Es ist gewiss nicht so, dass deutsche Nationalspielerinnen vor unbequemen Fragen weglaufen. Doch erhellende Antworten nach dem Drama von Basel für den dunklen Fleck der deutschen Vorstellung hatte niemand parat. Keiner konnte sagen, was bloß in Kathrin Hendrich gefahren war, als die in die Startelf gerückte Verteidigerin bei einer Abwehraktion in die langen Haare von Griedge Mbock Bathy griff. Zunächst hatte sich die französische Kapitänin nur kurz beschwert, dann aber erhielt die schwedische Schiedsrichterin Tess Olofsson einen VAR-Hinweis. Die Zeitlupe war ebenso eindeutig wie das Regelwerk: Doppelbestrafung mit Roter Karte und Elfmeter, den Grace Greyord verwandelte (15.).
Nun sind Generationen deutscher Fußballerinnen ohne Platzverweise durch ihre Turniere gekommen. Das aktuelle Team hat sich nach der Roten Karte gegen Carlotta Wamser wegen Handspiels gegen Schweden (1:4) auch gegen Frankreich eine viel zu frühe Unterzahl eingebrockt. Mit einem Tag Abstand versuchte sich Sportdirektorin Nia Künzer an einer Erklärung für den Blackout der 33-Jährigen: „Sie schaut in eine ganz andere Richtung, sucht Kontakt zur Gegnerin und bleibt mit den Händen in den Haaren hängen. Wir möchten unterstreichen, dass es keine Absicht war.“
Am Mittwoch trifft Deutschland im EM-Halbfinale auf Spanien
Das Halbfinale gegen Spanien vor der Haustür des Teamquartiers in Zürich (Mittwoch 21 Uhr/ARD) verpasst die Abwehrspielerin genauso wie Sjoeke Nüsken. Auf ihre Freudensprünge vor der deutschen Fankurve folgten Freudentränen, denn die Mittelfeldspielerin nahm in der magischen Nacht von Basel die volle Bandbreite an Emotionen mit. Ausgleich mit einem feinfühligen Kopf angebracht (25.), dann Elfmeter fahrlässig vergeben (69.), ehe sich die 24-Jährige als siebte deutsche Schützin wieder nervenstark zeigte. „Wir sind so ein unfassbar geiles Team und ich glaube, dass wir es schaffen können“, sagte sie im ZDF-Interview.
Ohne Emotionalität, merkte Bundestrainer Christian Wück wieder einigermaßen gefasst zu später Stunde an, sei der Fußball „nur halb so viel wert“. Trotzdem hätte der 52-Jährige ja gerne darauf verzichtet, dass sein Matchplan so früh „über den Haufen geworfen“ wird. Danach habe man gewusst, dass „wir nur noch mit Mentalität, mit Kampfgeist, mit Zusammenhalt bestehen konnten“. Die Leidensfähigkeit war das eine, die Kaderbreite das andere.
Das EM-Viertelfinale wird zum Kraftakt
Verblüffend, wie abgeklärt sich EM-Debütantin Franziska Kett als Linksverteidigerin schlug, ehe die 20-Jährige mit Kratzspuren und von Krämpfen geschüttelt runter musste. Überzeugend, wie Sophia Kleinherne als vierte Rechtsverteidigerin auftrat, nachdem Sarai Linder mit einer Fußverletzung runter musste, die nichts Gutes verhieß. Auf beide Seiten war kein Durchkommen für planlose Französinnen.
Die größte Herausfoderung der EM wartet noch auf Deutschland
„Wir waren überzeugt, dass der Kader genau richtig ist. Wir wussten, dass wir jede Spielerin ins Spiel bringen können“, erklärte Wück. Tatsächlich passen die Teile viel besser zusammen, als bei der vermasselten WM 2023 in Australien. Wie weit es in der Schweiz noch geht, kann niemand sagen. Doch eines wollte Wück noch mal herausstellen: „Ich habe schon bei der Mannschaftsbesprechung gesagt, dass Mentalität Talent schlägt – genau das haben wir bewiesen.“ Ähnliche Worte wird der Trainer auch vor der größten Herausforderung bei dieser EM an sein Team richten. Nur werde ein Tag Regeneration nicht reichen, deutete Wück an an: „Ich glaube, wir brauchen jetzt drei Tage Eistonne und Erholung und dann schauen wir, ob wir noch elf Spielerinnen gegen Spanien aufstellen können.“ Wird sicher klappen. Wäre nur gut, wenn das nächste Spiel auch zu elft endet.
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