Verstorbenen nahe bei den jeweiligen Reliquien lagen – und die Heiligen würden ja am jüngsten Tag als erste von den Toten auferweckt. Mit der Reformation spielten Reliquien in protestantischen Gebieten keine Rolle mehr. Friedhöfe wurden nun abseits der Kirchen angelegt, die Kirchplätze in Städten oft wirtschaftlich genutzt, so Sörries. Von den Römern bis ins 19. Jahrhundert boten Bestattungen und Gräber immer auch eine Gelegenheit, Reichtum und Ansehen einer verstorbenen Person – und ihrer Nachfahren – darzustellen.

    Mit der Aufklärung und in der Neuzeit schwand der Glaube an traditionelle Lehren der Kirchen. Sörries illustrierte dies mit der „Freireligiösen Gemeinde Berlin“, die im 19. Jahrhundert über den Eingang zum Friedhof schrieb: „Schafft hier das Leben gut und schön / kein Jenseits ist, kein Aufersteh’n“. 

    Seit den 80ern werden Leichen im Kreis Augsburg wieder häufig verbrannt

    Seit Ende der 1980er-Jahre zeigt sich erneut erheblicher Wandel in der Bestattungskultur: weg vom Familiengrab hin zu Urnengräbern. Anonyme Bestattungen, See- und Waldbestattungen nehmen zu. Neben wachsender Ablehnung von Konventionen und einem Trend zu individuellen Lösungen, so Sörries, spiele hier auch der Aspekt, Kosten und Grabpflege zu reduzieren, eine Rolle.

    Auch der evangelische Friedhof in Königsbrunn stehe mitten in diesem Wandel. Sörries hat sich einige Tage vor seinem Vortrag dort umgesehen. „Absolut gepflegt“, so sein Eindruck, „viele Menschen, die ihr Familiengrab noch wertschätzen“. Er sah aber auch immer mehr Lücken durch aufgegebene Grabstätten. Dieser Trend führe zu steigenden Gebühren pro Grab, was wiederum die Zahl der Gräber sinken lasse. Sörries erwähnte, dass schon frühchristliche Kirchenväter ihren Gemeinden geraten hätten, wertvolle Gegenstände zu verkaufen, um allen Mitgliedern eine kostenlose Bestattung bieten zu können. Welche Auswirkung hätte wohl die Schlagzeile „Evangelische Christen kriegen kostenlose Bestattung“ auf Überlegungen zum Kirchenaustritt? 

    Er regte eine „Spiritualisierung des Friedhofs“ an. Als gelungene Beispiele zeigte er die evangelischen Friedhöfe in Neumünster bei Kiel, die mit künstlerisch gestalteten Themenbereichen beeindrucken. So ein Friedhof biete für eine Kirchengemeinde die Chance, öffentlich präsent zu sein und ihre Identität weiterzuentwickeln. „Wenn ein evangelischer Friedhof in Zukunft neben einem kommunalen noch seine Berechtigung haben möchte“, betonte Prof. Sörries, „dann sollte er seinen christlichen Hintergrund herausstellen“.

    Aufwändig gestaltete Familiengräber sind nicht nur im evangelischen Friedhof in Königsbrunn selten geworden.
    Aufwändig gestaltete Familiengräber sind nicht nur im evangelischen Friedhof in Königsbrunn selten geworden. Foto: Hermann Schmid
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