In der Selbstinszenierung einer Verlängerung ist Chloe Kelly gewissermaßen geübt. Unvergessen, wie die englische Nationalstürmerin das Wembley-Stadion am 31. Juli 2022 zum Beben brachte, als sie im EM-Finale gegen Deutschland den Ball in der 110. Minute zum Siegtor über die Linie bugsierte. Damals riss sich die Matchwinnerin das weiße Trikot vom Leib, rannte über den Rasen, während mehr als 80.000 Menschen auf den Rängen vor Begeisterung rasten. Die Szene erinnerte an den ikonischen Jubel der US-Amerikanerin Brandi Chastain vom WM-Finale 1999. Doch im EM-Halbfinale gegen Italien blieb ihr blaues Jersey an, nachdem die extrovertierte Londonerin nach einem schwach getretenen Elfmeter mit eigenartiger Hüpfeinlage noch den Nachschuss in der Genfer Nacht benötigte, um in der 119. Minute das 2:1 zu erzielen.
„Der Elfmeter war nicht so geplant, aber ich war bereit für den Nachschuss. Wie bei jeder Gelegenheit mit dem England-Wappen“, flötete die 27-Jährige, die nun mit England im EM-Endspiel in Basel (Sonntag 18 Uhr/ZDF) den Titel verteidigen kann. Dass der Entscheidung eines nie hochklassigen, aber immerhin spannenden Abnutzungskampfes ein umstrittener Strafstoß-Pfiff vorausging, interessierte die Arsenal-Angreiferin herzlich wenig, die im Stade de Geneve sofort mit ausgebreiteten Armen die Kamera suchte. Später sagte sie: „Wir haben die Hoffnung, wir haben den Glauben und wir haben die Qualität.“
Fußball-EM der Frauen: Italienerinnen weinen bitterlich
Das Happy End gegen am Ende bitterlich weinende, weil lange auf die Sensation hoffende Italienerinnen sollte zum Lehrbeispiel einer Mentalität werden, die nach der EM 2022 und WM 2023 mit dem dritten großen Finale binnen vier Jahren belohnt wird. Kelly und Co. sind die Comeback-Queens des Turniers. Es gab in der Schweiz mehrere Momente, da schienen die „Lionesses“ schon beim Kofferpacken in ihrem Teamhotel „Dolder Grand“. Doch als würden sie die teuerste Adresse Zürichs nicht verlassen wollen, fand sich immer noch ein Schlupfloch zum Verbleib. „Man wird uns nicht los“, meinte Stürmerin Lauren Hemp süffisant.
Nun steht die Niederländerin Sarina Wiegman das dritte Mal nach 2017 und 2022 im EM-Endspiel. Zufall kann das nicht mehr sein. „Ich habe viele Emotionen, bin erleichtert, glücklich, es fühlt sich surreal an“, gab die 55-jährige Trainerin zu. „Ich dachte in der 88. Minute, wir müssen jetzt ein Tor schießen, sonst haben wir ein Problem.“ Deshalb hatte die immer so angestrengt durch ihre Brille blickende Erfolgsgarantin auch Michelle Agyemang gebracht. Spät, aber nicht zu spät. Die 19-Jährige egalisierte in der sechsten Minute der Nachspielzeit die italienische Führung durch Barbara Bonansea (33.).
Fußball-EM der Frauen: „England ist eine Katze mit neun Leben“
„Diese Drama-Spiele machen natürlich am meisten Spaß - und wir unterhalten einfach gerne“, erklärte Verteidigerin Esme Morgan. Irgendwie kann diese Gemeinschaft nicht ohne Auf und Ab, die sich von den rassistischen Anfeindungen gegen die diesmal nur auf der Bank sitzende Jess Carter nicht aus der Bahn werfen ließ. Die Leistungsschwankungen sind trotzdem seltsam – und deutlich größer als bei der Heim-EM. Dem Grottenkick gegen Frankreich (1:2) folgte die Gala gegen die Niederlande (4:0). Auf den Pflichtsieg gegen Wales (6:1) gab es das Drama gegen Schweden (3:2 im Elfmeterschießen, 2:2 nach Verlängerung) im Festival der Fehlschüsse, woraufhin das Boulevardblatt Sun anmerkte: „England ist eine Katze mit neun Leben.“ Es kann herrlich gestritten werden, ob es eigentlich sieben oder neun Leben heißen muss. Vielleicht sind es bei dieser EM sogar zehn oder elf. Das Finale steht ja noch aus. Und Chloe Kelly ist wieder dabei.
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