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Interview

06.10.2018

„Das ist nicht mehr meine Welt“

Wolfgang Kleff stand für Borussia Mönchengladbach und die deutsche Nationalmannschaft im Tor. In den 1970er Jahren gewann er fünfmal die deutsche Meisterschaft, den DFB- und den Uefa-Pokal. Trotz Erkrankung ist er zufrieden mit seinem Leben. Manchmal würde er sich aber ein größeres Miteinander wünschen. <b>Foto: Witters</b>
Bild: Witters

Wolfgang Kleff, lange die Nummer zwei im deutschen Tor, hadert nach seiner Erkrankung nicht mit dem Schicksal. Wie er den Klassiker Gladbach gegen Bayern sieht und warum er die Profis von heute nicht beneidet

Herr Kleff, zu Ihrem 70. Geburtstag sagten Sie 2016, Sie würden sich über jeden Morgen freuen, an dem Sie sich im Badezimmer im Spiegel sehen dürfen. Ist das immer noch so?

Wolfgang Kleff: Natürlich. Ich bin doch froh, überhaupt am Leben zu sein. Es gibt nichts Schöneres.

Vor zehn Jahren erlitten Sie einen Schlaganfall. Wie sehr schränkt Sie das heute noch ein?

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Kleff: Das hatte damals mitten ins Sprachzentrum eingeschlagen. Sie merken ja, sprachlich geht alles einwandfrei. Nur Zungenbrecher lasse ich lieber weg.

Sie hatten auch massive Herzprobleme, die Leistung lag bei nur noch 20 Prozent.

Kleff: Ich habe einen Herzschrittmacher und einen kleinen Defibrillator in der Brust, ich denke, die Pumpe ist jetzt bei 50 Prozent. Aber so lange es überhaupt schlägt, trägt es mich weiter. Was soll ich hadern, ich nehme das an. Mit dem Schicksal hadern, das zieht einen nur runter.

Fiebern Sie am Samstag beim alten Klassiker mit, wenn Ihre Borussia bei Bayern spielt, oder ist das zu viel Aufregung fürs Herz?

Kleff: Ich sehe das ganz entspannt. Wenn die Bayern besser sind, sollen sie auch gewinnen. Ich hoffe aber, dass sich die Borussia wehrt und doch einen Punkt holt.

Sportliche Rivalität gab es zu Ihrer Zeit in den 1970ern zwischen den Vereinen, aber auch zwischen Ihnen und Sepp Maier. Hat Sie die Rolle als ewige Nummer zwei in der Nationalmannschaft nie frustriert?

Kleff: Nein, ich hab das immer akzeptiert. 1973, da hatte der Sepp mal eine große Krise, da habe ich meine Spiele gemacht. Und dann nicht mehr. Neid ist in meinem Wesen nicht vorhanden. Habe ich dadurch ein schlechteres Leben gehabt? Nein. Also. Außerdem sage ich immer, ich bin Rekordnationalspieler. 200 Länderspiele. Sechs im Tor, 34 auf der Bank, 160 vor dem Fernseher.

Kein Neid also auch auf die Millionengehälter von heutigen Jungprofis?

Kleff: Ach niemals. Dafür hatten wir doch auch viel mehr Freiheiten. Wir waren Fußballer, die sich unters Volk gemischt haben, am Wochenende gerne in der Gastronomie unterwegs waren. Heute geht das ja gar nicht mehr, heute stehst du dann ja gleich mit einem Bild im Internet.

Trotzdem, Sie hatten nach der Karriere große finanzielle Probleme. Als Profi heute hätten Sie bei vernünftiger Geldanlage ausgesorgt.

Kleff: Ja, aber was sollen dann die sagen, die noch vor mir gespielt haben. Die haben als Lohn einen Fernseher bekommen oder einen Sack Kartoffeln. Mir ist das doch egal, ob einer 100 Millionen im Monat verdient, er klaut mir das Geld doch nicht, deswegen bin ich ja nicht ärmer. Das Einzige, was ich heute manchmal vermisse, ist die fehlende Bodenhaftung. Manche sollten da devoter sein. Wer das Privileg hat, das Hobby zum Beruf zu machen und enorme Summen zu verdienen, der sollte dankbar sein bis in alle Ewigkeit.

Ist Ihnen die heutige Spielergeneration fremd geworden? Vermissen Sie die Typen?

Kleff: Nehmen Sie nur die Interviews nach den Spielen. Alles einstudiert, roboterhaft. Ich verstehe das nicht. Das sind doch Menschen mit Gefühlen. Ob ich gewinne oder verliere, Freud und Leid, diese Gefühle müssen doch raus, sonst ersticke ich daran. Der Thomas Müller ist da eine erfrischende Ausnahme. Ein Mensch, der sagt, was er denkt und fühlt und nicht auf Gleisen fährt. Was mich ganz allgemein betrübt, ist, wie sehr gerade Sprache und zwischenmenschliche Kommunikation in unserer Gesellschaft verkümmern. Dass ich Menschen sehe, die gegen den Laternenpfahl laufen, weil sie auf ihr Handy starren. Sprache ist heute nur noch eine SMS oder 140 Zeichen auf Twitter, ich verstehe das nicht, da schrumpft das Gehirn doch ein. Nein, das ist nicht mehr meine Welt.

Gerade das Zwischenmenschliche, von dem Sie gerade sprachen, liegt Ihnen sehr am Herzen, Sie engagieren sich ja stark für soziale Zwecke. Haben Sie da ein Lieblingsprojekt?

Kleff: Ach, ich bin ja nur ein kleines Rädchen, das versucht, das zu tun, was in meinen Möglichkeiten steht. Ich trainiere manchmal Waisenkinder, und wenn mich ein Altenheim anruft, ob ich zu einer Feier vorbeikommen kann, mach ich das natürlich auch. Ich freue mich, wenn die sich freuen und mir erzählen, dass sie mich früher im Stadion spielen haben sehen. Ich mach das doch gern.

Karitative und ehrenamtliche Engagements sind aber auch nicht selbstverständlich, die Zeiten werden gefühlt kälter.

Kleff: Heute geht es doch nur noch ums Ego. Ich bin ein Nachkriegskind, ich weiß, wie das ist, zusammenzuhalten und sich gegenseitig zu helfen. Da ging es um banale Sachen, ist man mal rüber zur Nachbarin: „Else, haste mal Mehl?“ Man muss und soll ja nicht mit jedem Menschen gut können, geht gar nicht. Aber wieder ein größeres Miteinander, das wäre schön.

Sie werden bald 72, gibt es Wünsche für die nächsten Jahre?

Kleff: Ich möchte in Frieden mit meiner Umwelt zusammenleben. Und in dem gesundheitlichen Rahmen, der mir gegeben ist, noch ein paar schöne Jahre leben und auch mit meinen Kindern eine schöne Zeit verbringen.

Wie alt sind Ihre Kinder jetzt?

Kleff: Die Tochter 21, der Sohn 39. Wir verstehen uns immer noch wunderbar. Ich muss mir ja nichts vormachen, es ist der letzte Teil meines Lebens, aber ich bin sehr dankbar dafür, dass mich der liebe Gott schon zweimal verschont hat. Ich akzeptiere das Leben und den Tod, und wenn ich vor meinen Kindern gehen darf, ist alles in Ordnung. Mein Weg war und ist ein guter. So wie es war, war alles richtig. Und auch wenn nicht die Millionen geflossen sind: Was ich erlebt habe und erleben durfte, dafür müssten manch andere 300 Jahre alt werden.

Interview: Florian Kinast

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