Die Auswahl von Curaçao hat sich bei der Fußball-Weltmeisterschaft für das Gelände der Florida Atlantic University in Boca Raton als Basecamp entschieden: Zwischen dem Atlantik und den Sümpfen der Everglades in Florida sind nicht nur die Kicker mit karibischen Wurzeln untergebracht, sondern auch deren Familien, was ein Dick Advocaat früher nie gestattet hätte. Als Nationaltrainer eines besonderen Außenseiters weiß der Pragmatiker, wie wichtig das Wohlfühlklima für einen WM-Exoten ist, auf den gleich zum Auftakt der vierfache Weltmeister Deutschland (Sonntag 19 Uhr MESZ/ARD und Magenta) wartet.
Die Spieler betreten in der klimatisierten Multifunktionsarena von Houston absolutes Neuland, der Trainer nicht. Bereits bei der WM 1994 in den USA saß Advocaat für sein Heimatland Niederlande auf der Trainerbank, als im Viertelfinale gegen Brasilien ein dramatisches 2:3 den Abschied in Dallas besiegelte. Bei der WM 2006 in Deutschland hatte er Südkorea unter seinen Fittichen. Nur als der General im Januar 2024 die autonome Nation des Königreichs der Niederlande übernahm, waren „The Blue Wave“ von der WM-Qualifikation weiter weg als US-Präsident Donald Trump von einem friedlichen Miteinander mit dem Rest der Welt.
Advocaat über Curacao: „Das Glück der Menschen ist ansteckend“
Nur mit Strenge hätte Advocaat in dieser Gemengelage nie etwas gewonnen. Ein Fußballlehrer musste sich im hohen Alter neu erfinden - die bisweilen griesgrämige Attitüde wich, ohne seine besondere Besessenheit abzugeben. Es gibt wohl keinen auf Curaçao, der Advocaat nicht mag. „Das Glück der Menschen ist ansteckend. Davon können wir etwas lernen“, hat der Mann festgestellt.
Als seine Tochter schwer erkrankte, gönnte ihm der empathische Verbandspräsident Gilbert Martina sofort eine Auszeit. Danach bekam sein Landsmann Fred Rutten den Job. Nur: Der frühere Trainer des FC Schalke 04 blieb gerade für 78 Tage. Die Spieler fremdelten mit dem Nachfolger ebenso wie der Staff - und auch bei den Sponsoren regte sich Unmut. Und plötzlich war Advocaat wieder da, weil sich seine familiäre Situation entspannt hatte. Viele sagen, dieser oft verbissen wirkende Niederländer sei mit Curaçao in einen Jungbrunnen gestiegen, um die schönen Seiten des Fußballs mitzunehmen. Jetzt mit Curaçao die deutsche Nationalelf in die Knie zu zwingen, dürfte für den ältesten Trainer der WM-Geschichte ungleich schwieriger werden.
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