Am Ende wirkte auch Karolina Dercalikova betroffen. Die Dolmetscherin hatte zwei Abende an einem langen Tisch jeden Satz von Julian Nagelsmann mitgeschrieben und jedes Wort ins Deutsche übersetzt. Ihre Ausdauer und Beharrlichkeit quittierte der Bundestrainer wiederholt mit einem respektvollen Blick. Die fleißige Frau war kurz vor Mitternacht reichlich blass um die Nase, denn die slowakische Übersetzerin hatte rund um das WM-Qualifikationsspiel in Bratislava wirklich alles gegeben, was von den deutschen Fußballern nicht zu behaupten war.
Wer nach der vergeigten Vorrunde in Russland bei der WM 2018 und dem desaströsen Erscheinungsbild in Katar bei der WM 2022 dachte, die tiefen Täler wären durchschnitten, hat die deutsche Nationalelf nicht das erste Auswärtsspiel einer WM-Qualifikation verlieren sehen. Alle Ansprüche eines vierfachen Weltmeisters trat dieses Team beim verdienten 0:2 gegen den Fifa-Weltranglisten-52. mit Füßen. Was auch immer sich Julian Nagelsmann auf einer Hütte im Allgäu ausgedacht hat: Das Vorgehen seiner Auswahl wirkte so untauglich wie die Reformvorschläge für den deutschen Sozialstaat.
Nagelsmann: „Wir müssen alle fünf Spiele gewinnen“
Der Bundestrainer holte im ersten Rundumschlag die erfolglosen letzten zehn Jahre hervor, die nicht er alleine verantwortet. „Wenn wir bei ganz einfachen Dingen anfangen wie Emotionalität: Da war der Gegner von der ersten bis zur letzten Minute meilenweit überlegen. Wir sind nicht in der Lage, dass wir hierherkommen können und alles mit 80 Prozent wegspielen. Wenn wir die Emotionalität nicht hinbringen, können wir das Buch zumachen - fußballerische Qualität spielt da keine Rolle“, wetterte Nagelsmann in der ARD und schob flapsig ein: „Heute waren wir meilenweit weg von Gut und Böse. Auch böse waren wir nicht.“
Später in der Pressekonferenz wirkte der 38-Jährige nicht mehr ganz so aufgewühlt, aber in dem riesigen Saal mit den holzvertäfelten Säulen schimmerte durch, wie sehr ihn der grauenvolle Vortrag im Narodny Futbalovy Stadion entsetzt hatte. „Das ist ernüchternd, da bin ich ganz ehrlich“, sagte er irgendwann. Und wie entlarvend war seine Überlegung? „Vielleicht müssen wir auf weniger Qualität setzen, sondern auf Spieler, die alles reinwerfen.“ Dringt ein Trainer noch in die Köpfe der Spieler ein? Nagelsmann: „Wir haben jetzt noch fünf Spiele, die müssen wir alle gewinnen – und zwar deutlich!“
Vielleicht sind Gegner wie die Slowakei, Nordirland und Luxemburg für die DFB-Stars nur eine lästige Pflichtübung, wenn es wochenlang nur darum ging, wer für viel Millionen wohin wechselt. Ohne Haltung, ohne Hingabe und ohne Idee trat dieser Versagertrupp auf, der so kaum eine Zukunft hat. „Wenn wir so auftreten, wird das sicherlich nix mit der Qualifikation. Jeder muss spüren, was auf dem Spiel steht“, räumte Kapitän Joshua Kimmich ein.
Ohrfeige für die deutsche Nationalelf
Nagelsmann klang an vielen Stellen verzweifelt. Einerseits habe er „Vertrauen in die Mannschaft“, andererseits müsse die Motivation „von jedem einzelnen kommen“. Ihn erinnerte die Ohrfeige an der Donau an die typische Pokalsensation, bei dem der Außenseiter alles reinwirft und der Favorit keine Spannung aufbaut. Doch damit klammerte der Fußballlehrer seine eigene Verantwortung aus. Sein Ansatz verfing von hinten bis vorne nicht, dennoch erlöste er zur Pause bloß den überforderten Debütanten Nnamdi Collins, der damit als Bauernopfer aus Bratislava abreiste, wo doch auch die Premier-League-Verpflichtungen Florian Wirtz und Nick Woltemade abtauchten. Anders als im Herbst 2023 nach den Tiefschlägen gegen die Türkei (2:3) und Österreich (0:2) hat Nagelsmann jetzt nicht vier Monate Zeit, eine Kurskorrektur anzubringen. Es geht gleich gegen Nordirland in Köln (Sonntag 20.45 Uhr/RTL) weiter.
Völler und Rettig sollen eingebunden werden
Nagelsmann kündigte an, die notwendigen Maßnahmen nicht im Alleingang treffen zu wollen. Namentlich erwähnte er „Rudi“ (Sportdirektor Völler) und „Andreas“ (Geschäftsführer Rettig), mit denen er sich „im Teamwork“ bespreche. Es gebe „ein paar schlaue Köpfe im Verband“. Das sollte nicht die letzte Botschaft sein, die Karolina Dercalikova übersetzte, die auch am 17. November in Leipzig dabei sein wird, wenn vermutlich die Entscheidung fällt, ob der vierfache Weltmeister die Direktqualifikation für das 48er-Mammutturnier in Nord- und Mittelamerika schafft. Julian Nagelsmann wurde nämlich noch gefragt, ob er unverändert den WM-Titel als Ziel ausgebe. „Wir haben die Worte nicht gefüttert als Gruppe, das muss ich aushalten. Aber es wäre ein fatales Zeichen zu sagen, wir wollen nicht mehr Weltmeister werden.“ Da musste auch die Dolmetscherin mal kurz hochschauen. Was heißt Größenwahn auf Slowakisch?
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