Herr Greipel, Sie werden dieses Jahr 40 Jahre alt. Wie oft ist der Gorilla, als der Sie oft bezeichnet wurden, in Rente noch auf dem Rennrad unterwegs?
André Greipel: Je nach Wetterlage, aber dreimal pro Woche auf jeden Fall. Ich habe mein Ziel so auf zehn bis zwölf Stunden die Woche reduziert. Damit komme ich ganz gut klar.
Wo sind Sie dann am häufigsten anzutreffen?
Greipel: Da wo ich jetzt auch bin, in Hürth. Ich muss jetzt in kein Trainingslager mehr, um Rad zu fahren. Das hab ich so viele Jahre gehabt. Ich bin ganz gerne zuhause.
Pünktlich zu ihrem Karriereende erschien Ihr Buch „Aus dem Windschatten“. Wie entstand die Idee dazu?
Greipel: Das ist gewachsen. Ich wollte erst einen Podcast machen, dann kam die ARD-Doku. Dann hat der Münchner Verlag mir den Vorschlag mit der Biografie gemacht und das hat mir gut gefallen. Tim Farin wurde mir als Ghostwriter vorgeschlagen. Wir kannten uns vorher schon und das hat das ganze natürlich erleichtert.
Sie sind verheiratet und haben zwei Töchter, zwölf und 17 Jahre alt. Fährt Familie Greipel auch mal zusammen Fahrrad?
Greipel:Nein, das kommt nicht zusammen. Höchstens zum Eis essen.
Was macht in Ihren Augen einen guten Sprinter aus?
Greipel: Sprinten können natürlich viele. Aber am Schluss noch sprinten können: Das macht den Unterschied. Dieses Umgehen mit Laktat in den Beinen ist mit Sicherheit nicht Jedermanns Sache. Es geht darum, noch etwas mehr Power aus den Beinen zu holen, wenn man eigentlich schon total in der Suppe fährt.
Braucht man also auch eine gewisse Schmerztoleranz?
Greipel: Ja, im Radsport muss man schon ein bisschen schmerzpervers sein. Der Umgang damit ist tagtäglich da und man muss sich damit dann auch arrangieren.
Mit 158 Profisiegen sind Sie der erfolgreichste deutsche Radsportler aller Zeiten. Auf Ihrem Konto stehen elf Etappen der Tour de France, sieben des Giro d’Italia und vier der Vuelta a España. Welcher Sieg ist Ihnen am meisten in Erinnerung geblieben?
Greipel: Der erste Etappensieg bei der Tour de France 2011 war natürlich schon etwas Gigantisches, weil es zugleich meine erste Teilnahme war und ich alles sofort umsetzen konnte.
Es gab sicherlich auch negative Erlebnisse in Ihrer Karriere. In Ihrem Buch kritisieren Sie etwa den BDR für seine Entscheidungen zur Weltmeisterschaft 2016 in Katar. Die Strategie sei nicht auf einen Sprinter ausgerichtet gewesen, es habe mit Ihnen, John Degenkolb und Marcel Kittel gleich drei Anwärter auf den Sieg gegeben.
Greipel: Das war die größte Niederlage meiner Karriere. Wie die Nationalmannschaft dort mit uns Sportlern umgegangen ist, war mit Sicherheit nicht das Professionellste. Wenn man zu einer Weltmeisterschaft anreist und mental schon so kaputt ist von Querelen im Team und Entscheidungen, die noch nicht getroffen wurden, dann weiß man, wie es in einem aussieht vor so einem wichtigen Radrennen.
Aktuell läuft die UAE Tour, die Fußball WM soll ebenfalls in Katar stattfinden. Ist es in Ihren Augen eine negative Entwicklung, dass Sportveranstaltungen auch in Länder gegeben werden, in denen der Bevölkerung die Sportart oft fremd ist?
Greipel: Es ist zu bestreiten, dass das von der UCI eine gute Wahl war, die Radsport-WM dorthin zu geben. Geld regiert eben oft die Welt. Das ist manchmal traurig, weil Radsport natürlich auch durch Zuschauer eine Sportart zum Anfassen war, einfach ein Volksfest. Und das war in Katar sicherlich nicht so.
Sie haben 2005 als 23-Jähriger beim Team Wiesenhof als Profi begonnen. Wie hat sich der Radsport in dieser Zeit entwickelt?
Greipel: Es hat sich sehr viel verändert – trainings- und materialtechnisch. Wir fahren jetzt mit elektronischen Schaltungen, mit Carbonfasern, mit Scheibenbremsen. Früher sind wir mit flattrigen Trikots durch die Gegend gefahren, jetzt ist jedes Trikot fast ein Zeitfahranzug. Und klar sind auch die Fahrer jünger geworden. Die können heute direkt in die Weltspitze fahren. Das zeigt natürlich auch, dass sich trainingstechnisch viel verändert hat.
Gibt es in der jungen Generation auch Profis, die Sie bewundern?
Greipel: Wout van Aert und Mathieu van der Poel sind momentan schon die zwei herausragenden Charaktere. Junge Fahrer krempeln aktuell den Radsport um.
Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Sie Sportlicher Leiter des Radklassikers „Rund um Köln“ werden. Davon abgesehen: Wie sieht Ihre berufliche Zukunft aus?
Greipel: Ich bin bei einem Helm- und Brillenhersteller und versuche dort als Bindeglied zwischen Firma und Teams zu fungieren. Das ist das, was ich jetzt am meisten mache, was mir auch ziemlich am Herzen liegt, weil ich immer schon ein Faible hatte für Material. Außerdem bin ich noch Markenbotschafter für einen Fahrradhersteller.
In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie Respekt vor der ungewohnten Situation haben, kein sportliches Ziel mehr zu haben. In den sozialen Medien sieht man Sie häufiger beim Schwimmen und Laufen. Ist das nächste Ziel der Ironman auf Hawaii?
Greipel: Das sind einfach Sportarten, die ich sonst nicht so oft gemacht habe. Ich hatte viele Schulterverletzungen und für meine Schultern ist das das Besten, was ich machen kann. Ich gehe gerne Schwimmen und ich gehe gerne auch Laufen. Am Ende glaube ich, wird es mich aber nicht in Hawaii geben.
Aber werden Sie mal bei einem Triathlon an der Startlinie stehen?
Greipel: Das kann sein, aber momentan möchte ich mich da nicht festlegen. Ich möchte einfach ungezwungen Sport machen und wenn ich einen Triathlon mache, dann nur zum Spaß an der Freude.
Sie beschreiben in Ihrem Buch auch den Tod Ihrer Mutter Gudrun sehr eindrücklich. Sie ist 2017 an der schweren Nervenkrankheit Amyotropher Lateralsklerose (ALS) gestorben. Welche Rolle hat sie in Ihrem Leben gespielt?
Greipel: Meine Mutter war immer mein größter Fan. Sie hat keines meiner Radrennen verpasst. Durch die Unterstützung meiner Eltern konnte ich diesen Sport auch erst ausüben. Deswegen bin ich natürlich sehr dankbar, dass ich so ein Elternhaus hatte.
Sie setzten sich auch selbst seit dem Tod ihrer Mutter stark für die ALS-Forschung ein, indem Sie Geld sammeln.
Greipel: Meine Mutter hat seit der Diagnose immer viel daran gesetzt, dass man das Wissen über diese Krankheit vorankurbeln muss. Sie hat dazu beigetragen, dass mehr über ALS in Erfahrung gebracht werden kann. Ich will das gleiche tun und dafür meinen Namen nutzen.
Zur Person: André Greipel ist der erfolgreichste deutsche Radfahrer aller Zeiten. Insgesamt 158 Profisiege gehen auf sein Konto. Vor seinem Rücktritt im vergangen Oktober war er für das Radsportteam Israel Start-Up Nation aktiv. Kurz nach seinem letzten Rennen, dem Münsterland-Giro, erschien seine Autobiographie "Aus dem Windschatten".