Der Uni-Alltag kann oft hektisch sein. In einer Passauer Bibliothek wechseln manche Studierenden ihre Plätze ständig. Einige dagegen sind immer besetzt, morgens wie abends. Marc Nickel ist einer dieser Dauernutzer. Alles ist still, jeder arbeitet konzentriert. Nickel gönnt sich eine kurze Pause, geht die Treppen hinunter zum Ausgang, vorbei an vielen Studierenden. Draußen angekommen, zückt er sein Handy und beginnt sein neues Tiktok mit den Worten: „Ein Tag im Leben eines Jurastudenten.“
Der 23-Jährige kommt ursprünglich aus Hamburg, ist aber in Rosenheim in Bayern aufgewachsen. Während eines Praktikums im Krankenhaus stellte er fest, dass er kein Blut sehen kann. Damit war sein ursprünglicher Plan Arzt zu werden hinfällig. Die Entscheidung für ein Jurastudium fühlte sich für ihn richtig an: „Es war ein Mix aus ein bisschen Erfahrung und sehr viel Bauchgefühl.“ Im Gespräch sagt er jedoch, dass er Leute kenne, die sich mehr Gedanken über ihre Studienwahl gemacht hätten.
Jurastudium und Doktorarbeit in Passau
Für das Studium zog er nach Passau. Dort hat er mittlerweile sein erstes Staatsexamen nicht nur geschrieben, sondern es auch als Bester seines Jahrgangs mit 14,02 Punkten abgeschlossen. Auf die Frage, wie ihm das gelungen sei, antwortet Nickel, dass viel Disziplin dahinterstecke und er sich viele Gedanken darüber gemacht habe, wie er am besten systematisch lernen könne. Vor allem in der Examensvorbereitung lernte er durchschnittlich etwa acht bis zehn Stunden am Tag in der Bibliothek.
Die größte Herausforderung für ihn sei das mentale Durchhalten gewesen. Er setze sich häufig selbst unter Druck, könne damit aber gut umgehen: „Ich sehe Abschlussprüfungen immer als eine Art Wettbewerb und mich selbst sehe ich ein bisschen als Maschine, die da jetzt irgendwie durchmuss.“ Nickel legt großen Wert darauf, sich um sich selbst zu kümmern. Er betont, dass das Examen maßgeblich von der mentalen und körperlichen Verfassung abhängt. Trotz der stressigen Lernzeit blickt der 23-Jährige aber positiv darauf zurück: „Es war nie so, dass ich gelitten habe, sondern ich hatte da schon auch Spaß dran.“
Ein straffer Zeitplan bringt Marc Nickel zum Ziel
Eine lange Pause gönnte sich Nickel nach dem Examen nicht. Ein straffer Zeitplan soll ihm dabei helfen, seine Doktorarbeit im Zivilverfahrensrecht zu schreiben. Während die meisten etwa zwei bis drei Jahre promovieren, ist es sein Ziel, die Arbeit in nur einem Jahr – also bis zum Sommer 2026 – abzuschließen. Denn ab September 2026 steht bereits der nächste Schritt an. Dann hat Nickel einen Masterstudienplatz an der Harvard Kennedy School, wofür er noch auf eine Stipendienzusage wartet.
Er freut sich auf die Zeit: „Das ist einfach ein Ort, an dem unfassbar smarte Leute zusammenkommen und ich finde es einfach toll, mal für zwei Jahre an einem Ort zu sein und mich mit den Leuten zu vernetzen.“ Sein zweites Staatsexamen hat er deshalb momentan nicht geplant. Er will allerdings nicht ausschließen, dass er es irgendwann noch machen wird. Er erzählt, dass er bei vielen Dingen in seinem Leben nie gedacht hätte, dass er sie machen würde und dann hat er sie doch gemacht – wie beispielsweise den Doktor.
Obwohl das Jurastudium sehr anspruchsvoll ist, verfolgt Nickel seit 2023 noch ein weiteres Projekt. Nämlich seinen TikTok-Kanal. TikTok ist eine Social-Media-Plattform, auf der Creator Kurzvideos teilen können. Über 22.000 Menschen folgen ihm dort und unterstützen ihn. Die Idee dazu kam von einer guten Freundin, die ebenfalls Influencerin ist. Das habe ihn ermutigt, sodass er selbst begann Videos hochzuladen, erzählt er. Er postet unter anderem Tipps zum Jurastudium, die Bekanntgabe seiner Note im Staatsexamen und – was bei den Zuschauern am besten ankommt – seinen Alltag. Was andere davon denken, ist ihm egal: „Dinge sind nur so lange peinlich, bis sie funktionieren.“ Er räumt ein, dass es am Anfang etwas befremdlich gewesen sei, Probleme habe er aber heute nicht mehr. Als er anfing Videos zu posten, probierte er sich im Posten aus. Als er jedoch zum ersten Mal seinen typischen Satz „Ein Tag im Leben eines Jura-Studenten“ sagte, stiegen die Follower-Zahlen ziemlich schnell an. Nun beginnt er fast jedes seiner Videos mit diesem Satz.
Nickel würde gerne noch regelmäßiger posten, aber das sei in seinem Alltag leider oft schwierig zu integrieren. Während das Drehen der Videos schnell geht, ist er mit dem Schneiden meist deutlich länger beschäftigt. Dass er damit nebenbei Geld verdient und Kooperationsanfragen erhält, sei ein positiver Nebeneffekt, sagt er. Für ihn steht der Spaß im Vordergrund. In der kleinen Studentenstadt Passau ist er dadurch kein Unbekannter.
Langfristig sieht Nickel sich als Unternehmer. Er hat mit anderen ein erfolgreiches Start-up gegründet, das sich mit der Aufklärung über finanzielle Bildung an Schulen beschäftigt. Aber auch Social Media soll in Nickels Zukunft noch eine große Rolle spielen. Er träumt davon, irgendwann nur noch die Videos zu drehen und jemanden zu haben, der sich um das Scheiden kümmert.
#redaktionjoko
Dieses Porträt ist in Zusammenarbeit mit der Uni Passau entstanden. Studentinnen und Studenten des Studiengangs Journalistik und Strategische Kommunikation (JoKo) arbeiteten unter der Leitung von Max Kramer, Veronika Lintner und Verena Wengert (Augsburger Allgemeine und Günter Holland Journalistenschule) an einer Serie bewegter Lebensläufe aus ganz Deutschland. Das hier ist das Ergebnis. Alle Porträts sind nachzulesen unter www.azol.de/redaktionjoko.
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