Es ist Anfang November 2025, mitten in den USA, kurz vor acht Uhr morgens, da steht Luca Madeo im Startblock des Indianapolis Monumental Halbmarathons. Während Zuschauerinnen und Zuschauer den kühlen zehn Grad mit Jacken trotzen, steht Madeo in kurzer Hose und kurzem Laufshirt bereit, Startnummer 303, den Blick nach vorne gerichtet. Der Startschuss fällt – und Madeo ahnt nicht, dass er hier, über 7000 Kilometer von seiner Heimat entfernt, gleich einen neuen deutschen Rekord aufstellen wird.
Madeo, 22 Jahre alt, stammt aus Ostfildern bei Stuttgart. Bis 2020 spielte er dort Vereinsfußball, einen großen Traum vor Augen: Profifußballer zu werden. „Irgendwann hab‘ ich gemerkt, das wird nichts”, sagt er und lacht. “In der Schule war ich auch eher durchschnittlich. Aber ich wollte immer in etwas gut sein.“
Eigentlich will Luca Madeo Fußball-Profi werden – dann kommt Corona
2020, Madeo ist 17, da greift die Corona-Pandemie um sich. Fußballtraining wird abgesagt, er beginnt mit Joggen – aus Langeweile, wie er heute sagt. Schnell merkt er, dass ihm das Laufen liegt. Er tritt der LG Filder bei, einem Verein aus seiner Umgebung, um sich der Leichtathletik zu widmen. Bis zu den ersten Erfolgen dauert es kaum neun Monate: Er wird baden-württembergischer U20-Meister über 3000 Meter.
Schnell werden auch Universitäten aus den USA, die Athleten für ihre Sportabteilungen suchen, auf seine Leistungen aufmerksam. Über eine Agentur, die Kontakt zu US-Colleges herstellt und die Bürokratie übernimmt, erhält er ein Vollstipendium an der University of Cumberlands in Williamsburg, Kentucky. 2023 zieht Madeo in die Staaten. Für ihn bedeutet dieser Schritt Studium und Sport zugleich – eine Mischung, die ihn besonders reizt.
Leichtathlet erhält ein Stipendium in den USA – und holt schnell Titel
Seine neue Heimat mit 20 Jahren wird also Kentucky. Sport: Leichtathletik, Studium: Sportwissenschaften. Kaum angekommen in den USA, “bin ich direkt völlig explodiert”, erzählt er grinsend. Er wird für das beste Team der Saison nominiert, qualifiziert sich für Meisterrunden und läuft immer wieder neue Bestzeiten. Auch sein großes Ziel, fünf Kilometer in unter 15 Minuten zu laufen, erreicht er.
Und es soll noch besser kommen: 2025 wird zum bedeutendsten Jahr in Madeos bisheriger Laufbahn. Im Frühjahr gewinnt er zunächst über 5000 Meter die „Indoor & Track Field“-Meisterschaften, im Mai wird er dann „NAIA Outdoor & Track Champion“ über 10.000 Meter – beides sind renommierte Wettbewerbe in den USA. Das wohl größte Highlight liegt aber dazwischen: Im April läuft Madeo seinen ersten Halbmarathon in Paderborn und wird auf Anhieb Deutscher Meister. Drei Monate später startet er auch für Deutschland bei der U23-Europameisterschaft in Norwegen.
Wie sich all die Erfolge anfühlten? “Wahnsinnig schön”, sagt er, ergänzt dann aber, dass auf den Rausch ein Loch folgte. „Ich musste mich schon fragen: ,Luca, du wurdest Deutscher Meister. Was soll da noch kommen?‘“ Madeo trainierte weniger, lief 70 Kilometer anstatt der sonst üblichen 160 bis 180. Doch er machte weiter und fand zu seinem normalen Wochenpensum zurück. “Aufgeben ist keine Option. Ich möchte das Möglichste aus mir rausholen.”
Madeo ist Deutscher Meister und Rekordhalter im Halbmarathon
Studium und Sport zu kombinieren, und das inzwischen im dritten Jahr, ist dabei eine große Herausforderung. „Circa zwölf Stunden Studium und Training jeweils“, erzählt er lachend. „Pro Woche, nicht pro Tag natürlich.“ Verzichten muss er auf viel. Ob ihn das stört? „Anders geht das nicht. Wenn man einer der besten sein will, dann muss man auch so leben.“ Auch das viele Unterwegs-Sein – Läufe finden etwa in Boston, Florida oder Tennessee statt – sei okay. „Amerika ist für mich schon zu 80 Prozent Heimat.” Trotzdem sei die Verbundenheit zu seiner schwäbischen Heimat wichtig.
Dass er durch seinen rasanten Aufstieg für manche zum Vorbild geworden ist, ist ihm bewusst. “Wer realistische Ziele setzt und wirklich will, kann mit ein wenig Glück sehr, sehr viel erreichen“, sagt er. Das wolle er auch anderen mitgeben. Talent gehöre dazu, aber das Wichtigste sei harte Arbeit.
Was daraus werden kann, zeigte sich auch an jenem kalten Morgen Anfang November 2025. Als Luca Madeo über die Ziellinie lief, blinkte auf der Anzeige die Zeit 1:03:31 auf – neuer deutscher U23-Rekord im Halbmarathon, als über gut 21 Kilometer. Damit brach er die bisherige Bestmarke, die Top-Athlet Hendrik Pfeiffer 2015 aufgestellt hatte. “Eine große Ehre, neben so einer großen Persönlichkeit aufgeführt zu werden”, sagt Madeo.
Langfristig peilt Madeo große Ziele an, über manche will er noch nicht öffentlich reden. Klar ist: Er möchte schneller werden, Deutschland weiterhin international vertreten und seine Titel in den USA verteidigen. Besonders wichtig für ihn: eine Titelverteidigung über 5000 Meter in Florida am 6. März, seinem Geburtstag. Mitte März tritt er für Deutschland auch bei der FISU Student Cross Country Weltmeisterschaft in Italien an.
Ihm sei bewusst, dass es in zehn Jahren jemanden geben werde, „der besser ist als ich”, sagt Madeo. Aber dann kann er immer noch die Geschichte erzählen, wie er einst aus Langeweile mit dem Joggen anfing – und einfach nicht mehr aufhörte.
#redaktionjoko
Dieses Porträt ist in Zusammenarbeit mit der Uni Passau entstanden. Studentinnen und Studenten des Studiengangs Journalistik und Strategische Kommunikation (JoKo) arbeiteten unter der Leitung von Max Kramer, Veronika Lintner und Verena Wengert (Augsburger Allgemeine und Günter Holland Journalistenschule) an einer Serie bewegter Lebensläufe aus ganz Deutschland. Das hier ist das Ergebnis. Alle Porträts sind nachzulesen unter www.azol.de/redaktionjoko.
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