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DFB
27.04.2021

Nazi-Vergleich: Mehr als nur ein Fehler von Fritz Keller

DFB-Präsident Fritz Keller hat seinen Vize Rainer Koch mit einem Nazi-Vergleich beleidigt.
Foto: Arne Dedert, dpa

Fritz Keller vergleicht seinen Vize Rainer Koch mit einem Nazi-Richter. Nun ist der Präsident von seinem Kontrahenten abhängig und der weiß, wie eine derartige Unerhörtheit ausgenutzt werden kann.

Die Terrasse lädt aber auch geradezu ein, die Gedanken schweifen zu lassen. Wenn Fritz Keller vor seiner „Kellerwirtschaft“ sitzt, kann sich sein Blick überall und auch nirgendwo festhalten. Die vor ihm liegenden Hänge haben seiner Familie zu veritablem Reichtum verholfen. Keller ist einer der bekanntesten Winzer Deutschlands, seine Weine vielfach prämiert. Wenn also der 64-Jährige vor seinem Restaurant in die Ferne schaut, sieht er Reben und Hügel, gewelltes Grün unter strahlend blauer Decke.

Der Präsident des Deutschen Fußball-Bunds ist manchmal immer noch von den Wendungen und Allianzen, der unmittelbaren Gefahr jeglicher Regung überrascht. Keller hat sich seine Unabhängigkeit anders erarbeitet. Langfristiges und verlässliches Planen, Konfrontationen ehrlich und schnell austragen. Nun aber, da er einen Posten bekleidet, dessen Gestaltungsspielraum von engmaschigen Bündnissen in argen Grenzen gehalten wird, wirken die Charaktereigenschaften seltsam fehl am Platz.

Fritz Keller ist ein fantastischer Plauderer - das ist gefährlich

In den Weiten seines Weinguts denkt es sich gut. Keller ist dazu noch flink im Formulieren schleuniger Gedanken, er ist ein fantastischer Plauderer. Kaum etwas ist gefährlicher, wenn man den höchsten Posten im deutschen Fußball bekleidet. Sein Vorgänger Reinhard Grindel beispielsweise war wenig geübt im Small Talk oder im schleunigen Formulieren flinker Gedanken. Grindel wäre niemals ein derart heftiger Fehler unterlaufen, wie es nun eben Keller passiert ist.

DFB-Präsident Fritz Keller (rechts) und Generalsekretär Friedrich Curtius stehen sich in offener Antipathie gegenüber.
Foto: Arne Dedert, dpa

Als sich das DFB-Präsidium am vergangenen Freitag traf, um mal wieder zu debattieren, wie denn die verfahrene Situation aufzulösen sei, bediente sich Keller einer derart unerhörten Formulierung, dass er nur schwer im Amt wird bleiben können. Die Konflikte im Verband sind bekannt. Keller und sein Generalsekretär Friedrich Curtius sind sich lediglich in ihrer gegenseitigen Ablehnung einig. Der mächtige DFB-Vizepräsident Rainer Koch ist der Seite Curtius’ zuzuzählen.

Wie nun bekannt wurde, hat sich Keller an jenem Freitag einer Formulierung bedient, die den Tatbestand der Beleidigung nicht nur streift. Nach übereinstimmenden Berichten hatte er Koch mit Nazi-Richter Roland Freisler verglichen. Freisler war als Richter am Volksgerichtshof für über 2600 Todesurteile verantwortlich. Er verurteilte unter anderem die Geschwister Scholl wie auch die Widerstandskämpfer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg zum Tode. Ehe Kochs multifunktionales Wirken sein Zeitkonto aufbrauchte, war er Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht München. Viel ehrabschneidender als ein Vergleich mit Roland Freisler kann es kaum werden.

Rainer Koch hat die Entschuldigung noch nicht angenommen

Keller bat Koch schnell um Entschuldigung. Dieser weigert sich bisher aber noch, diese anzunehmen, „weil er den gesamten Vorgang mit zeitlichem Abstand zunächst in einem persönlichen Gespräch mit Fritz Keller aufarbeiten möchte“, lässt der Bayerische Fußball-Verband (BFV) ausrichten, dessen Chef Koch ist. Keller wiederum will bislang noch nichts von einem Rücktritt wissen. „Ich habe einen Fehler gemacht, aber ich werde die Aufräumarbeiten, für die ich zum DFB geholt und mit 100 Prozent der Stimmen auf dem Bundestag gewählt wurde, zu Ende führen“, zitiert ihn die Bild.

Rainer Koch ist der wohl mächtigste deutsche Fußball-Funktionär
Foto: Andreas Gora, dpa

Gleichwohl hat er jenen Fehler gemacht, auf den Curtius und Koch gewartet haben. Der Generalsekretär erstattete umgehend Anzeige bei der DFB-Ethikkommission. Diese ist zweifelsfrei die richtige Instanz, durch allzu große Handlungsschnelligkeit hatte Curtius bis dato aber eher nicht geglänzt. Koch wiederum kann nun das Schicksal Kellers mitbestimmen. Nur wenn er die Entschuldigung annimmt, dürfte der DFB-Präsident eine Chance haben, weiter im Amt zu bleiben. Koch ist vertraut mir derartigen Konstellationen. Seit 2004 ist er Präsident des BFV, mittlerweile führt er die gleiche Funktion beim Süddeutschen Fußball-Verband aus, hat sich in Gremien bei Uefa und Fifa angedient. All das, ohne in den Verdacht zu geraten, Beliebtheitspreise gewinnen zu wollen. Koch aber versteht sich herausragend darauf, Allianzen zu schmieden.

Er formuliert bedachter als Keller, ist weniger leutselig. Funktionär, wie man nur Funktionär sein kann. Koch wird auch dann noch Bündnisse formen, wenn Keller wieder viel Zeit auf seinem Gut verbringt. Vielleicht schon bald.

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