Robert Enke hatte seine schweren Depressionen nur ganz, ganz wenigen Menschen anvertraut. Einer, der nach eigenen Angaben seit 2003 Bescheid wusste, war Christoph Daum. Er hatte Enke damals für den türkischen Verein Fenerbahce Istanbul vom FC Barcelona ausgeliehen. "Er war gerade zwei Wochen bei uns, da kam er in mein Büro und vertraute sich mir an", sagte Daum gegenüber der Zeitung Express. Enke habe starke Psychopharmaka nehmen müssen.
Er habe Enke damals jegliche Hilfe und Unterstützung zugesagt und ihm einen Experten aus Köln empfohlen. So kam der Torwart zum Facharzt für Psychiatrie, Valentin Markser, bei dem er bis zu seinem Selbstmord am Dienstagabend in Behandlung war. Daum sprach sich vehement dafür aus, mit psychischen Erkrankungen viel offener umzugehen.
Depressionen dürfen kein Tabuthema mehr sein
Bislang spielt psychologische Betreuung im Fußball keine bedeutende Rolle. Nur Rekordmeister FC Bayern hat einen fest angestellten Psychologen. Trainer, Spitzenfunktionäre und Weggefährten von Enke forderten zwei Tage nach seinem Selbstmord deshalb jetzt ein rasches Umdenken und wollen Lehren aus dem tragischen Fall ziehen. "Depressionen dürfen kein Tabuthema sein", sagte Holger Hieronymus, Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Gemeinsam mit der Vereinigung der Vertragsfußballer und unter Einbeziehung der Kommission Sportmedizin des DFB werde ein offenerer Umgang mit dem Thema angestrebt. "Wir müssen uns mit der Thematik befassen, was die Betreuung junger Menschen angeht", sagte der Manager von Enkes Verein Hannover 96, Jörg Schmadtke. Aus Sicht von Wolfsburgs Trainer Armin Veh müssten auch "bestimmte Medien" mit Tabu-Themen wie Depression oder Homosexualität verantwortungsvoller umgehen.
Werder Bremens Coach Thomas Schaaf hatte schnell reagiert und gleich am Mittwoch vor dem Training einen emotionalen Appell an seine Spieler gerichtet: "Scheut euch nicht, jemandem zu helfen! Scheut euch nicht, Hilfe zu suchen! Achtet aufeinander!"
Robert Enke hatte sich gescheut, offen über seine Depressionen zu sprechen, wie seine Witwe Teresa auf der Pressekonferenz am Dienstag sagte - vor allem auch aus Angst, das Sorgerecht für die acht Monate alte Adoptivtochter Leila zu verlieren. Eine unbegründete Angst, wie ein Sprecher des Jugendamtes jetzt bestätigte. Er hätte seine Adoptivtochter nicht wegen seiner Depressionen verloren, so der Sprecher. Auch jetzt gebe es keinen Anlass, die Adoption infrage zu stellen.
Noch unklar ist dagegen, ob das Spiel von Bundesligist Hannover 96 bei Schalke 04 verlegt werden soll. "Das ist noch nicht konkret, aber wir denken über die Möglichkeit nach", sagte 96-Manager Schmadtke. Über eine Verlegung der Bundesligapartie am 21. November müsste die Deutsche Fußball-Liga entscheiden.
Am Sonntag, genau eine Woche nachdem Enke das letzte Mal im Tor stand, findet in der AWD-Arena in Hannover um elf Uhr eine Gedenkfeier für ihn statt. Die Beisetzung ist im Anschluss im familiären Kreis geplant. Zu der Gedenkfeier werden nicht nur alle Spieler und Betreuer der Nationalmannschaft erwartet, sondern auch Tausende Fans. Fast 40 000 Menschen nahmen bereits am Mittwochabend an einem Trauerzug teil. Zuvor hatte ein Gedenkgottesdienst stattgefunden, zu dem auch DFB-Präsident Theo Zwanziger, Bundestrainer Joachim Löw und Michael Ballack angereist waren. Von Uta Baumann und unseren Nachrichtendiensten