Völlig außer Atem schlägt sie die Hände vors Gesicht, ungläubig schaut sie auf die Uhr: Heike Schwerdtner ist sichtlich fassungslos über das, was sie gerade erreicht hat. Neun Minuten und sieben Sekunden hat sie unter Wasser die Luft angehalten, und das ohne jegliche Hilfsmittel. Das bedeutet Weltrekord und so ganz nebenbei auch den Weltmeistertitel im Static Apnoe Tauchen. Wieso der Rekord noch einmal historischer als ohnehin schon ist – und wie man es so lange unter Wasser aushält.
Der Ort des Geschehens ist ein einfacher Pool in einem Hallenbad der litauischen Hauptstadt Kaunas. Beim Static Apnoe Tauchen liegt die Person mit dem Kopf nach unten im Wasser. So wie Schwerdtner an diesem 27. Juni. Mit schwarzem Ganzkörperanzug ausgestattet, treibt sie regungslos direkt am Beckenrand, die Hand ihres sogenannten „Buddys“ auf ihrem Rücken. „Der Begleiter passt auf, dass alles in Ordnung ist und nichts passiert“, erklärt die 54-Jährige. Gegen Ende sagt er die Zeit durch: 8:50, neun Minuten.... „Das möchte ich normalerweise nicht, aber das hatten wir dieses Mal so ausgemacht, wenn es in Richtung dieser Zeiten geht.“
Schwerdtner trainiert Static Apnoe fast jeden Tag
Das Apnoe Tauchen und Heike Schwerdtner - Liebe auf den ersten Blick war es nicht gerade. Zwar ist sie seit ihrer Kindheit eine Wasserratte, doch die Disziplin entdeckte sie erst vor zehn Jahren für sich. Damals gab es einen Kurs in ihrer Heimat Regensburg. „Mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich da jetzt einfach mal hingehen soll.“ Mit einem Kumpel übte sie es, am Anfang aber wenig erfolgversprechend. „Da dachte ich zuerst, dass das nichts für mich ist. Ich habe danach immer ziemlich schlecht geschlafen.“ Doch Schwerdtner blieb dran.
Mehrmals pro Woche trainierte sie, zunächst dreimal, heute fast jeden Tag. Das Training muss man sich wie ein „Intervalltauchen“ vorstellen. Vier Minuten die Luft anhalten, zwei Minuten Pause, wieder die Luft anhalten... Dazu kommen Fitness- und Laufeinheiten. Alles natürlich rein hobbymäßig. Hauptberuflich arbeitet sie als Lehrerin im Pflegebereich. Auch auf ihre Ernährung achtet Schwerdtner mittlerweile sehr genau. „Ich ernähre mich zu 90 Prozent vegetarisch, das hilft beim Tauchen enorm.“ Alkohol trinkt sie nur wenig, vor Wettkämpfen überhaupt keinen.
Schmerzen hatte die Taucherin bei ihrem Weltrekord in Kaunas keine
Die große Herausforderung sei es, einen meditativen Zustand während des Tauchens zu erreichen. „Zunächst mal geht das locker, da träumt man so ein bisschen vor sich hin. Aber nach ein paar Minuten wird es unangenehmer, dann muss man in eine Art Trance kommen.“ Das Geheimnis sei, für den Moment zu denken und sich nicht die Zeit vorzustellen, die noch vor einem liege. Wenn man in diesem Zustand ist, verfliegt die Zeit laut Schwerdtner deutlich schneller. Einer der Gründe, wieso sie bei ihrem Weltrekord so überrascht war. „Ich habe gar nicht gemerkt, wie die Zeit verflogen ist.“
Beim Tauchen empfindet Schwerdtner keine Schmerzen, auch wenn sie mehrere Minuten unter Wasser ist. „Klar, irgendwann meldet sich das Zwerchfell, die Kontraktionen sind bei mir aber glücklicherweise nicht sehr ausgeprägt. Es ist eher ein unangenehmes Gefühl.“ Dazu komme ein Hunger nach Atem, der immer stärker werde. Das Hobby ist nicht ganz ungefährlich, immer muss ein Aufpasser dabei sein, auch beim Training. Der ist nicht in erster Linie dazu da, die Zeit durchzusagen, sondern soll aufpassen, dass es der Sportlerin gut geht. Ein Alarmsignal ist es zum Beispiel, wenn diese Luft ausstößt. Mit Handbewegungen stehen die beiden permanent im Kontakt. „Dass es Zeit zum Auftauchen ist, merke ich daran, dass der Trancezustand immer stärker wird“, so Schwerdtner. Wirklich gefährlich sei es bei ihr aber noch nie geworden.
Dass sie tatsächlich einen Weltrekord aufgestellt hat, kann sie auch nach ein paar Wochen immer noch nicht richtig glauben. Nicht nur, weil sie in diesem Jahr bereits zweimal versucht hatte, den Rekord zu unterbieten, und gescheitert war. Sondern auch, weil der alte elf Jahre alt war und von einer Ikone des Tauchsports gehalten wurde, der Russin Natalia Molchanova. Sie war ein Star der Szene, verschwand aber 2015 bei einem Tauchtrip im Mittelmeer. Von ihr fehlt bis heute jede Spur. „Ich habe wahnsinnig viel Zuspruch bekommen. Sogar in Ecuador, wo ich zum Tauchen war, haben mich Kollegen darauf angesprochen.“ Das Ganze soll keine Eintagsfliege bleiben. Schwerdtners Ziel ist es, den Rekord weiterhin zu bestätigen.
Die Bestmarke ist das eine, aber auch mental hat das Hobby einen Einfluss auf Schwerdtner. „Ich will nicht behaupten, dass ich ruhiger geworden bin. Aber ich versuche einfach mehr im Hier und Jetzt zu leben.“ So wie beim Tauchen eben.
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