Es ist noch nicht lange her, da schaute sich Frank Löhr mit seinem Sohn das alte Video aus dem Jahr 1991 an. Damals gewann der Handball-Nationalspieler in der Sporthalle mit dem TSV Milbertshofen den Europapokal der Pokalsieger. „Das war einer der besonderen Momente in meiner Karriere“, erinnert sich der 46-Jährige an das 24:16 im Finalrückspiel gegen Bidasoa Irun aus Spanien. Löhr erzielte in seiner Heimatstadt zwei Treffer, der bekannteste Augsburger Handballer saß auf der Bank und erhielt am Ende sogar von den Schiedsrichtern die Rote Karte.
Weltmeister Erhard Wunderlich war damals Manager der Münchner nach erfolgreichen Jahren beim VfL Gummersbach, dem FC Barcelona und der Nationalmannschaft. Der 2,04 m lange Rechtshänder war eine Größe im internationalen Handball, am Donnerstag erlag der deutsche „Handballer des Jahrhunderts“ im Alter von 55 Jahren einem Krebsleiden.
Löhr – einige Jahre Assistent von Bundestrainer Heiner Brand – hat viele Auftritte von Wunderlich erlebt. „Erhard war immer bereit Verantwortung zu übernehmen. Er konnte und wollte Spiele entscheiden.“ Zu seiner Glanzzeit (WM-Gold 1978, Olympiasilber 1984) war der Spieler im linken Rückraum von strategischer Bedeutung. Wunderlich hat mit seinem Sprungwurf viele Begegnungen geprägt. „Er war immer eine eigenwillige Persönlichkeit, der seine Vorstellungen durchsetzen konnte, blieb aber dennoch Teamspieler“, so Löhr.
Äußergewöhnliche Fähigkeiten
Die Handball-Legende Erhard Wunderlich
Erhard Wunderlich hat fast alles gewonnen, was es in seiner Sportart Handball zu gewinnen gab. Zahlen und Fakten zu ihm:
Geboren am 14. Dezember 1956 in Augsburg.
1976 Wechsel vom FC Augsburg zum VfL Gummersbach.
Von 1976 bis 1986 spielte er in der deutschen Nationalmannschaft; 140 Spiele/503 Tore.
1983 zum FC Barcelona; 1984 wieder zurück in die Bundesliga zum TSV Milbertshofen, wo er bis 1989 spielte.
Wunderlich beendete seine Laufbahn beim VfL Bad Schwartau, nachdem er 1991 mit dem VfL den Bundesligaaufstieg geschafft hatte.
Manager von 1990 bis 1993 beim TSV Milbertshofen.
978 wurde er – als jüngster Spieler mit 21 Jahren – Weltmeister.
In der Saison 1981/82 und der Saison 1982/83 wurde er jeweils Torschützenkönig der Handball-Bundesliga (1981/82 mit 214 Feldtoren und 91 Siebenmetern und 1982/83 mit 182 Feldtoren und 60 Siebenmetern).
Er gewann mit dem VfL Gummersbach alle internationalen und nationalen Titel; 1983 mit Gummersbach Europapokalsieger der Landesmeister; in den Jahren 1981 und 1982 in Deutschland „Handballer des Jahres“; 1999 „Handballspieler des Jahrhunderts“.
In den 1990er Jahren war er Inhaber eines Unternehmens für Büroausrüstung in Seeshaupt am Starnberger See.
Wunderlich hatte aus erster Ehe zwei Kinder. Die Ehe mit seiner zweiten Frau blieb kinderlos.
Wunderlichs außergewöhnliche Fähigkeiten fielen am 11. Juli 1976 in der Sporthalle auch Eugen Haas auf. Der Manager erlebte, wie sein VfL Gummersbach gegen den FCA nur knapp einer Blamage entging. Der Bundesligist gewann gegen die drittklassigen Augsburger nur mit 23:22, der 19-jährige Wunderlich erzielte sechs Tore.
„Anschließend erkundigte sich Haas bei Erhard, ob er sich einen Wechsel nach Gummersbach vorstellen könnte“, erzählt Werner Reinbold (57), einer seiner damaligen Mitspieler. „Vater Heinz Wunderlich war unser Betreuer und hat mit uns über das Angebot gesprochen. Wir waren alle der Meinung, dass sich Erhard diese Chance nicht entgehen lassen darf.“ Wunderlich wuchs im Stadtteil Oberhausen auf. Mit dem heutigen Fußball-Bundesligatrainer Armin Veh, Ex-Profi Manfred Tripbacher und FCA-VIP-Betreuer Karl-Heinz Jakel zeigte er sportliche Vielseitigkeit, entschied sich dann aber wie sein Vater für Handball.
Das Talent war früh zu erkennen
Laut Reinbold war das Talent früh zu erkennen. „Sein größter Förderer war damals unser Trainer Hans Moser, der mit Rumänien zwei WM-Titel gewann.“ Nur wenige Tage nach dem Spiel 1976 heuerte Wunderlich beim VfL Gummersbach an und machte im Eiltempo Karriere. Bereits im November 1976 bestritt er das erste von 140 Länderspielen und bewegte sich anschließend zwei Jahrzehnte auf großer Bühne.
Wunderlich lebte mit seiner zweiten Frau in Bergisch-Gladbach. „Aber er war bei den Treffen unserer früheren Mannschaft regelmäßig dabei. Ich habe ihn das letzte Mal vor drei Jahren gesehen. Damals wusste keiner was von einer Erkrankung, deshalb war ich besonders schockiert, als ich von seinem Tod erfuhr“, so Reinbold.