Es ist das Jahr 1999: Katja Mayer sitzt im Wasser. Zitternd. Nicht, weil ihr kalt ist. Sondern weil sie aufgepuscht ist vom Adrenalin. Sie weiß, dass sie nicht zu den besten Schwimmern gehört. Und dass das im Triathlon eine richtige Schlacht bedeuten kann. Diejenigen, die beim Start nicht schnell genug aus dem Pulk kommen, müssen oft Schläge einstecken. Deshalb heißt es kämpfen. Erst mit den anderen, dann mit sich selbst. Vier Kilometer Schwimmen, 180 Radfahren und ein Marathon-Lauf (42 Kilometer) liegen vor ihr. Zehn einsame Stunden lang, während die Sonne vom Himmel brennt.
Doch dort, wo schon die Härtesten aufgegeben haben, kann die Augsburgerin niemand bremsen. Sie durchschwimmt den Golf von Mexiko, holt auf dem Rad die Minuten auf, die sie anfangs verloren hat – und lässt beim Laufen alle hinter sich. Die letzten Kilometer sind die süßesten in ihrem Leben. Sie genießt jeden einzelnen Schritt, bevor sie als erste das Zielband durchreißt. Katja Mayer, die Siegerin des Ironmans von Florida – einem der härtesten Triathlons der Welt. „Wenn ich mein Sieger-Video heute sehe, habe ich immer noch Tränen in den Augen. So etwas kann mir niemand mehr nehmen“, erzählt Katja Mayer heute, 17 Jahre nach diesem Erfolg.
Ihr Weg nach oben war nie einfach. „Ich hatte mit Ausdauersport als Kind nicht so viel am Hut. Meine Eltern sind Künstler. Sport war kein Thema in unsere Familie“, erzählt die gebürtige Augsburgerin, die sich früher nichts Schlimmeres vorstellen konnte, als im Schulunterricht 1000 Meter zu laufen. „Ausdauersport war ein Horror für mich.“ Erst mit 18 Jahren fand sie zum richtigen Sport. „Ich war ja immer viel zu dick. Aber jedes Mädchen möchte schlank und attraktiv sein. Dann habe ich mir gesagt, ich sollte es doch mit dem Sport probieren.“
Die Faszination des Triathlons
Katja fing an, Volleyball zu spielen, traf dann aber auf ihr Schicksal in Gestalt eines Triathleten. Obwohl dieser sie lange überreden musste. „Schwimmen, Radfahren und Laufen? Ich konnte mir nicht vorstellen, was toll daran sein soll, sich so zu quälen.“ Doch schon beim Zuschauen erlebte sie die Faszination des Triathlons. Wie sich 500 neopren-gekleidete Menschen ins Wasser stürzten, wie sie auf ihren High-Tech-Rädern für eine Stunde im Nirgendwo verschwanden, wie sie danach noch viele Kilometer liefen – und trotzdem total happy aussahen. „So viele glückliche Gesichter zu sehen, das war faszinierend. Wenn man danach so zufrieden ist, ist das etwas, das ich auch haben muss“, sagte sich Katja Mayer und legte los.
Tja, leichter gesagt als getan. Weil sie anfangs keinen halben Kilometer ohne Pause laufen konnte, entschied sie sich für eine andere Strategie: einen Schritt nach dem anderen. Sie fing an, zwei Minuten zu laufen, zwei Minuten zu gehen, beim Schwimmen die Stile zu wechseln und sich beim Fahrradfahren nicht zu grämen, wenn sie von anderen überholt wurde. Einfach weiter. Bald schaffte sie ihren ersten Wettkampf. Zwei Jahre später qualifizierte sie sich für den Ironman.
Sie schaffte den Sprung in die Nationalmannschaft – und wurde eine der besten Triathletinnen Deutschlands, nach zehn Jahren Weltmeisterin der Amateure. „Der Anfang war unglaublich schwer. Für mich war aber jeder geschaffte Kilometer, jeder beendete Wettbewerb ein kleiner Sieg – egal, welchen Platz ich belegte.“ Das gab ihr Motivation, niemals aufzugeben. Selbst als sie neben den dreißig Stunden, die sie jede Woche trainierte, noch ein Studium in Mathematik und Sport begann. „Ich wollte einen Plan B haben. Schließlich war Triathlon damals noch nicht so populär, dass man sich damit etwas verdienen konnte.“ Im Gegenteil.
Wenn Mayer auf einen Wettkampf fahren wollte, musste sie die meisten Kosten selbst tragen. So jobbte sie als Taxifahrerin. Während sich andere Sportler den Luxus von Hotels gönnten, suchte sich die junge Augsburgerin Wohngelegenheiten bei Familien vor Ort. So lernte sie die Leute, die Kultur, die Gewohnheiten und das Essen des jeweiligen Landes kennen. Und dadurch auch sich selbst. „Wenn man Ausdauersportler ist, muss man mit sich selbst gut klarkommen. Man verbringt schließlich die meiste Zeit mit sich selbst.“
Mayer ist mittlerweile eine erfolgreiche Unternehmerin
Wahrscheinlich ein Grund, warum Mayer immer recht gut wusste, was für sie am besten ist. Wann es Zeit war anzufangen und wann aufzuhören. „Ich wollte keinen bestimmten Grund haben, um meine Karriere zu beenden. Ich wollte sie beenden, weil ich wollte. Und ich wollte es on top machen.“
So zog sie es durch. Am Ort ihres größten Erfolges. In Florida. Bei ihrem letzten Ironman 2003 habe sie jeden Zug und jeden Schritt genossen, erzählt Mayer. Die mitfiebernden Fans an der Strecke. Die Emotionen, die sie überwältigten, als sie das Ziel zum letzten Mal erreichte. Emotionen, die sie kaum beschreiben kann. Und die sie mitgebracht hat. Zurück nach Deutschland. Um hier ihre ganze Kraft ihrer km Sport-Agentur zu widmen. Heute arbeiten bis zu 300 Leute bei riesigen Veranstaltungen für sie: Münchener Stadtlauf, Nürnberger Stadtlauf, Augsburger Firmenlauf.
Doch die Hauptidee Mayers liegt immer darin, den einzelnen Menschen für den Sport zu begeistern. „Ich wollte den Leuten das besondere Gefühl geben, dass es jeder versuchen, erleben und schaffen kann. Dass der Erste genau so wichtig ist wie der Letzte.“
So kann sich jeder Amateur, jede Mama, jeder Hobbyläufer versuchen und erleben, wie es sich anfühlt, von den Massen bejubelt zu werden. Wie es ist, an die eigenen Grenzen zu stoßen und stolz auf sich zu sein. Vom Kuhsee-Triathlon bis zum Nachtlauf bietet Katja Mayer den Breitensportlern Programm. „Eigentlich habe ich meine Karriere gar nicht beendet, sondern stehe jetzt auf der anderen Seite. Das genieße ich sehr.“
Damit sie selbst weiterhin aktiv bleibt, begleitet sie ihre beiden Kinder in die Schule. Während diese auf dem Rad fahren, läuft sie nebenher. Jeden Morgen. Zehn Kilometer. Eine außergewöhnliche Mama, die heute mit 48 Jahren eine zufriedenstellende Bilanz zieht – für ihr sportliches und ihr privates Leben: „Ich musste nicht immer gewinnen, doch ich habe niemals aufgegeben. “