Wenn Julius Rückert über seine Kindheit spricht, beschreibt er eine Welt, die kaum gegensätzlicher zu seinem jetzigen Leben sein könnte. Der 30-Jährige wuchs in Dörrmorsbach auf, einem kleinen Dorf bei Aschaffenburg mit 600 Einwohnern. Es ist eine Umgebung, geprägt von Handwerk und Bodenständigkeit. Rückerts Familie etwa hat eine Dachdecker-Tradition, die über Generationen zurückreicht. „Meine Eltern sind absolute Pragmatiker“, erzählt er. „Mode hat in keinem Fall eine Rolle gespielt.“ Rückblickend, so erzählt er, sei er wohl schon früh aufgefallen, fasziniert von Popkultur, Magazinen und den ersten Fashion-Videos auf YouTube.
Mit 16 zog es Rückert für eine Ausbildung an die Bekleidungsfachschule Aschaffenburg – sein erster Versuch, Mode wirklich zu verstehen. Er lernte Nähen, Schnitttechnik und handwerkliche Verarbeitung. Auch wenn er offen zugibt, dass Feinmotorik nicht ganz seins war, gab ihm diese Zeit, wie er schildert, etwas viel Wertvolleres: Verständnis und Respekt für das Produkt. Und die Erkenntnis, dass Mode nicht nur aus Drapieren und Nähen besteht, sondern auch aus Geschichten, Kontext, Kultur. Stylist zu werden, ein Beruf, der auf dem Land kaum gängig war, lag damals noch in weiter Ferne, doch der Weg dorthin zeichnete sich langsam ab.
Julius Rückert ist Fashion Director des Mode-Magazins Vakuum
Der Einstieg in die Modewelt verlief nicht geradlinig. „Wenn du nicht in der Industrie groß wirst, keinen Background hast oder dir finanzielle Unterstützung fehlt, brauchst du länger und musst härter arbeiten“, sagt Rückert. Vor allem, weil Kontakte in der Modewelt oft der entscheidende Türöffner sind. Rückert spricht darüber ohne Bitterkeit, eher mit dem Bewusstsein, wie sehr ihn genau diese Umwege geprägt haben. „Never stop doing things“, sagt er aus heutiger Sicht über diese Zeit, in der er ohne Budget mit Freundinnen und Freunden, Kommilitoninnen und Kommilitonen Projekte realisierte, sein Portfolio formte und schließlich nach Berlin ging. Also dorthin, wo er sich kreativer ausleben konnte und die Chancen, in der Mode etwas zu schaffen, größer sind.
Heute ist Rückert Fashion Director des Magazins Vakuum – und weit mehr als das. Das Team arbeitet demokratisch, ohne Chefredaktion, alle tragen Verantwortung. Rückert kümmert sich nicht nur um Modeproduktionen, sondern auch um Social Media, Brand Image, Anzeigenakquise.
„Das ist nicht nur creative – da steckt viel Planung dahinter.“ Vakuum ist ein junges, eigenständiges Magazin mit großen Ambitionen. Dass seine Reputation langsam, aber stetig wächst, zeigt sich unter anderem an der finanziellen Unterstützung durch das renommierte Berliner „KW Institute for Contemporary Art“ sowie an den kontinuierlich steigenden Followerzahlen in sozialen Medien. „Wir mussten uns als Medium erst beweisen“, sagt er.
Rückerts Styling ist maximalistisch, intuitiv, emotional. „Ich verlasse mich bei meiner Arbeit stark auf mein Bauchgefühl“, sagt er. Statt streng zu planen, hortet er in seiner Wohnung Kleidungsstücke nach Impuls, „whatever is nice“, und formt – meistens mithilfe eines oder zweier Assistenten – Looks, die Stimmung und Geschichte tragen. „Creative Brainstorming“ nennt er diesen Prozess. „Wenn man ein Foto anschaut, will ich, dass man etwas fühlt.“ Er liebt Stockings, Kleider, Heels, starke Silhouetten, kleine Codes, die seine Handschrift erkennbar machen. Rückert inszeniert nicht einfach Kleidung, er weckt etwas. Jeder Look, jede Einstellung muss beim Betrachter eine Reaktion auslösen, eine Story erzählen.
Berliner Kunstszene bietet viel Inspiration – nächster Schritt Paris?
Inspiration findet er überall dort, wo Energie entsteht: „Ich bin mega Musik-Nerd,“ sagt er lachend. Auch Kunst-Kino – besonders die Filme von Sofia Coppola – und seine eigene Herkunft spielen eine Rolle: „Ich bin total dankbar für meine Kindheit und Erziehung, auch wenn es konträr zu dem ist, was ich jetzt mache.“ Auch Modeshows sind für ihn eine große Inspiration. Sie bieten oft auch kleine Tricks, die man selber einfach nachmachen kann.
Ein Highlight der jüngeren Vergangenheit war ein Cover-Shooting für Vakuum mit zwei „Best-Ager“- Models. „Da hat einfach alles gestimmt: Team, Energie, Looks.“ Rückert erzählt davon mit leuchtenden Augen, als wäre es eines dieser Projekte gewesen, die einem wieder vor Augen führen, wofür man all die unbezahlten Nächte, die Proben und das kreative Chaos überhaupt auf sich nimmt.
Und wohin führt dieser Weg? Rückert sagt: „step by step“. In fünf Jahren hofft er auf finanzielle Freiheit, mehr Raum für Projekte, vielleicht internationale Kollaborationen. Schauspielerinnen und Schauspieler reizen ihn besonders – „Actors haben eine ganz andere Emotionalität“. Paris schwebt immer wieder im Raum als modischer Sehnsuchtsort und möglicher nächster Schritt, doch Berlin bleibt derzeit die Basis.
#redaktionjoko
Dieses Porträt ist in Zusammenarbeit mit der Uni Passau entstanden. Studentinnen und Studenten des Studiengangs Journalistik und Strategische Kommunikation (JoKo) arbeiteten unter der Leitung von Max Kramer, Veronika Lintner und Verena Wengert (Augsburger Allgemeine und Günter Holland Journalistenschule) an einer Serie bewegter Lebensläufe aus ganz Deutschland. Das hier ist das Ergebnis. Alle Porträts sind nachzulesen unter www.azol.de/redaktionjoko.
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