Entgegen einer reichweitenstarken Behauptung war die Abschaltung von Kernkraftwerken in Deutschland nicht in erster Linie eine Klimaschutzmaßnahme.
Der Atomkraft-Ausstieg bringt eine teils hitzig geführte Debatte mit sich - und dabei geht es nicht immer um Fakten. Zum Beispiel wird behauptet, Deutschland habe als einziges Land dem Klimaschutz zuliebe AKW abgeschaltet.
„Vollständige Liste der Länder, die ihre Atomkraftwerke abgeschaltet haben, um das Klima zu schützen:“ Deutschland ist einzig auf Platz 1 gelistet, alle anderen bleiben leer. Der Beitrag erhält viel Zustimmung und wird häufig geteilt. Wie kam es zum Atomausstieg?
Bewertung
Der Atomausstieg in Deutschland wird zuallererst mit Sicherheits- und Entsorgungsrisiken begründet. Als Klimaschutz-Maßnahme ist dagegen der Ausstieg aus dem Kohlestrom gedacht.
Fakten
Auf der Webseite des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) heißt es hierzu: „Auslöser für die Abstimmung im Deutschen Bundestag - und die Entscheidung für den Atomausstieg - war die Nuklearkatastrophe in Fukushima vom 11. März 2011.“
Der schwere Reaktorunfall in Japan lösten umgehend einen breit geführten gesellschaftspolitischen Diskurs über die künftige Nutzung der Kernenergie aus, wie beispielsweise auf der Webseite des Bundesrats nachzulesen ist.
Bei der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel führte der Unfall zu einem Umdenken, das sie drei Tage später vor Kameras erklärte: „Die Ereignisse in Japan lehrten uns, dass Risiken, die für absolut unwahrscheinlich gehalten wurden, doch nicht vollends unwahrscheinlich sind.“ Kurz darauf forderte sie im Bundestag einen „Atomausstieg mit Augenmaß“.
Eigentlich hatte die schwarz-gelbe Regierung einen von Rot-Grün 2002 beschlossenen Atomausstieg erst 2010 wieder zurückgedreht. Doch nach der Fukushima-Katastrophe folgte ein Bundestagsbeschluss im Sommer 2011, der von einer parteiübergreifenden Mehrheit getragen wurde. Gerade deshalb hatte die Entscheidung im Bundestag BASE zufolge eine «besondere Qualität»: Befürworter wie Gegner von Atomenergie waren sich damit einig, wie es beim bei dem Bundesamt heißt.
IEA: Mehr als 40 Staaten planen Ausbau
Im April 2023 wurden hier die letzten Kernkraftwerke abgeschaltet. Derzeit betreiben laut Statistischem Bundesamt 12 der 27 EU-Staaten Kernkraftwerke. 15 Länder in Europa erzeugen also keine Kernenergie.
Darunter sind neben Deutschland zum Beispiel auch Österreich, Portugal und Italien. In vielen Ländern wird Atomenergie breit diskutiert - ob mögliche Einstiege in die Kernkraft, etwa in Dänemark, oder Kursänderungen in Ländern, die aussteigen wollen, wie in Spanien, aber auch im deutschen Nachbarland Schweiz.
In Belgien wurden frühere Ausstiegspläne aufgehoben. Laut einer Studie der Internationalen Energieagentur (IEA) planen mehr als 40 Staaten auf der Welt einen Ausbau der Stromerzeugung durch Kernkraft.
Ob Atomkraft für eine klimafreundliche Energiepolitik sinnvoll ist, ist auch in Deutschland weiterhin umstritten. Anders als der Atomausstieg ist der schrittweise Ausstieg aus der Stromerzeugung aus Kohle, der 2020 nach langen Verhandlungen beschlossen wurde, klimapolitisch begründet.
Suche nach Endlager für hochradioaktiven Müll läuft
Die IEA erklärt auch drohende Abhängigkeiten als daraus resultierende Risiken, wie etwa die Tagesschau im Zusammenhang mit dem „Comeback“ der Kernkraft berichtet. Ein aktueller Stand zur Kernenergie in Europa ist beim Statistischen Bundesamt zu finden. Eine Übersicht zur globalen Atomkraft ist im World Nuclear Industry Status Report 2025 zu finden.
Mehr Informationen sind ebenfalls in dem ausführlichen BASE-Bericht „Atomausstieg in Deutschland: Viele Aufgaben in der nuklearen Sicherheit bleiben“ zusammengetragen. Unter anderem beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), bei der Bundesgesellschaft für Endlagerung und beim BASE ist darüber hinaus nachzulesen, wie schwierig die Suche nach einem Endlager für atomaren Müll ist.
(Stand: 14.11.2025)
Recherche vertiefen? Hier geht‘s zu den Links
- Berichterstattung über die Sprengung der Kühltürme der Günzburger Zeitung
- BASE: Atomausstieg in Deutschland (archiviert)
- BASE über Fukushima (archiviert)
- Bundestagsbeschluss vom 30. Juni und 1. Juli (archiviert)
- Bundesrat: Das Ende einer langen Debatte (archiviert)
- BUND über Endlager-Suche für Atommüll (archiviert)
- BASE über hochradioaktive Abfälle (archiviert)
- FR über Atomkraft-Debatte in Dänemark (archiviert)
- SRF: Chronologie der schweizer Atomdebatte (archiviert)
- Euronews über Debatte in Spanien zur Kernenergie (archiviert)
- DW: Belgien macht Atomausstieg rückgängig (archiviert)
- IEA: The Path to a New Era for Nuclear Energy (archivierte pdf)
- Tagesschau: Das weltweite Comeback der Atomenergie (archiviert)
- bpb über Atomausstieg in Deutschland (archiviert)
- Statistisches Bundesamt: Strom aus Kernenergie in der EU (archiviert)
- World Nuclear Industry Status Report 2025 (archivierte pdf)
- BASE-Publikation: Atomausstieg in Deutschland (pdf, archiviert)
- Facebook-Post mit Behauptung (archiviert)
- Bundesgesellschaft für Endlagerung (archiviert)
- SWR zu Merkels Auftritt nach Fukushima-Unfall (archiviert)
- Bundestag zu Merkels Äußerung zum Atomausstieg (archiviert)
- deutschland.de Pro und Kontra Atomkraft (archiviert)
- Klimafakten zu Atomkraft und Klimaschutz (archiviert)
- Bundeswirtschaftsministerium zum Kohleausstieg (archiviert)
- Bundestag zur Geschichte des Atomausstiegs 2002 bis 2011 (archiviert)
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