Assan Ouedraogo hatte diesen Fototermin am Mittwochnachmittag nicht in seinem Kalender eingetragen. Laut Eigenauskunft war er mit einigen seiner Freunde in Marbella „unfassbar am Chillen“, als ihn der Anruf von Julian Nagelsmann erreichte. Der Leipziger Offensivspieler entspannte nach seiner besten Profi-Saison und erholte sich von den Strapazen, die das Leben als Berufsfußballer so mit sich bringt. An eine WM-Teilnahme hatte der 20-Jährige eher nicht gedacht. Zwar durfte er im vergangenen Jahr schon einmal in die deutsche Auswahl hineinschnuppern, mehrere Verletzungen aber hinderten ihn daran, seine Klasse beständig zu zeigen. Dass er nun also am Mittwoch Aufstellung zum offiziellen Mannschaftsfoto nehmen sollte, stand für ihn noch vor wenigen Tagen nicht zur Debatte.
Dann aber verletzte sich Lennart Karl und Nagelsmann war gezwungen, einen Spieler nachzunominieren. Er entschied sich etwas überraschend für Ouedraogo und nicht etwa für Said El Mala, der in Köln mit etlichen Toren und Vorlagen eindrücklich für sich geworben hatte. Ouedraogo aber musste mit den Leipzigern nach der Saison noch eine Werbetour samt Freundschaftsspiel mit seiner Mannschaft nach Südafrika bestreiten. Diese Reise sollte sich zum Vorteil für ihn entwickeln. Anders als El Mala, befand sich Ouedraogo noch nicht im vollständigen Urlaubsmodus und muss nicht erst wieder an sein Leistungsmaximum herangeführt werden.
„Ich stehe voll im Saft“, bestätigte der Leipziger bei der Pressekonferenz am Mittwoch im Team-Quartier der deutschen Mannschaft. Das hatte er am Sonntag als erster deutscher Spieler erreicht. Der Rest des Teams musste erst noch von Chicago nach Winston-Salem reisen. „Sehr langweilig“ sei es gewesen, bis der Rest der Mannschaft eintraf, berichtet der Leipziger.
Ouedraogo machte auf der für ihn ungewohnten Bühne der Pressekonferenz mächtig Eindruck. Letztmals sorgte wohl Lukas Podolski für derart viele heitere Momente bei dem Frage-und-Antwort-Spiel. Dabei hatte es der Offensivmann nicht auf Kalauer abgesehen. Er formulierte mit natürlichem Charme schlicht geradeaus. So berichtete er, dass er sich sehr gefreut habe, als ihm der Bundestrainer am Telefon die Nachricht überbrachte, er solle in die USA nachreisen. So sehr, dass „er mich gefragt habe, ob ich betrunken bin“. War er nicht.
David Raum hat nur lobende Worte für Assan Ouedraogo
So wie er redet, spielt er auch: „Bisschen Freestyle und im Flow“, beschreibt es Ouedraogo selbst. Sein Leipziger Mannschaftskollege David Raum glaubt, dass der 20-Jährige der Mannschaft „auf und neben dem Feld“ helfen wird. Abseits des Rasenvierecks sei er „zurückhaltend“. Zudem besitze er „gute Manieren“ und wisse, „wie er sich zu verhalten hat“.
Als gut erzogener junger Mann wusste Ouedraogo daher auch, bei wem er sich als Erstes nach dem Nagelsmann-Anruf zu melden hatte. „Bei meiner Mutter – aber die ist nicht rangegangen. Dann bei meinem Vater – der ist auch nicht rangegangen. Und dann bei meiner großen Schwester. Die hat es mir erst gar nicht geglaubt.“
In Ouedraogo verfügt Nagelsmann nun über eine zusätzliche Alternative in der Offensive. Der Leipziger kann sowohl in der Zentrale spielen, als auch über den linken Flügel kommen. Seine Dribblings haben im Verein immer wieder Räume für seine Mitspieler geschaffen. „Er ist vorangegangen, hat sich nicht versteckt und hat uns sehr geholfen“, lobt Raum seinen Teamkollegen. Dass er nach der Leipziger Saison mit ihm in diesem Sommer nochmals auf einem Mannschaftsbild zu sehen sein würde, kam unerwartet. Raum freute sich ehrlich. Fast so sehr wie Ouedraogo.
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