Schweinsteiger beendet Fuss?ball-Karriere

Schweini gehabt: Wie Bastian Schweinsteiger zum Fußballgott wurde

Bild: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images/DFB, dpa

2014, Maracanã-Stadion, WM-Finale, er mit blutender Wunde unter dem Auge. Bilder, die bleiben. Bastian Schweinsteiger verabschiedet sich von der Fußballbühne.

Große Sportler nehmen das große Tor, wenn sie Abschied nehmen. Die wahrhaft Herausragenden aber benötigen überhaupt kein Tor, wenn sie ins Leben abseits von Leistungsdruck und Laktatmessungen entlassen werden. Also läuft Bastian Schweinsteiger nicht zusammen mit seinen Mannschaftskameraden aus dem Spielertunnel auf das Feld. Er steht inmitten der Zuschauer. Ist einer von ihnen. Licht aus, Spot an, Gitarren-Intro, einsetzendes Schlagzeug, Axl Rose. Take me down to the paradise city, where the grass is green and the girls are pretty. Schweinsteiger kickte sein komplettes Leben auf den edelsten Wiesen des Planeten. Seine Frau Ana Ivanovic zählt zu den hübscheren Menschen. Und München war schon immer Schweinsteigers irdisches Paradies. Der angejahrte Kitschrock von Guns n’ Roses und Schweinsteiger: passend.

Schweinsteigers Abschiedsspiel in München war ausverkauft

Im August 2018 verabschiedete der FC Bayern den prägenden Spieler des vergangenen Jahrzehnts. Abschiedsspiele sind von jeher oft traurige Veranstaltungen. Nicht etwa, weil übermäßig viel Melancholie mitschwingt. Meist sind die Tribünen lediglich zur Hälfte gefüllt, das Spiel nicht besser als ein beliebiger Bezirksligabolz. Schweinsteigers Abschiedsspiel war ausverkauft. 75.000 Zuschauer, Liveübertragung des ZDF. Er trat mit seinem Verein Chicago Fire bei den Bayern an, eine Halbzeit für jedes Team. Ergebnis irrelevant, Schweinsteiger erzielte den Treffer zum 4:0-Endstand. Es war sein Abschied vom Leistungssport. Ein Jahr zuvor war er nach Chicago in die USA gewechselt. Nun beendet er auch seinen Aufenthalt im Abklingbecken. Am Dienstag gab der 35-Jährige bekannt, seine Laufbahn endgültig zu beenden.

Dass er am Ende seiner Karriere zu den bedeutendsten deutschen Sportlern des bisherigen Jahrhunderts zählt, war zu Beginn seines professionellen Schaffens nicht zu erahnen. Nachts wurde er von Sicherheitskräften im Kabinentrakt des FC Bayern erwischt, als er sich in weiblicher Begleitung im Whirlpool vergnügte. Lediglich eine Cousine, ließ Schweinsteiger ausrichten. Seine Haare ließ er sich von Szenefriseuren schneiden. Das Ergebnis ihrer Arbeit warf nicht selten die Frage auf, in welcher Szene sie denn tätig sind. Eskapädchen, die den gestrengen Uli Hoeneß auf den Plan riefen, der Schweinsteiger nicht nur einmal dazu aufforderte, seiner Arbeit mit ein wenig mehr Ernsthaftigkeit nachzugehen. Hinter Hoeneß‘ miesepetrigem Wall verbirgt sich aber ein besonders ausgeprägtes Fürsorgebewusstsein für all jene, die nicht immer den geraden Weg nehmen. Mehmet Scholl wohnte nach der Trennung von seiner Frau zur Untermiete beim damaligen Manager. Für Franck Ribéry war der FC Bayern vor allem wegen Hoeneß eine Familie. Das Oberhaupt erzog auch Schweinsteiger.

Im Zentrum wurde Bastian Schweinsteiger zum Weltklassespieler

Den größten Sprung in seiner Entwicklung zum Weltklassespieler hat Schweinsteiger allerdings Louis van Gaal zu verdanken. Dem Holländer kam die Idee, Schweinsteiger von der beengenden Wirkungen der Außenlinie zu befreien und beorderte ihn vom Flügel ins Zentrum des Spiels. Für den Außenbereich des Spiels fehlte es Schweinsteiger an Geschwindigkeit. Dass er es aber zu imposanter Autorität in der Mitte des Spielfeldes bringen sollte, widersprach jeder Wahrscheinlichkeit.

Selbstverständlich war er technisch gut ausgebildet, aber kein Rastelli. Strategisches Können zeigte er zu Beginn seiner Karriere eher darin, abendliche Ausflüge zu organisieren, denn auf dem Spielfeld. Schweinsteiger war Schweini. Ein Bursche aus dem oberbayerischen Oberaudorf, der die Glitzerwelt des Profisports genoss. Zusammen mit Kumpel Lukas Podolski firmierte er in der Nationalmannschaft als das spielende Maskottchen-Duo Schweini und Poldi. Poldi blieb Poldi. Aus Schweini wurde Schweinsteiger.

Unter dem gestrengen Mark van Bommel erlernte er im Mittelfeld der Münchner das Handwerk des Regisseurs. Dabei umgab ihn nie die künstlerische Aura eines Andrea Pirlo. Schweinsteiger war die Arbeit auf dem Feld immer anzusehen. Und: Er machte Fehler. Anders als der leicht streberhafte Philipp Lahm wussten die Zuschauer bei Schweinsteiger nie, ob der nächste Pass, die nächste Grätsche wirklich sitzen würden. Einer von ihnen eben.

Vom "Finale dahoam" zum Triumph von Wembley

Wo sich viele seiner Mannschaftskameraden in ihrer Freizeit ins Reichen-Ghetto nach Grünwald zurückzogen, genoss Schweinsteiger das Großdorfleben in München. Als Mitglied der Gärtnerplatz-Gang gehörte er zusammen mit Mario Gomez und Holger Badstuber zum Stadtbild. Das ansässige Theater mieden sie zwar, in den umliegenden Cafés aber waren sie gern gesehene Gäste. Ein Viertel zum Sehen und Gesehenwerden, keines aber des anonymen Reichtums.

So entwickelte sich Schweinsteiger vom Hallodri zum Publikumsliebling. Keine glänzende Karriere aber ohne Bruch. Und ohne retardierendes Moment auch keine große Heldengeschichte. So war es Schweinsteiger, der im "Finale dahoam" 2012 jenen Elfmeter verschoss, der die Finalniederlage in der Champions League gegen Chelsea zur Folge hatte. Wenig später bezeichnete Bundestrainer Joachim Löw ihn als seinen "emotionalen Leader". Schweinsteiger führte sowohl den FC Bayern als auch die Nationalmannschaft nicht allein durch spielerischer Klasse, sondern vor allem durch seine Hingabe zum Spiel. Die Fans des FC Bayern bezeichneten ihn schon zu jener Zeit als "Fußballgott" – auch wenn seine Schaffenskraft eher auf allzu irdische Fähigkeiten zurückzuführen war.

Als seine Bayern 2013 abermals im Finale der Champions League standen, schien Schweinsteiger mit seiner Rolle überfordert. Weil sowohl den Münchnern als auch der Nationalmannschaft trotz bester Voraussetzungen der große Triumph verwehrt wurde, nannte der Boulevard Schweinsteiger "Chefchen". Talentiert, ohne Zweifel. Aber ohne nachhaltige Wirkung. Der emotionale Anführer fing sich im Endspiel gegen Dortmund. Die Münchner gewannen 2:1, aus dem Chefchen war ein Chef geworden.

Der ehemalige Fußball-Weltmeister Bastian Schweinsteiger beendet seine Fußballkarriere. Bundestrainer Joachim Löw würdigte ihn vorher in den höchsten Tönen.
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Schweinsteiger spielte im WM-Finale die Partie seines Lebens

Die Partie seines Lebens aber hatte sich Schweinsteiger für den 13. Juli 2014 aufgehoben. Er reiste angeschlagen mit der Nationalmannschaft zur WM nach Brasilien, spielte in der Vorrunde keine große Rolle. Wer an das Finale gegen Argentinien denkt, denkt aber immer auch an den blutenden Schweinsteiger. Schweinsteiger, der Tritte und Ellbogenchecks wegsteckt. Schweinsteiger, der das schleppende Spiel seiner Mannschaft im Rahmen hält. Schweinsteiger, der immer und immer wieder aufsteht. Herausragende Spieler liefern herausragende Leistungen in herausragenden Partien. Schweinsteiger ist das Gesicht zum WM-Titel 2014.

Zwei Jahre später: Wechsel zu Manchester United. Sein Körper zollt den Anforderungen des Leistungssports Tribut. Unter Trainer Jose Mourinho muss Schweinsteiger zeitweise mit dem Nachwuchsteam trainieren. Schweinsteiger beschwert sich nicht. Wechsel nach Chicago. Im vergangenen August wird Schweinsteiger zum zweiten Mal Vater. Zusammen mit Ana Ivanovic führt er ein beschauliches Leben in Chicago. Am Dienstag hat er dem Sport "Servus" gesagt.

"Er war sicherlich einer der größten Spieler, die Deutschland hatte", verabschiedete ihn Löw in den Ruhestand. Für ihn stehe die Tür bei der Nationalmannschaft immer offen, falls er mal ein Praktikum als Trainer machen wolle. Karl-Hein Rummenigge und Uli Hoeneß hatten schon vergangenes Jahr gesagt, dass es für ihn immer einen Platz beim FC Bayern gebe. Wenn sich beim Schließen einer Türe gleich mehrere andere öffnen, sagt das mehr als Titel.

Der große Scheinwerfer ist erloschen. Am grünsten sind nun jene Wiesen auf denen er mit seinen Kindern spielt. Schweinsteiger ist Vater und Ehemann – alles andere steht ihm offen. Was für ein Triumph.

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