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FC Augsburg

22.03.2019

Baum: "Habe gelernt, das nicht an mich heranzulassen"

Im Gespräch wirkt FC Auzgsburg-Trainer Manuel Baum entspannt. Ganz anders sieht die Gefühlswelt des 39-jährigen Trainers unmittelbar vor und nach einem Bundesligaspiel aus.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Manuel Baum musste mit dem FCA eine schwierige Phase überstehen. Im Interview äußert er sich zu personellen Veränderungen, zum Druck und zu Martin Hinteregger.

Ihr Trainerkollege Thomas Doll hat nach dem Spiel gegen Hannover Schiedsrichter Gräfe verbal angegriffen. Für Sie nachvollziehbar?

Manuel Baum: Es zeigt, dass er mit seiner Mannschaft mitleidet und Emotionen zeigt. Ich hatte eine ähnliche Situation nach dem Spiel in Mönchengladbach (Baum hatte das Führungstor der Borussia als „Skandal“ und den Schiedsrichter als „Dilettant“ und „faul“ bezeichnet, Anm. d. R.). Im Nachhinein sage ich, dass die Art und Weise meiner Äußerungen nicht o.k. war, auch wenn es eine klare Fehlentscheidung gegen uns war. Ich versuche, es künftig anders zu machen.

Sie werden während eines Spiels auf Schritt und Tritt verfolgt, keine Regung, kein Wort bleibt verborgen. Können Sie überhaupt etwas ändern?

Baum: Mir ist bewusst, dass das nicht so leicht geht. Ich versuche, in einer ruhigen Ecke runterzukommen. Bestenfalls hat man zwei, drei Leute um sich herum, mit denen man sich austauscht. Wenn ich Gesprächsbedarf sehe, suche ich Kontakt zum Schiedsrichter. Aber nicht öffentlich, sondern hinter verschlossenen Türen. Sich dort die Meinung zu sagen, das ist legitim.

An Dolls Reaktion zeigt sich der Druck, der auf Bundesligatrainern lastet. Wie gehen Sie damit um?

Baum: Im Spiel lässt sich das ausblenden. Schwierig sind die Phasen davor und danach. Entscheidend ist, sich nicht über Was-wäre-wenn-Szenarien Gedanken zu machen, sondern den Fokus inhaltlich und emotional komplett auf das nächste Spiel zu richten.

Lässt sich der Druck als Trainer zu Hause abschütteln?

Baum: Meine Frau sagt schon mal, zum Glück hast du gewonnen. Ich brauche ein, zwei Tage, um runterzukommen.

Meistens haben Sie aber nur einen freien Tag in der Woche.

Baum: (schmunzelt) Darum ist das nicht so einfach.

Was haben Sie nach dem Freiburg-Debakel verändert?

Baum: Die zentrale Frage war: Warum bekommen wir es am einen Tag auf den Platz und am anderen nicht? Jeder sucht im Fußball nach dem heiligen Gral. Was muss man machen, um erfolgreich zu sein? Ich vergleiche das mit einem Orchester. Manchmal rückt die Geige in den Vordergrund, manchmal die Trommel. Manchmal werden ganz andere Stücke gespielt oder man muss die Instrumente anders stimmen. Als Dirigent muss du das absolute Gehör haben, damit alles funktioniert.

FCA-Trainer Manuel Baum im Gespräch mit AZ-Sportreportern Robert Götz und Johannes Graf (von rechts).
Bild: Ulrich Wagner

Den Taktstock haben Sie zuletzt weitergegeben. Co-Trainer Jonas Scheuermann hielt die Ansprachen vor den Spielen.

Baum: Ich halte pro Woche schon mal bis zu fünf Besprechungen vor der Mannschaft und muss mich immer wieder neu erfinden. Von Zeit zu Zeit muss man etwas verändern. Emotionen sind neben dem Inhaltlichen ein Schwerpunkt. Jeder hat im Trainerteam seine Stärken. In diesen Situationen hat das mit Jonas gepasst, in Nürnberg kann das schon wieder anders aussehen.

Welche Rolle nimmt Ex-Nationaltorwart Jens Lehmann ein?

Baum: Er hat bei Topklubs und in der Nationalmannschaft auf höchstem Niveau gespielt und verkörpert eine Spielergeneration, die frei von der Seele spricht und sich weniger Gedanken über die Wirkung macht. In seiner aktiven Zeit gab es weniger Medienpräsenz und Videoanalysen sowie keine Kommentare in den sozialen Medien. Es hemmt, wenn man ständig darüber nachdenkt, wie sich Mimik, Gestik, Körpersprache und Worte auswirken. Dadurch werden Aussagen diplomatischer. Jens spricht eine direktere Sprache.

In der Krise wurde teils heftig Ihre Ablösung gefordert. Wie nah lassen Sie Kommentare an sich heran?

Baum: Ich bekomme natürlich mit, wenn Leute bei Umfragen über meine Zukunft abstimmen dürfen. Das fühlt sich nicht gut an. Im Verein hatte ich aber nie das Gefühl, dass man sich aus dem Weg geht, sondern dass man gemeinsam lösungsorientiert agiert und langfristig zusammenarbeiten will.

Waren Sie sich sicher, dass Sie in der Länderspielpause noch FCA-Trainer sind?

Baum: Ich habe mir abgewöhnt, mir Gedanken darüber zu machen, was in drei, vier Wochen sein könnte. Ich lebe im Hier und Jetzt und genieße jeden Tag. Andere träumen davon, ein Heimspiel gegen Borussia Dortmund als Trainer zu erleben.

Der Technische Direktor Stephan Schwarz soll darüber nachgedacht haben, Sie freizustellen.

Baum: In unseren Gesprächen war das nie ein Thema, vielmehr haben wir uns intensiv ausgetauscht. Für mich ist ein Korrektiv ungemein wichtig, weil viele sich nicht trauen, wegen meiner Funktion als Bundesligatrainer kritisch mit mir umzugehen. Mir sind andere Meinungen wichtig, solange die Entscheidung bei mir bleibt.

Jahrelang saß die Sportliche Leitung mit Ihnen, Schwarz und Stefan Reuter an Spieltagen auf der Bank. Jetzt nicht mehr. Warum?

Baum: Wir haben mit Jens Lehmann einen Co-Trainer dazubekommen. Seine Aufgabe ist es, seine Erfahrung im Training, aber auch während der Spiele einzubringen. Da das Scouting extrem bedeutend für uns ist, müssen wir Kompetenzen und Kapazitäten so einsetzen, dass sie Sinn machen.

Fehlt in dieser Saison jene Geschlossenheit und Hierarchie, die Augsburgs Mannschaft stets ausgezeichnet hat?

Baum: Nein, unsere Mannschaft ist sehr geschlossen. Für mich ist das ein normaler gruppendynamischer Prozess. Wir haben jüngere Spieler, die in die Verantwortung kommen. Michael Gregoritsch oder Rani Khedira zum Beispiel haben in der vergangenen Spielzeit ihre erste komplette Saison als Bundesligastammspieler absolviert. Danach verändert sich die externe und die eigene Erwartungshaltung. Ich bin sicher, mit den Maßnahmen, die wir in der Winterpause ergriffen haben, sind wir auf dem richtigen Weg.

Welche Maßnahmen?

Baum: Wir haben die Herangehensweise an einige Situation verändert und es hat Veränderungen im Kader gegeben.

"Unsere Mannschaft ist sehr geschlossen", sagt Manuel Baum.
Bild: Ulrich Wagner

Zum Beispiel wurde Caiuby abgegeben. Hat man zu lange an ihm festgehalten?

Baum: Das finde ich nicht. In der Kabine war er eine absolute Frohnatur und er hat in jedem Training Gas gegeben. Was ein Spieler privat macht, sollten wir trennen. Frage ist, wie wir Verfehlungen letztlich einstufen.

Mit  Gregor Kobel steht in dieser Saison der dritte Torhüter zwischen den Pfosten. Wie sehen Sie seine Entwicklung?

Baum: Dass Fehler passieren, das ist normal, gerade bei jungen Spielern. Natürlich ist es bitter, wenn diese prompt zu Gegentoren führen. Uns zeichnet aus, dass wir jungen Spielern eine Chance geben.

"In Frankfurt gibt es jetzt einen glücklichen Menschen mehr"

Wiederholt hat Martin Hinteregger Sie öffentlich kritisiert. Sehen Sie darin einen Vertrauensbruch?

Baum: Zu diesem Thema habe ich alles gesagt. Ich habe gelernt, das nicht an mich heranzulassen. In Frankfurt gibt es jetzt einen glücklichen Menschen mehr, dort fühlt er sich wieder wohl. Er hat gesagt, hier war das nicht der Fall.

Hinteregger wirft Ihnen vor, ihn nicht zu seiner Leistung gebracht zu haben.

Baum: In der Hinrunde hat er nach dem Spiel in Dortmund gesagt, wir spielen den besten Fußball, den Augsburg je gespielt hat. Aktuell ist er nicht Teil der Mannschaft. Daher: Bitte die nächste Frage.

Torhüter Rafal Gikiewicz verlässt den 1. FC Union Berlin und wechselt zum FC Augsburg.
40 Bilder
Das ist der aktuelle FCA-Kader
Bild: Maja Hitij/Getty Images Europe/Pool/dpa

Die Verträge etlicher Spieler laufen im Sommer dieses oder nächsten Jahres aus. Wie intensiv beschäftigen Sie sich bereits mit dem künftigen Kader?

Baum: Wir sind die ganze Zeit im Austausch. Für unsere sportliche Leitung ist das immer ein Thema. Wir haben charakterlich und in der Altersstruktur eine gute Truppe.

Müssen Sie sich qualitativ verbessern, um eine ähnlich durchwachsene Saison wie die jetzige zu vermeiden?

Baum: Gegenfrage: Ist für Augsburg unnormal, acht Spieltage vor Schluss fünf Punkte vor dem Relegationsplatz zu stehen? Saisonziele werden im Sommer auf der Basis formuliert, dass alle Spieler topfit sind und zu hundert Prozent Leistung abrufen. Wir sehen jedes Jahr, wie viel passieren kann. Daher müssen wir demütig bleiben.

Aber auch Ihre Erwartungshaltung und die der Spieler ist gestiegen.

Baum: Klar. Das kommt von unserer Seite genauso. Das ist ein Lernprozess. Auf einer Treppe sollte man aber nur eine Stufe nach der anderen nehmen. Das muss uns bewusst bleiben.

Ist mit einem Erfolg gegen Nürnberg der direkte Abstieg vermieden?

Baum: Nein, sicher nicht. Deswegen: Das nächste Spiel ist immer das wichtigste.

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