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Mehr als Vergessen: Demenzberaterin Nina Hinrichsen macht Kranken und Angehörigen Mut

Hamburg

Und täglich grüßt Frau Hinrichsen: Wie diese Frau die Angst vor Demenz nehmen will

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    Nina Hinrichsen unterstützt Menschen mit und ohne Demenz und zeigt ihnen einen Umgang mit der Krankheit.
    Nina Hinrichsen unterstützt Menschen mit und ohne Demenz und zeigt ihnen einen Umgang mit der Krankheit. Foto: Fotostudio Hamburg Poppenbüttel

    „Hallo, ich bin noch da.“ Ruhig spricht Nina Hinrichsen den Satz, mit dem sie viele ihrer Schulungen über Demenz beginnt. Er stammt von Richard Taylor, der mittlerweile verstorbene Psychologieprofessor lebte mit Alzheimer und schrieb über seine Erfahrungen. Hinrichsen mag diesen Satz, weil er den Blick verschiebt – nicht auf das Vergessen, sondern auf den Menschen, der ist. 

    Alles begann mit einer Diagnose in der Familie. Hinrichsen, 49 Jahre alt, ist gelernte Krankenschwester. Auf der Station in der Hamburger Universitätsklinik, in der sie viele Jahre arbeitete, war Demenz zwar ein Begriff, aber nicht Alltag. Bis ihre Schwiegermutter „tüdelig“ wurde, wie man in Hamburg liebevoll sagt. Die beiden standen sich nah. Wenn Nina Hinrichsen über sie spricht, wird ihre Stimme sanft. 

    Wenn Demenz auch den Alltag der Angehörigen verändert

    Eines Tages ereilte ihre Schwiegermutter ein medizinischer Notfall, sie musste sich einer Notoperation unterziehen. Nach der Narkose war alles anders: Von einem Tag auf den anderen war ihr Kurzzeitgedächtnis praktisch verschwunden. „Du musst dich jetzt mal anziehen, wir haben einen Arzttermin“, sagte Hinrichsen eines Morgens. „Ich habe keinen Arzttermin, das weiß ich wohl besser als du“, antwortete ihre Schwiegermutter. Zwei Welten, zwei Wahrheiten.

    Infos und Anlaufstellen zum Thema Demenz:

    • Alzheimer Gesellschaft Augsburg: Beratung, Wissen, regionale Ansprechpartner: www.alzheimer-augsburg.de
    • Kompetenznetz Demenz Augsburg: www.demenzpaten-augsburg.de
    • Allgemeine Infos: www.alzheimerundwir.com und www.demenzworld.com
    • Buch-Empfehlungen: „Dement, aber nicht bescheuert“ von Michael Schmieder und „Der alte König in seinem Exil“ von Arno Geiger
    • Podcast-Empfehlung: „Leben, Lieben, Pflegen – Der Podcast zu Demenz und Familie“ von Desideria Care

    Widerstände und Hilflosigkeit zu Hause veränderten Hinrichsens Blick, wie sie heute erzählt. Sie habe nach einem Umgang mit der Vergesslichkeit gesucht, Bücher gelesen, Fortbildungen besucht. „Im Beruf ging es mir immer um die Menschen, aber im Stationsalltag fehlte dafür die Zeit“, sagt sie. Hinrichsen entschied sich für einen neuen Weg und wechselte in eine Tagespflege für Menschen mit und ohne Demenz. In der Schweiz absolvierte sie parallel eineinhalb Jahre eine Weiterbildung, um Demenz besser verstehen zu können.

    Respekt ist im Umgang mit Demenz besonders wichtig

    In der Tagespflege war ein Mann, Knut. Jeden Morgen begrüßte Hinrichsen ihn zum ersten Mal. „Stell dir vor, jemand setzt dich jeden Tag in ein Auto, zu einem Fahrer, den du nicht kennst, bringt dich an einen Ort, der dir fremd ist“, sagt sie. „Und du gehst trotzdem hinein. Was für eine enorme Kraftanstrengung – was für ein Mut.“ Nina Hinrichsen hält kurz inne. In ihrer Stimme liegt Respekt. Nicht vor der Krankheit, sondern vor dem Menschen dahinter.

    Statt ‚Sie waren doch gestern schon hier‘, sagt Hinrichsen ‚Ich glaube, wir sind uns schon begegnet‘. Ihr Eindruck sei gewesen, erzählt sie, dass es Knut entlastete, nicht erklären oder erinnern zu müssen. „Als falle für einen Moment die Anstrengung ab, sich nichts anmerken zu lassen.“ 

    Menschen mit Demenz fühlen sich oft einsam. Genau in diesen Fällen versucht Nina Hinrichsen zu helfen.
    Menschen mit Demenz fühlen sich oft einsam. Genau in diesen Fällen versucht Nina Hinrichsen zu helfen. Foto: Dmitrij Rudmann

    Genau darum geht es der 49-Jährigen: Menschen, die sich fremd fühlen, das Gefühl zu geben, aufgehoben und willkommen zu sein. Dafür brauche es einen anderen Blick, sagt sie. Und auch andere Worte: Aus Pflegenden werden Assistierende, aus forderndem Verhalten hinweisendes. Kein Abwerten, kein Beschämen, sondern Verständnis für eine andere Welt, so Hinrichsen. Diese neue Sichtweise mache den Umgang leichter. 

    Schwer bleibt die Krankheit dennoch. „Die Trauer und das immer wiederkehrende Abschiednehmen bleiben“, sagt Hinrichsen. Um besser mit dem Thema umgehen zu können, hat sie sich ein Ritual angewöhnt. Früher ließ sie ihre Arbeitskleidung in der Klinik, heute trägt sie bei der Arbeit einen Ring. „Wenn ich ihn abends abnehme, lege ich das ab, was schwer war, und nehme mit, was mich bereichert hat“, erzählt Hinrichsen.

    Informationen über den Umgang mit Demenz für Jung und Alt

    Heute berät Hinrichsen regelmäßig bei der Alzheimer-Gesellschaft in Hamburg rund um das Thema fortschreitende Vergesslichkeit. Jedes Gespräch ist wie eine Wundertüte, sagt sie. Jeder und jede ist individuell. Immer öfter suchen auch junge Menschen Rat: Enkel, Töchter, Nichten. Sie wollen verstehen, was ist und was kommen kann. Hinrichsen zeigt ihnen dann, was es im Umgang mit der Krankheit schon gibt, von technischen Hilfen bis hin zu Angeboten wie Tanzcafés, Konzerten oder Treffen der Alzheimer-Gesellschaft. Früh informiert zu sein, sagt Hinrichsen, nehme Angst und mache aus Hilflosigkeit die Fähigkeit zu handeln. 

    Der Umgang mit Demenz ist für sie auch ein gesellschaftlicher Auftrag – weg von kognitiver Höchstleistung, hin zu einem empathischen Miteinander. Man könne von Menschen mit Demenz lernen, sagt sie. „Oft fehlt uns dafür aber die emotionale Ebene.“ Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen könnten zeigen, wie das geht: langsamer, authentischer, fühlender. Was es dafür brauche, sei Kommunikation, auch wenn die Worte fehlen.

    „Meine Aufgabe ist zu spüren, was mein Gegenüber braucht, auch wenn ich nicht jedes Wort verstehe“

    Nina Hinrichsen, Demenzexpertin

    „Manche sprechen in einer Art Geheimsprache“, sagt Hinrichsen. Ein Blick, eine Geste, eine Berührung – wer beobachtet, versteht. „Meine Aufgabe ist zu spüren, was mein Gegenüber braucht, auch wenn ich nicht jedes Wort verstehe.“ Es geht um Menschen, die trotz Einschränkungen kommunizieren wollen und können, wenn man sich auf sie einlässt. 

    Hinrichsen liest den Abschnitt von Richard Taylor zu Ende, und laut vor: „Halten Sie Blickkontakt, wenn Sie mit mir sprechen. Ich wurde zu oft ignoriert.“ Vielleicht geht es bei Demenz nicht zuerst um das Vergessen. Sondern darum, nicht vergessen zu werden.

    #redaktionjoko

    Dieses Porträt ist in Zusammenarbeit mit der Uni Passau entstanden. Studentinnen und Studenten des Studiengangs Journalistik und Strategische Kommunikation (JoKo) arbeiteten unter der Leitung von Max Kramer, Veronika Lintner und Verena Wengert (Augsburger Allgemeine und Günter Holland Journalistenschule) an einer Serie bewegter Lebensläufe aus ganz Deutschland. Das hier ist das Ergebnis. Alle Porträts sind nachzulesen unter www.azol.de/redaktionjoko.

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