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Andreas Wellinger im Sommer: „Ich muss nie Kalorien zählen“

Sommerinterview

Skispringer Andreas Wellinger: „Ich muss nie Kalorien zählen“

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    Die Wintersportler werden im Sommer gemacht: Andreas Wellinger erzählt über seine Aktivitäten, seine Lieblingsorte und das große Ziel Olympia 2026 in Italien.
    Die Wintersportler werden im Sommer gemacht: Andreas Wellinger erzählt über seine Aktivitäten, seine Lieblingsorte und das große Ziel Olympia 2026 in Italien. Foto: Ralf Lienert

    Was mag ein Skispringer lieber: den Sommer oder den Winter?
    ANDREAS WELLINGER: Also was den Sport betrifft, definitiv den Winter, weil dort die Wettkämpfe stattfinden. Ich kann aber auch den Sommer richtig genießen.

    Wo sind Sie am liebsten im Sommer unterwegs?
    WELLINGER: Ich genieße es, wenn ich mit kurzen Hosen draußen herumlaufen kann, wenn ich eine Sonnencreme brauche und in meiner Freizeit irgendwo zum Surfen gehe oder einen schönen Grillabend erleben kann. Daheim mit Familie oder Freunden eine gute Zeit verbringen, wo bis um zehn Uhr die Sonne da ist. Ich genieße die langen Tage, die mir sehr viel Energie geben und man gedanklich mal nicht nur am Sport hängt.

    Abschalten auf Bali oder Sri Lanka

    Sie suchen im Sommer auch exotischere Reiseziele auf. Wo waren Sie in den vergangenen Jahren?
    WELLINGER: Dieses Frühjahr waren meine Freundin und ich auf Bali. Vor einem Jahr waren wir in Sri Lanka. Mich interessieren andere Kulturen, anderes Essen, ich will etwas von der Welt sehen. Gleichzeitig sind die Ziele auch ein wenig durch die Reisezeit bedingt. Direkt nach der Saison im April kann ich schon nach Italien fahren. Aber wenn es dann nur 17 Grad hat, dann ist es doch nicht das, was ich haben will. Also entweder will ich dann wirklich einen Winter haben oder einen gescheiten Sommer. Das Surfen am Meer ist ein komplettes Kontrastprogramm zum Winter mit dem Skispringen.

    Tut sich ein Skispringer leichter beim Surfen, weil er statt zwei Brettern nur eines unter den Füßen hat?
    WELLINGER: Bei mir ist es so entstanden, dass ich mit zehn Jahren mein erstes Board zum Geburtstag bekommen habe. Wir waren mit der Familie auf Sardinien im Urlaub. Da der Papa sich beim Windsurfen ausgetobt hat, habe ich mit dem Wellenreiten angefangen. So ist die Leidenschaft entstanden und geblieben. Ob ich jetzt ein Brett oder zwei Bretter unter den Füßen habe, ist mir eigentlich egal. Wasser und Schnee – irgendwie sind es nur zwei unterschiedliche Aggregatzustände. Es ist doch das Element, das mir liegt. Wenn ich zum Surfen gehe und mit meinem Board im Wasser bin, dann kann ich innerhalb einer halben komplett vom Alltag entkoppeln. Dieser Wechsel und das Gefühl auf der Welle ist für mich extrem cool.

    Waren Sie bereits an berühmten Surfer-Spots?
    WELLINGER: Nein, dafür bin ich eindeutig zu schlecht. Ich würde mich in der unteren Mittelklasse einsortieren.

    Was schätzen Sie am bayerischen Sommer?
    WELLINGER: Dass wir bei uns in der Region klimatisch super geile Bedingungen haben. Es gibt genug Regen, es gibt aber auch genug Sonne. Wir haben die Berge, wir haben das flache Land und deswegen gibt es in Bayern super schöne Orte. Wenn hoffentlich dann im Winter wieder genug Schnee kommt, dann haben wir die Möglichkeit zum Langlaufen, Skifahren oder sonstige Aktivitäten. Es ist im Sommer wie Winter draußen immer perfekt, auch wenn man mal die Regenjacken dabei haben muss.

    Ein Kuchen geht immer, auch wenn der Bauch schon voll ist

    Darf ein Skispringer drei Kugeln Eis essen oder müssen Sie auch im Sommer Kalorien zählen? 
    WELLINGER: Ich muss definitiv nie Kalorien zählen, auch nicht im Winter. Für Süßigkeiten und Kuchen bin ich immer zu haben. Ein Kuchen geht immer, auch wenn der Bauch schon voll ist. Glücklicherweise habe ich Gene, die es mir erlauben, keine Kalorien zählen zu müssen. 

    Als Faustregel gilt: Gute Wintersportler werden im Sommer gemacht. Was bedeutet das?
    WELLINGER: Das bedeutet, dass wir im Sommer, von der Anzahl der Sprünge und vom Trainingsumfang mehr Einheiten und Inhalte absolvieren, als es im Winter der Fall ist. Da werden die Reisetage entsprechend wieder mehr werden. Es gibt jeden Sommer, und auch in diesem wieder, Regeländerungen. Dadurch müssen wir Jahr für Jahr in aufwendige Prozesse gehen, um unser Setup abzustimmen. Das ist im Skispringen enorm wichtig. Es muss am Ende die Balance zwischen Auftrieb und Vortrieb funktionieren, damit man mit dem richtigen Gefühl, mit seinem Sprunginstinkt die Stärken ausspielen kann. Das ist immer die Phase, wo es klassisch heißt: Skispringer oder Wintersportler werden im Sommer gemacht. Da stecken wir gerade mittendrin. 

    Das heißt, ihr müsst euch im Sommer mehr quälen als im Winter?
    WELLINGER: Quälen muss ich mich zum Glück fast nie, weil ich es aus Leidenschaft und damit gern tue. Aber unser Training im Sommer ist in vielen Bereichen intensiver, weil Inhalte und Umfänge größer sind. Weil eben Material geprüft wird, Abstimmungen und Tests laufen, die dann im Herbst möglichst abgeschlossen sein sollten. Damit man in den Weltcup starten kann und jeder für sich sein Setup gefunden hat, über das er sagen kann: Mit dem fühle ich mich wohl, mit dem bin ich konkurrenzfähig. 

    Was ist für Sie das perfekte Sommeressen?
    WELLINGER: Es gibt viele. Ich bin größtenteils vegetarisch unterwegs. Was nicht heißt, dass ich nicht auch mal Fisch oder Fleisch esse. Aber wenn es daheim in der Küche ums Kochen geht, dann wird meistens ums Gemüse herum das Rezept gebastelt. Auch ein bisschen Freestyle. Was ich definitiv nie werden könnte, wäre Veganer. Weil bei mir Milchprodukte, Käse oder Eier einfach zu gerne beim Essen dabei sind.

    Kochen Sie selbst?
    WELLINGER: Ja, ich esse gern und ich koche gern.

    Welche Gerichte haben sie im Repertoire?
    WELLINGER: Gemüsepfanne oder gefüllter Blätterteig. Sowas in die Richtung kommt daheim relativ oft auf den Tisch. 

    Was ist das perfekte Sommergetränk?
    WELLINGER: Ich bin größtenteils nur mit Wasser unterwegs. Nicht nur im Training, sondern auch daheim. Zwischendurch darf auch mal ein Bier oder ein Aperol Spritz sein, wenn man in einer geselligen Runde zusammensitzt.

    Die deutschen Skispringer sind letztes Jahr sehr gut gestartet. Pius Paschke führte nach Saisonbeginn den Gesamt-Weltcup an. Es ging mit großen Hoffnungen zur Vierschanzentournee, wo die Leistungskurve abgefallen ist. Habt ihr analysiert, woran es gelegen hat?
    WELLINGER: Wir haben uns natürlich auf die Suche gemacht oder die Frage gestellt: Was hat gut funktioniert, was hat weniger gut funktioniert? Es ist ganz klar unser Ziel, dass es in der kommenden Saison vom Anfang bis zum Ende gut funktioniert. 

    Im Februar stehen als Saison-Höhepunkt die Olympischen Spiele in Italien auf dem Programm. 2014 holten Sie in Sotschi Gold mit der Mannschaft. Aus Pyeongchang 2018 kehrten sie als Olympiasieger von der Normalschanze zurück. Vor vier Jahren mussten Sie in Peking wegen einer Covid-Infektion passen. Wie lauten ihre Ziele für die Springen 2026 in Predazzo?
    WELLINGER: Es liegt eine lange Saison vor uns, von Ende November bis Ende März. Wir haben mit der Vierschanzentournee über den Jahreswechsel, der Skiflug-WM und Olympia drei Highlights neben dem Gesamtweltcup. Die Aufgabe wird sein, dass man in der richtigen Form, mit dem richtigen Setup bereit ist, wenn es dann um Medaillen geht oder um die einzelnen Wettbewerbe. Dann muss es mit dem richtigen Gefühl, dem notwendigen Selbstvertrauen und einem Quäntchen Glück einfach funktionieren, dass man zur Siegerehrung gehen darf.

    Zu Olympia nur über den Brenner

    Nach den Spielen in Russland, Südkorea und China folgen 2026 Wettbewerbe fast vor der Haustür in Norditalien. Was bedeutet das für Sie?
    WELLINGER: Es sind endlich mal wieder Olympische Spiele, zu denen wir über den Brenner mit dem Auto fahren können. Es gibt in den Dolomiten eine große Sporttradition, Italien ist eine Wintersportnation. In Predazzo durfte ich 2013 meine erste Weltmeisterschaft erleben. Jetzt haben sie zwei neue Schanzen gebaut, die wollen wir meistern. Wir haben die Sportstätten und Pisten, die man kennt. Einziger Wermutstropfen sind die weiten Wege zwischen den einzelnen Wettbewerben.

    Können sie sich an Ihren allerersten Sprung erinnern?
    WELLINGER: Ja, das war ich sechs Jahre alt. Zuvor habe ich den Schweizer Simon Ammann bei den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City am Fernseher verfolgt, wie er zwei Goldmedaillen gewonnen hat. Der Mann springt heute übrigens noch immer. Als kleiner Bub habe ich schon den olympischen Spirit mitbekommen. Irgendwann wollte ich da auch ganz oben stehen und möglichst eine Goldmedaille um den Hals hängen haben.

    Haben die Olympiasiege 2014 und 2018 ihr Leben verändert?
    WELLINGER: Es war jeweils eine komplett neue Situation für mich. 2014 bin ich noch zur Schule gegangen und war eigentlich grün hinter den Ohren. Extremer war es nach den Korea-Spielen. Der Solotitel hat die Aufmerksamkeit an meiner Person enorm verändert. Ich musste erst lernen, mit dem Rummel umzugehen. Als Olympiasieger wird man ganz anders wahrgenommen. Das Medieninteresse ist viel höher. In diese Rolle muss man hineinwachsen. Aber das Schöne ist, dass man ein unmittelbares Feedback auf seine Leistungen bekommt. Man merkt, wie groß der Stellenwert Olympischer Spiele ist. 

    Wie lauten Ihre Ziele für die Winterspiele 2026 in Predazzo?
    WELLINGER: Ich will auf höchstem Niveau Skispringen. Mein Ziel ist es nicht nur dabei sein, wie es der olympische Gedanke ausdrückt, sondern ich will auch performen. Ich will mich in die Position bringen, um Medaillen kämpfen zu können. Das ist eine privilegierte Situation, wenn man hinfährt und sagt: Heute müssen mich die anderen schlagen. Am 10. Februar 2018 bin ich an die Schanze von Pyeongchang gefahren und wusste: Heute bin ich der Beste. Es hat geklappt. Es war eine innere Überzeugung, die ich in der Form nie mehr erlebt habe. Diese Überzeugung versuche ich mir in den nächsten Monaten zu erarbeiten. 

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