In Zürich ist der Wandel längst vollzogen. Da hat sich eine Stadt, von der es mal hieß, sie sei doppelt so groß wie der Wiener Zentralfriedhof, aber nur halb so lustig, zu einer lebendigen, vielseitigen und doch noch gemütlichen Metropole entwickelt - vom Weltfinanzplatz zum Lifestyle-Mekka mit der vielleicht höchsten Lebensqualität Europas. Hoch oben auf dem Uetliberg im Westen Zürichs haben sich Deutschlands Fußballerinnen bei der EM einfach wohlfühlen müssen. Die Koffer packen werden die DFB-Frauen nach dem Halbfinale gegen Spanien im Stadion Letzigrund (Mittwoch 21 Uhr/ARD) jedoch auf jeden Fall: Bei einer Niederlage würde der Heimweg angetreten, bei einem Sieg ginge es weiter nach Basel, wo das Finale (Sonntag 18 Uhr/ZDF) ausgetragen wird.
So komisch es klingt: Der große Druck ist wie das schöne Wetter verflogen, obgleich natürlich jeder die letzten Schritte zum neunten EM-Triumph gehen möchte. Aber angesichts der überwundenen Widerstände und der personellen Engpässe wäre ein achtbarer Abschied gegen die Weltmeisterinnen irgendwie auch in Ordnung. Erdrutschartige Verwerfungen wie nach der WM 2023 sind ohnehin ausgeschlossen.
Bundespräsident Steinmeier kommt schon zum Halbfinale
Nach dem Viertelfinal-Thriller gegen Frankreich hat auch der letzte Macho des Landes begriffen, dass neue Vorbilder in der Schweiz am Ball sind. Lothar Matthäus hat an Frauen lange alles interessiert, bloß nicht deren Fußball – nun hielt der Rekordnationalspieler fest, wie die DFB-Spielerinnen „diesen Sport angehen und mit Leben füllen, ist schön zu sehen“. Oliver Kahn erklärt auf einmal, warum die Rettungstat von Ann-Katrin Berger auch dem Titanen wohl nur in seinen besten Zeiten geglückt wäre. Und Friedrich Merz ist von den gezeigten Tugenden so verzückt, dass der Bundeskanzler bei deutscher Beteiligung zum Endspiel über die kontrollierte Grenze kommen würde. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich bereits zum Halbfinale gegen Spanien angekündigt.
Christian Wück hat ein Teilziel erreicht, die Nation zu begeistern, wobei sich der Bundestrainer dafür eigentlich einen anderen Stil gewünscht hat. Aber in schwarz-rot-goldener Not hat der Zweck schon immer die Mittel geheiligt – also kann auch der 52-Jahre Offensivliebhaber, früher Stürmer, mal den Kurs korrigieren. Denn die Haltung passt, vor allem Kampf- und Teamgeist stechen heraus.
Wücks verschworene Gemeinschaft erinnert weniger an die Frauen-EM 2022, als in England ein noch von der aktuell fürs Schweizer Fernsehen arbeitenden Martina Voss-Tecklenburg trainiertes Ensemble mit fünf Siegen überzeugend ins Finale marschierte. Das aktuelle Team ähnelt eher jener Männer-Nationalmannschaft, die bei der EM 1996 ebenfalls im Mutterland des Fußballs alle Widerstände abräumte. Unter Berti Vogts war die Mannschaft der Star – das ist unter Wück wieder so.
Die Personalnot ist wieder gewaltig
Damals war die Personalnot so gewaltig, dass ernsthaft diskutiert wurde, ob Vogts vielleicht den dritten Torwart Oliver Reck aufstellen würde. Nun ist bei den DFB-Frauen die dritte Torhüterin Ena Mahmutovic zur letzten Pressekonferenz am Kalanderplatz gekommen, aber als Feldspielerin wird die 21-Jährige (noch) nicht gebraucht. Verteidigerin Sophia Kleinherne hatte ihr Erscheinen angesichts der Ausfälle von Giulia Gwinn und Sarai Linder (beide verletzt), Sjoeke Nüsken zur Bedingung gemacht, um zu illustrieren, wie wichtig wirklich jedes Kadermitglied ist.
Dass in einem Halbfinale eine Viererkette aus Carlotta Wamser, Kleinherne und Franziska Kett spielen würde, hätte sich Wück wohl nie erträumt. Aber den Nachrückerinnen könne man bedenkenlos vertrauen, findet die Allzweckwaffe Kleinherne: „Wenn eine nicht mehr kann, bringt eine andere die Aufgaben zu Ende.“
Klar ist: Aus wenig Ballbesitz muss Deutschland erneut viel machen. Vor allem die Flügelstürmerinnen Jule Brand und Klara Bühl, erkennbar mit den besten Anlagen ausgestattet, sollten sich in der Offensive in Szene setzen, sonst wird es schwierig gegen die iberische Qualität. Immerhin: Die gewonnenen Duelle bei Olympia 2024 (1:0) und bei der EM 2022 (2:0) gegen die spielfreudigen Spanierinnen geben ein gutes Gefühl. Wobei: Vom Abnutzungskampf im Spiel um Bronze in Paris sind auf deutscher Seite gerade noch vier Protagonisten (Ann-Katrin Berger, Klara Bühl, Jule Brand und Minge) dabei. Ein Beleg, wie groß der Häutungsprozess war und wie lang die Ausfallliste ist. In einem Jahr hat sich beim deutschen Frauen-Nationalteam mehr verändert als im schönen Zürich im letzten Jahrzehnt.
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