Auf den Krimi folgt der nächste große Kampf, auf die eine Herausforderung die nächste Hürde: Doch Deutschlands Handballer sind bereit. Und gierig. Auf den nächsten Gegner, auf den nächsten Sieg, auf das nächste Glücksgefühl. Kurzum: Sie haben bei der Europameisterschaft noch sehr viel vor. Nach dem dramatischen 32:30-Sieg über Portugal steht für die Mannschaft von Bundestrainer Alfred Gislason am Samstag (20.30 Uhr/ZDF) gegen Norwegen wieder eine schwierige Aufgabe an. Mit einem weiteren Erfolg erhöhen sich die Chancen aufs Halbfinale.
Die Skandinavier seien eine „sehr starke Mannschaft“ und „wieder deutlich besser als in den vergangenen zwei Jahren“, lobt Gislason den Gegner, bei dem ein Spieler heraussticht: Sander Sagosen. Der Topstar befinde sich „in sehr starker Form“, schwärmt Gislason. Andererseits: Auch die Deutschen sind gut drauf, das Duell mit Portugal war in mehrfacher Hinsicht eine Prüfung für dieses junge Team.
Plötzlich wirken die deutschen Handballer stabil
In der Jyske Bank Boxen in Herning wurden nicht nur defensive und offensive Qualität getestet, sondern auch die Nervenstärke. Das Spiel war also eine einzige Belastungs- und Bewährungsprobe. Mit wahnsinnigen Widerständen, heftigen Hindernissen und schwierigen Schwächephasen. Doch die Deutschen blieben standhaft.
Aus diesem Auf und Ab, einem permanenten Ausschlag an Emotionen, soll nun Rückenwind werden. Ausgeschlossen ist das nicht. Denn schon vor dem Turnier betonte Bundestrainer Gislason, dass sein Team zwar jung, aber eben dennoch erfahren sei. Das zeigte sich im Krimi von Herning, wo seine Mannschaft mit heißem Herzen und kühlem Kopf agierte. Vergessen scheint der Vorrunden-Ausrutscher gegen Serbien, die Siege über Spanien und Portugal beflügeln. Plötzlich ist da ein Momentum, das Mut macht: Die Deutschen wirken stabil, abgezockt, wach.
Torwart Späth freut sich über starke Abwehr
„Wir haben mittlerweile eine gewisse Coolness in der Crunchtime, denn wir erlauben uns keine unnötigen Fehler und sind dann voll da. Auch wenn wir vielleicht noch ein bisschen jünger sind, aber jeder geht in die Verantwortung und erledigt seinen Job“, fasst Rechtsaußen Lukas Zerbe in zwei Sätzen genau das zusammen, was auch ein einziges Wort ausdrückt: Reife.
Die Deutschen ließen sich gegen die kampfstarken Iberer nicht runterziehen, als sie in der ersten Halbzeit 6:8 (18.) zurücklagen und im Angriff einen Fehler an den nächsten reihten. In dieser Phase besannen sie sich auf ihre Deckung, holten sich dort Sicherheit und Vertrauen, schöpften daraus Kraft und Energie. „Wir haben es geschafft, uns aus einem kleinen Tief herauszukämpfen und sind ruhig geblieben“, sagt Torwart David Späth.
Gislason lobt Leistung seines Teams im Duell gegen Portugal
Und als die Portugiesen in der packenden Schlussphase immer und immer wieder den Rückstand auf einen Treffer verkürzten, legten die Deutschen gegen die massive gegnerische Deckung stets ein eigenes Tor nach. Weil sie nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Köpfchen durch die Wand wollten. Der Olympia-Zweite spielte überlegt und setzte den siebenfachen Torschützen Miro Schluroff in Szene. Gislason attestierte dem wurfgewaltigen Gummersbacher eine „überragende Leistung“, die auch den Isländer etwas ruhiger zuschauen ließ: „Er kommt rein und macht ein Tor nach dem anderen. Das ist einfach viel angenehmer als Trainer.“
Die ganze Dramatik dieses Duells gipfelte schließlich im Siebenmeter von Zerbe, der 38 Sekunden vor dem Abpfiff zum vorentscheidenden 31:29 traf – nachdem er im Laufe des Turniers schon vier Strafwürfe vergeben hatte. Zuvor hatte Nils Lichtlein drei Siebenmeter versenkt, war dann aber auch einmal gescheitert.
Große Reife bei den jungen Spielern
Die Strafwurf-Schwäche brachte die deutsche Mannschaft im bisherigen Turnierverlauf durchaus in die Bredouille, weshalb Gislason im Training ein Augenmerk darauflegte. Drei, vier Leute habe er zuletzt werfen lassen, verrät der Bundestrainer, der die Einheiten stets unaufgeregt verfolgt. So auch am Mittwoch: „Ich sitze da so in meiner Ecke und schaue, was sie machen. Aus meiner Sicht war Nils Lichtlein der Beste.“
Der Plan ging trotz des einen Fehlwurfs von Lichtlein auf – und es macht nun wirklich nicht den Anschein, dass der Berliner ein größeres Problem mit der Verantwortung hat. Auch er gehört zur goldenen Siegergeneration des deutschen Handballs, wurde vor zweieinhalb Jahren umjubelter U-21-Weltmeister. Wie auch Kreisausläufer Justus Fischer, der nach der umstrittenen Roten Karte gegen Kapitän Johannes Golla (53.) in der spielentscheidenden Phase in der Deckung schuftete und noch dazu ein rotzfreches Hebertor erzielte. Mit gerade einmal 23 Jahren blieb er klar und cool. Auch diese Reife macht Mut.
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