Es ist natürlich nur Zufall, dass neben der Trainingshalle der Boston Bruins ein achtstöckiges Hotel gebaut wird. Und dennoch passt es zur Situation des Vereins. Denn Amerikas ältestes Team in der Eishockey-Profiliga NHL ist eine große Baustelle und befindet sich im Neuaufbau. Es soll etwas entstehen und wachsen. Etwas, das in der Zukunft glänzt, strahlt und wunderschön anzusehen ist. Dafür braucht es, wie auf der Baustelle nebenan, einen Bauleiter, der alles überblickt, Anweisungen gibt, richtungsweisende Entscheidungen trifft. Und dieser Bauleiter ist ein Deutscher: Marco Sturm.
Er wurde am 5. Juni zum neuen Cheftrainer ernannt und ist in der 101-jährigen Geschichte des Traditionsvereins der 30. Headcoach. Und dennoch ist Sturm nicht nur ein weiterer Name auf der langen Liste der Bruins-Trainer, sondern etwas Besonderes. Der 47-Jährige ist ein deutscher Debütant – nicht nur bei den „Braunbären“ in Boston und nicht nur in der NHL. In der Nacht auf Donnerstag startet die Saison für Boston mit einem Auswärtsspiel in Washington.
Marco Sturm ist stolz auf seinen Werdegang
Marco Sturm ist der erste Cheftrainer aus „Dschörmäny“ in den vier großen Profiligen Nordamerikas. Denn auch in der National Football League (NFL), Basketballliga (NBA) und der Major League Baseball (MLB) hatte bislang noch nie ein Deutscher das Sagen. Er denke über seine Pionierrolle gar nicht nach, sagt Sturm in seinem Büro im zweiten Stock der „Warrior Arena“, wie das Trainingszentrum der Bruins heißt. Aber wenn er darauf angesprochen werde, ja, dann sei „das schon berührend“ und natürlich sei er „stolz drauf, dass es so geklappt hat“, betont der Bayer.
Allerdings sei es, ergänzt Sturm, „ein langer Weg“ gewesen. Es war vor allem ein Weg, den es für Europäer kaum gibt. Zwar kommen seit Jahren rund ein Drittel aller NHL-Spieler aus Schweden, Russland, Finnland, Tschechien oder Deutschland. Doch europäische Trainer hat es in der 107-jährigen Historie der besten Eishockeyliga der Welt so wenige gegeben, dass sie an einer Hand abzuzählen sind.
Der Finne Alpo Suhonen trainierte in der Saison 2000/2001 die Chicago Blackhawks, Ivan Hlinka aus Tschechien stand zur selben Zeit bei den Pittsburgh Penguins hinter der Bande. Und im Dezember 2024 ernannten die Blackhawks den Schweden Anders Sörensen für den Rest der Saison zum Interims-Cheftrainer. Ansonsten waren die prestigeträchtigsten Jobs des Eishockeys zwischen Vancouver und Washington US-Amerikanern und Kanadiern vorbehalten.
Wie also hat es Sturm auf seinen Posten bei den Bruins geschafft? Die Antwort führt zurück zum von ihm erwähnten „langen Weg“, der für Sturm im Herbst 1997 begann. Damals kam er als 19-Jähriger vom EV Landshut in die NHL, trug bis 2012 in 1006 Spielen die Trikots der San Jose Sharks, Boston Bruins, Los Angeles Kings, Washington Capitals, Vancouver Canucks und Florida Panthers.
Marco Sturm spielte über 1000-mal in der NHL
Er habe in all diesen Jahren „Leute kennengelernt“, betont Sturm, Kontakte geknüpft, sich ein Netzwerk aufgebaut. Und er hatte im Februar 2018 ein Erlebnis, das man mitunter haben muss, damit die Karriere in die richtigen Bahnen gelenkt wird. Sturm war damals Trainer der deutschen Nationalmannschaft. Die NHL hatte ihren Profis eine Teilnahme an den Winterspielen in Pyeongchang untersagt.
Das nutzten Sturm und Deutschland, gewannen sensationell Silber. Für den Coach war es Gold wert. Er nennt den Erfolg einen „Gamechanger“. Nach Olympia habe sich für ihn „alles verändert“. Mehr Anrufe, mehr Interesse aus der NHL. Im Herbst 2018 gab er sein Amt als Bundestrainer ab und wurde Assistenzcoach bei den Los Angeles Kings.
In Boston war Marco Sturm Publikumsliebling
Vier Jahre lernte Sturm das NHL-Tagesgeschäft. Dann übernahm er das Farmteam der Kings, Ontario Reign als Cheftrainer, hatte erstmals auf Klubebene das Sagen. Sturm wuchs mit seiner Rolle und den Aufgaben, machte sich einen Namen als Talent-Förderer – und wurde so für die Boston Bruins interessant. Die hatten 2024/25 die schlechteste Saison der vergangenen 20 Jahre gespielt. Auch zwei Trainerentlassungen konnten die Talfahrt nicht stoppen. Manager Don Sweeney interviewte im Frühjahr 14 Kandidaten für den Chefcoach-Job – und entschied sich für Sturm. „Marco ist bestrebt, unsere Identität aufzufrischen und wieder herzustellen“, betonte Sweeney. Denn Sturm ist mit der Bruins-DNA vertraut.
Er stürmte zwischen 2005 und 2010 für Boston, schoss in 316 Spielen 108 Tore, war Leistungsträger, Fanliebling. Und Sturm kennt aus jenen Jahren noch den Pulsschlag der Bostonians. „Sie lieben den Verein, sind aber auch sehr direkt, wenn es nicht so läuft“, sagt er. Seine Schwerpunkte als Trainer sind die gleichen, wie sie es schon als Profi waren. Spielstruktur, Schnelligkeit, Energie. Sturms Motto: Harte Arbeit wird immer belohnt. Er selbst ist das beste Beispiel dafür.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren