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Serie "Momente für die Ewigkeit"

20.07.2020

Künzers irrwitziger Auftritt im Strafraum

Nia Künzer gelang der eine Treffer zum Sieg - Birgit Prinbz wurde mit sieben Treffern Torschützenkönigin.

Nia Künzer war keine Torjägerin. Ihre Karriere: Geprägt von Verletzungen. Im Herbst 2003 gelingt ihr allerdings ein historischer Treffer.

Es war nicht die Weltmeisterschaft der Nia Künzer. Bis zum Finale kam sie gerade mal zu drei Kurzeinsätzen. Beim 3:0 im Halbfinale gegen die favorisierten USA gönnte ihr Bundestrainerin Tina Theune-Meyer nicht mal mehr diese paar Minuten. Heute spricht Künzer als Fernsehexpertin kenntnisreich über Entwicklungen im Frauenfußball, analysiert taktische Fehler und individuelle Stärken. Auch noch 17 Jahre nach der Weltmeisterschaft ist sie eines der prägnantesten Gesichter des Frauenfußballs.

Dabei war sie 2003 eher Aktivurlauberin als fester Bestandteil der Mannschaft. Ein Team, das in Silke Rottenberg, Steffi Jones, Renate Lingor oder Birgit Prinz über etliche Weltklassespielerinnen verfügte. Ein Team, das zwei Jahre zuvor den EM-Titel in einem dramatischen Match gegen Schweden gewonnen hatte – dank eines Golden Goals in der 98. Minute.

Was Künzer in den Strafraum triebt, ist nicht klar

Nun also wieder Schweden. Eine drückend überlegene deutsche Mannschaft, die eine Reihe bester Torchancen vergibt. Schwedinnen, die mit ihrer ersten Chance kurz vor der Halbzeit in Führung gehen. Die Deutschen treffen kurz nach der Pause zum 1:1, anschließend Möglichkeiten auf beiden Seiten, die Partie zu entscheiden. Zwei Minuten vor dem Ende nimmt Theune-Meyer die offensivstarke Pia Wunderlich vom Feld und bringt Künzer. Solides Handwerk, defensiv sicher, nichts für die Galerie. Nach ihrem Karriereende stehen für Künzer zwei Treffer im Dress der Nationalmannschaft in den Statistiken.

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Minute 98. Lingor bringt einen Freistoß von der rechten Seite in den Strafraum. Was dort die des Toreschießens unverdächtige Künzer treibt, ist unklar. Mit 1,68 Meter zählt sie auch nicht zu den imposanteren Erscheinungen des Frauenfußballs. Jene 1,68 Meter aber kurbelt sie eindrucksvoll in die Höhe, formvollendet auch die Drehbewegung des Rumpfes. Torhüterin Caroline Jönsson staunt und streckt sich schließlich, kann aber nicht verhindern, dass der Ball hinter ihr landet. Es ist das bis dato letzte Golden Goal der Fußballgeschichte. Mit dem Treffer Künzers ist das Spiel vorbei, die deutschen Frauen sind erstmals Weltmeister.

In Frankfurt ließen sich nach dem WM-Gewinn Nia Künzer und Bettina Wiegmann feiern.
Bild: DPA

Dem größten zu erreichenden Triumph folgen in der Laufbahn Künzers noch weitere kleinere. Nie mehr aber wird ihr Anteil daran so klar zu bemessen sein wie im Oktober 2003. Ihr Treffer wird später zum Tor des Jahres gewählt. Das war zuvor noch keiner Frau gelungen. Nur einen Monat später bestreitet sie im Alter von 23 Jahren ihr letztes von 34 Länderspielen. Zu diesem Zeitpunkt weiß sie das selbstverständlich noch nicht. Letztlich aber muss sie ihre Karriere bereits 2008 beenden. Insgesamt vier Kreuzbandrisse weisen daraufhin, dass Künzers Körper den Anforderungern des Profi-Sports nur bedingt gewachsen war. Profi im engeren Sinn aber war sie sowieso nicht.

Ehe, Kinder Job - Künzer wird nach der Karriere nicht langweilig

Neben ihrer Fußball-Karriere trieb Künzer auch noch ein Pädagogik-Studium voran, das sie schließlich 2008 mit dem Diplom abschloss. Mittlerweile ist sie verheiratet, Mutter von zwei Kindern und seit 2017 am Regierungspräsidium Gießen für Integration, Sozialbetreuung und Ehrenamt zuständig.

Es sind Bereiche, für deren Bedeutung ihre Sinne nicht extra geschärft wurden. Als Kind zweier Entwicklungshelfer wurde sie in Botswana geboren. Ihr Vorname stammt aus der Swahili-Sprache und bedeutet in etwa „Ich will“, der zweite Name, Tsholofelo, heißt „Hoffnung“. Mit ihr zusammen wuchsen acht weitere Brüder und Schwestern in Wetzlar auf, davon sieben angenommene Geschwister aus schwierigen sozialen Verhältnissen.

Bekannt aber ist Künzer nicht wegen ihres sozialen Engagements. Auf der Straße erkannt wird sie, weil sie in der ARD so kenntnisreich über den Frauenfußball spricht. Eine Tätigkeit, die ihr vorenthalten geblieben wäre, wenn sie im Herbst 2003 nicht vollkommen unsinnigerweise im Strafraum der Schwedinnen aufgetaucht wäre.

In der Serie "Momente für die Ewigkeit" ist bislang erschienen:

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