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Formel 1
25.03.2021

Formel-1-Experte Timo Glock im Interview: „Die Autos sind sehr aggressiv“

Mick Schumacher auf der Strecke bei den Testfahrten in Bahrain.
Foto: Hasan Bratic, dpa

Der ehemalige Formel-1-Fahrer Timo Glock spricht über den Saisonstart am Wochenende, die Entwicklung der Fahrzeuge und die Erwartungen an Sebastian Vettel und Mick Schumacher.

Herr Glock, am Wochenende startet die Formel 1 in die neue Saison. Welche Erwartungen haben Sie?

Timo Glock: Ich hoffe, dass ein bisschen mehr Spannung reinkommt. Und dass Lewis Hamilton nicht so einen Durchmarsch hinlegt wie in den vergangenen Jahren. Vielleicht kann Red Bull mit Max Verstappen und Sergio Perez mehr Druck auf Mercedes aufbauen. Ich traue auch McLaren-Mercedes eine Überraschung zu, die beim Test ein gutes Paket hatten. Ähnlich wie Alpha Tauri. Wobei dort Tsunoda mit weniger Sprit gefahren ist, um ein Gefühl für die Formel 1 zu bekommen. Vielleicht sind ja die Schwesterteams Red Bull und Alpha Tauri auf einem Niveau und können Mercedes mit vier Autos unter Druck setzen.

Wie aussagekräftig waren denn die drei Testtage in Bahrain?

Glock: Das ist immer schwer zu sagen. Red Bull hat schon analysiert, dass Mercedes dort mit weniger Motorenleistung gefahren sein soll. Erkennbar war aber auch, dass die neue Aerodynamikregel für den Unterboden Mercedes offenbar mehr zu schaffen macht. Das Auto liegt noch nicht so auf der Straße, wie sich das Lewis Hamilton wünscht. Diese neue Regel könnte die Teams tatsächlich näher zusammenbringen. Andererseits kann Mercedes immer irgendwo was aus dem Köcher zaubern. Das Team ist sehr erfahren. Es würde mich überraschen, wenn sie nicht wieder ihre gewohnte Performance finden würden.

Die neue Regel betrifft den Unterboden, der eingeschnitten ist.

Glock: Ja, vor dem Hinterrad wurde Fläche weggenommen. Das kommt den Autos entgegen, deren Heck im Stehen sehr hoch ist, die also eine Art Keilform haben. Der Mercedes ist dagegen etwas flacher.

Waren Sie überrascht, dass Mercedes bei den Tests solche Probleme hatte?

Glock: Das Auto sah nicht so konstant aus, wie wir es kennen. Es war auf der Hinterachse nervöser. Hamilton hatte da richtig zu kämpfen und war sogar einmal im Kiesbett. Der Wind war sehr kräftig, bei solchen Bedingungen wird es noch deutlicher, wenn das Auto unkonstant ist.

Jetzt blieben nur zwei Wochen zwischen Test und Saisonstart. Was konnte Mercedes da noch tun?

Glock: Mercedes ist in der Analyse und in der Simulation sehr gut. Jedes aerodynamische Update, das ans Auto kam, hat funktioniert. Das zeigt, dass die Windkanaldaten sehr gut sind. Was dort funktioniert, funktioniert auch auf der Strecke. Mercedes wird Lösungen finden. Teamchef Toto Wolff hat es geschafft, das Team lange zusammenzuhalten. Die viele Erfahrung zahlt sich aus.

In diesem Mercedes startet Lewis Hamilton in die neue Saison.
Foto: Hasan Bratic, dpa

Bei Lewis Hamilton hat es lange gedauert, bis er seinen Vertrag verlängert hat – und dann nur für ein Jahr. Was erwarten Sie von ihm?

Glock: Er ist weiter sehr stark motiviert, die Chance zu haben, seinen achten WM-Titel einzufahren und damit der erfolgreichste Fahrer aller Zeiten zu werden. Das treibt ihn an. Spannend ist, was danach passiert. Ob er im Erfolgsfall auf seinem Höhepunkt zurücktritt und sagt: Jetzt bin ich genug im Kreis gefahren. Oder ob er sich der Herausforderung mit den neuen Regeln stellt. Offenbar hatte man bei Mercedes in einigen Vertragspunkten keine Einigung gefunden, was die Zukunft angeht, deshalb nur die Verlängerung um ein Jahr. Es wird auch spannend, wie sich Mercedes über die Saison gesehen damit auseinandersetzt. Ob man es überhaupt angeht oder sich Zeit lässt, bis zum Beispiel der achte WM-Titel eingefahren ist. Das bringt zusätzlich Spannung, weil es vielleicht auch Hamilton irgendwann beschäftigen wird.

Sebastian Vettel hat das Team von Ferrari zu Aston Martin gewechselt. Kann er jetzt wieder an seine erfolgreichen Zeiten anknüpfen?

Glock: Das kommt auf das Gesamtpaket an. Wenn es gut genug ist wie vergangenes Jahr, sind viele Möglichkeiten offen. Wobei er nicht um die WM fahren wird. Er hat aber die Chance, wieder Ausrufezeichen zu setzen und aufs Podium zu fahren. Oder bei ganz glücklichen Umständen auch mal zu gewinnen. Ich wünsche ihm, dass er nach diesem Dilemma mit Ferrari wieder positiv nach vorne schauen kann und den Spaß am Rennfahren wieder entdeckt. Er wirkt deutlich positiver. Die Tests sind für ihn nicht optimal gelaufen. Wenn aber das Paket gut ist, wird er sich über das Jahr reinarbeiten. Wenn er merkt, dass er den Rückhalt hat und keinen politischen Spielchen ausgesetzt ist, werden wir ihn wieder zu alter Stärke zurückkommen sehen. Ich habe bislang aber noch nicht mit ihm gesprochen und habe hoffentlich in Bahrain die Möglichkeit dazu.

Dabei wohnen Sie in der Schweiz doch gar nicht weit auseinander.

Glock: Das stimmt. Er ist aber viel unterwegs, ich auch. Jetzt nehmen wir uns hoffentlich, wenn es wegen Corona möglich ist, in Bahrain mal die Zeit.

Mit Mick ist auch ein Schumacher in der Formel 1 zurück. Die Erwartungen werden groß sein, kann er die beim Team Haas erfüllen?

Glock: Da muss man auf die Bremse treten. Sein Auto bietet nicht die Möglichkeit, dass er auf dem Podest steht oder ständig in die Punkte fährt. Aber er kann sich in die Formel 1 reinarbeiten und ein Gefühl dafür bekommen. Mit einem Team wie Haas in dieser Größe ist es gut möglich, Fuß zu fassen. Ich hoffe, dass er sich nicht selbst zu viel Druck macht, sondern sich die Zeit gibt wie zuletzt in den Nachwuchsserien.

Wo liegen denn seine Stärken und Schwächen?

Glock: Er ist ein sehr cleverer Rennfahrer, hat eine gute Übersicht und kann Situationen gut einschätzen. Ich habe ihn noch nie mit einem Harakiri-Manöver erlebt. Er bereitet das Überholen clever vor und weiß genau, wann er attackieren und wann zurücknehmen muss. Einen richtigen Schwachpunkt sehe ich bei ihm nicht.

Kann man ihn mit seinem Vater vergleichen oder wäre das unfair?

Glock: Er muss seine eigene Karriere starten. Man kann auch die sieben WM-Titel von Michael Schumacher nicht mit denen von Lewis Hamilton vergleichen. Jeder hat zu seiner Zeit eine herausragende Leistung gebracht. Mick muss seinen eigenen Weg gehen. Nur weil ein Schumacher zurück ist, heißt das nicht, dass Mick jetzt auch sieben Mal Weltmeister werden muss.

Sie waren lange in der Formel 1 dabei, allerdings zuletzt 2012. Wie hat sich die Formel 1 seitdem verändert?

Glock: Die Autos sind noch komplexer und schneller geworden. Die Geschwindigkeit auf einer Runde in der Qualifikation mit wenig Sprit ist unfassbar. Die Autos sind zudem sehr aggressiv. Wenn es mal ausbricht, ist es nur schwer einzufangen. Das ist eine andere Dimension.

Timo Glock war von 2008 bis 2012 in der Formel 1, zuletzt fuhr er DTM. Der 39-Jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Foto: Monika Skolimowska, dpa (Archiv)

Reizt es Sie, so ein Auto noch mal fahren zu können?

Glock: Das würde ich sofort machen. Aber mein Nacken würde das wohl keine zwei Runden mitmachen.

Sie waren lange Formel-1-Experte bei RTL, jetzt bei Sky. Sind Sie gut angekommen dort?

Glock: Es ist sehr spannend und angenehm. Meine Stimmbänder müssen sich allerdings noch an die neuen Sprechzeiten gewöhnen, die deutlich mehr geworden sind. Ich habe mehr Redeanteil durch den verlängerten Vor- und Nachlauf bei Sky. Auch das Kommentieren der Rennen kommt neu hinzu. Auch die Zusammenarbeit mit dem anderen Sky-Experten Ralf Schumacher funktioniert sehr gut. Er hat eine klare Meinung, was ich sehr schätze.

In dieser Saison wird es voraussichtlich kein Rennen in Deutschland geben.

Glock: Das ist sehr schade. Der Hockenheim- und Nürburgring haben beide eine große Tradition. Sie gehören zum Standardprogramm der Formel 1. Auch für die deutschen Fans wäre es schön, ein Heimrennen zu haben. Vor allem jetzt mit Mick Schumacher und Sebastian Vettel.

Wie sehen Sie generell die Zukunft der Formel 1?

Glock: Die Formel 1 muss darüber nachdenken, wie sie dem Fan den Sport näherbringen kann. Da ist die Distanz noch zu groß. Die Formel 1 muss den Fans eine gute Show bieten. Wegen der Unterhaltung kommen sie an die Strecke. Mehr Kopfzerbrechen macht mir allerdings die Lage wegen Corona, da die Pandemie eben nicht zulässt, Fans an die Strecke zu bringen. Davon leben die Strecken und die Formel 1 aber.

Mit welchem Gefühl fliegen Sie nun während der Pandemie nach Bahrain?

Glock: Mit einem ganz normalen. Außer, dass das Reisen durch die vielen Tests schwieriger geworden ist. Trotzdem freue ich mich, hinzufliegen, um den Zuschauer anderes zu bieten als immer nur Corona. Ein bisschen Abwechslung und etwas mehr Normalität.

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