Herr Hackl, am Rande der Olympischen Winterspiele sind Sie in Cortina gestürzt und haben sich an der Schulter verletzt. Wie geht es Ihnen inzwischen?
GEORG HACKL: Nicht so gut. Es kugeln sich ja viele Menschen die Schulter aus. Das macht beim einen mehr Probleme, beim anderen weniger. Bei mir macht es jetzt mehr Probleme, weil ich sie nach hinten ausgekugelt habe. Einige Strukturen sind verletzt. Besonders schlimm ist, dass die Nerven in Mitleidenschaft gezogen wurden. Jetzt habe ich starke Nervenschmerzen.
Mussten Sie operiert werden?
HACKL: Nein. Man hat gesagt, in meinem Alter nicht mehr. Aber ich muss ja auch nicht mehr Olympiasieger werden.
Vor ein paar Tagen haben Sie Ihren Rücktritt als Trainer der österreichischen Rodler bekannt gegeben. Ist Ihnen diese Entscheidung schwergefallen?
HACKL: Da ich meine Sachen im Leben immer relativ strukturiert geplant habe und wusste, wo die Reise hingeht, fällt mir das jetzt nicht schwer. Ich kann mit großer Freude, Zufriedenheit und Dankbarkeit diese Lebensphase als Trainer abschließen und freue mich auf die nächste Lebensphase. Das wird zugleich die Letzte sein, die übrigens noch keiner überlebt hat.
Haben Sie keine Sorge, in ein Loch zu fallen?
HACKL: Nein. Ich habe ganz bewusst keine großen Ziele formuliert, um mich nicht gleich wieder zu überfordern. Ich bin sehr überzeugt, dass sich das alles von selbst füllen wird – vermutlich schneller, als mir lieb ist. Ich beobachte ja, wie es anderen Pensionisten geht.
Haben Sie diese Entscheidung mit sich selbst ausgemacht oder gab es auch Stimmen von außen, die gesagt haben: Lass es gut sein?
HACKL: Das habe ich mit mir selbst ausgemacht. Ich habe mir überlegt, dass das Maßband des Lebens nur noch ganz kurz ist. Und ich möchte nicht irgendwann aufhören und dann schon nicht mehr fit sein und bloß noch mit dem Rollator herumlaufen. Ich bin ja in der glücklichen Lage, dass ich von der Bundeswehr meine Pensionsbezüge bekomme und ein paar Rücklagen habe. Das erlaubt mir, einen gewissen Lebensstandard weiterzuführen. Ich habe ja keine großen Ansprüche. Ich kann ein normales Auto fahren und jeden Tag ein Schnitzel essen. Das kann ich garantieren, und das ist ein angenehmes Gefühl.
Wie fühlt es sich dann an, nach einer langen Karriere als Sportler und Trainer plötzlich Rentner zu sein?
HACKL: Momentan muss ich ja noch an meiner Verletzung herumlaborieren und kann meine Zeit noch nicht in vollen Zügen genießen. Aber ich kann mir das visuell sehr gut vorstellen, wenn ich dann mal wieder gesund und frei bin in meiner Entscheidung, wie ich den Tag verbringe. Skifahren kann ich heuer leider nicht mehr. Aber für die nächste Saison habe ich da große Pläne.
Wenn Sie zurückblicken: Waren Sie lieber Sportler oder Trainer?
HACKL: Interessante Frage, die ich gar nicht so einfach beantworten kann. Jede Lebensphase hat ihre Zeit und man ist ja irgendwann notgedrungen Trainer, weil man ein gewisses Wissen angehäuft hat und das gerne weitervermittelt. Gleichzeitig kann man körperlich irgendwann kein Sportler mehr sein – wäre das anders, wäre ich schon lieber Sportler geblieben. Trotzdem ist es schön, als Trainer zu arbeiten. Man fiebert mit. Man kann junge Sportler an Höchstleistungen heranführen, sofern sie einem die Erfahrungen auch gut abnehmen und umsetzen. Das macht Spaß und man ist auch stolz drauf, wenn die Sportler Erfolge haben.
Wann sind denn Sie das letzte Mal selbst eine Bahn runtergefahren?
HACKL: Auf dem höchsten Niveau war meine letzte Fahrt bei den Olympischen Spielen 2006 in Turin der vierte Rennlauf. Dann war Ende. Bei der Wok-WM bin ich nochmal runtergerutscht und danach vielleicht nochmal mit einem Kinderschlitten. Aber das mache ich jetzt auch nicht mehr. Ich werde heuer 60 und merke schon die körperlichen Belastungen. Rennrodeln schaut immer so einfach aus. Du legst dich drauf und rutscht nach unten. Aber so ist es nicht. Man muss schon sehr gut trainiert sein, um diesen Anforderungen standhalten zu können.
Sie waren immer ein Perfektionist und Tüftler, wenn es um das Material ging. Was ist wichtiger: Mensch oder Material?
HACKL: Das Zusammenspiel von Mensch und Material ist das Wichtigste. Einerseits muss der Mensch Reaktionsfähigkeit haben. Er muss einen genauen Plan haben für die Aktionen, die er während der Fahrt machen will und muss. Er braucht einen Plan für eventuelle Abweichungen, weil man immer ein kleines Stück von der Ideallinie abweicht. Und dann muss man neben dem Plan A auch noch einen Plan B, C, D und E bereitliegen haben. Überlegen kann man während der Fahrt nicht. Man muss in Hundertstelsekunden wissen und entscheiden, wie man auf eine eventuelle Abweichung vom Idealzustand reagiert. Und der Mensch muss natürlich sehr gut mit seinem fahrbaren Untersatz umgehen können. Dass der Schlitten so reagiert, wie es der Fahrer haben möchte und wie er es gewohnt ist. Das ist bei unterschiedlichen Bahnen und unterschiedlichen Bedingungen immer anders. Es braucht immer eine individuelle Abstimmung.
Wird Rodeln in der Öffentlichkeit ausreichend gewürdigt oder hat es das Problem, nur alle vier Jahre bei Olympia im Rampenlicht zu stehen?
HACKL: Man muss schon ehrlich sagen, dass Rodeln eine Sportart ist, die den Zuschauer vom Spannungsaufbau her nicht so sehr vom Hocker reißen kann wie ein Skirennen oder ein Biathlon-Wettbewerb. Dieser Spannungsbogen ist beim Rodeln nicht so groß. Da fährt einer nach dem anderen die Bahn runter und der schnellste gewinnt halt. Ein tolles Format ist dagegen die Teamstaffel. Da wechselt die Führung ständig, das ist spannend. Aus verschiedenen Gründen ist Rodeln aber eben eine Sportart mit geringerem Zuschauerinteresse. Für diese Voraussetzungen hat es aber einen relativ hohen Stellenwert, weil gerade in Deutschland und in Österreich viele Erfolge im Rodeln erzielt werden.
Aber ist Rodeln nicht auch dazu verdammt, erfolgreich zu sein, weil es sonst ganz von den Bildschirmen verschwindet?
HACKL: Wenn die deutschen Rodler hinterherfahren, wird sich das keiner anschauen. So ehrlich muss man schon sein. Durch seine Erfolge hat das Rodeln einen relativ guten Stellenwert. Natürlich hat die Sportart bei den Olympischen Spiele alle vier Jahre ihren großen Auftritt. Das gilt ja für viele kleinere Sportarten.
Sie haben zuletzt Deutschland als „Bananenrepublik“ bezeichnet, wenn es um Bauprojekte geht. Auslöser war, dass die beschädigte Rodelbahn in Königssee seit fünf Jahren repariert wird.
HACKL: Es wurde geschrieben, dass der Hackl poltert. Ich habe aber nicht gepoltert. Ich übe berechtigte, sachliche und konstruktive Kritik. Weil die Königsseer Bahn ja kein Einzelbeispiel ist. Wir haben in Deutschland die Situation, dass wir nichts mehr zustande bringen. Wir schaffen gar nichts mehr. Beim Stuttgarter Bahnhof war die Fertigstellung für 2021 geplant, und jetzt haben sie es auf 2030 verlängert. Oder der Berliner Flughafen, der ewig gedauert hat. Und dann wird das alles um ein Vielfaches teurer. Da muss man sich die Gründe anschauen. In Stuttgart ruhte die Baustelle ein halbes Jahr, weil Eidechsen umgesiedelt werden mussten.
Und in Italien haben sie für die Winterspiele eine Rodelbahn aus dem Boden gestampft.
HACKL: Ohne despektierlich über Italien sprechen zu wollen, aber wir waren früher besser. Jetzt bauen die Italiener innerhalb eines Jahres kurz vor knapp eine Olympiabahn – weil sie es beschließen und weil sie es können. Das haben sie gut gemacht, und wir schaffen es nicht mal, am Königssee zwei Kurven zu reparieren. Es kann ja mal etwas schiefgehen, aber das ist ja in Deutschland an allen Ecken und Enden so. Das ist ein strukturelles Problem.
Aber haben sie zumindest Hoffnung, dass kommenden Winter am Königssee wieder gerodelt wird?
HACKL: Na gut, dann habe ich mal die Hoffnung und wir schauen, was rauskommt. Groß ist die Hoffnung aber nicht, weil wir schaffen ja nichts. Wir schaffen keine Ladeinfrastruktur für Elektroautos. Wir bekommen keine Energiewende hin. Weil wir keine Struktur und keinen Plan haben. Dabei brauche ich doch nur nach Dänemark zu schauen. Die können das alles. Die sind da weiter.
Aber rodeln können die Dänen nicht.
HACKL: (lacht) Das stimmt, die haben keine Rodler – das können die nicht.
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