Wer dieser Tage in das Gesicht von Joshua Kimmich blickte, der konnte daraus bei bestem Wetter in Herzogenaurach einiges ablesen. Wo andere bei Aufwärmübungen lächelten, schaute der Kapitän angestrengt. Wenn Kollegen eine Anweisung der Athletikspezialisten ignorierten, führte der 31-Jährige die Übung auf dem Homeground besonders exakt aus. Da hat sich einer für die WM in den USA, Kanada und Mexiko (11. Juni bis 19. Juli) viel vorgenommen. Denn einer sehr erfolgreichen Karriere auf Vereinsebene stehen trotz 108 Länderspielen nur sehr überschaubare Erfolge im Nationaltrikot gegenüber. Wer erinnert sich noch an Kimmichs Sieg beim Confed Cup 2017?
Negative Höhepunkte waren fraglos die bisherigen WM-Turniere. Vorrundenaus in Russland und in Katar – und jene berühmte Einlassung 2022 in Doha unter Tränen: „Ich werde mit dem Misserfolg in Verbindung gebracht. Das ist nichts, wofür man stehen möchte. Ich habe Angst, dass ich in ein Loch falle!“ Längst ist der Anführer da wieder herausgekrabbelt. Und er hat auch nicht vor, diesen Ballast als Zusatzgepäck aufzugeben, wenn am Dienstag in Frankfurt der Flieger nach Chicago abhebt. Es geht ihm überhaupt nicht „ums Ausmerzen: So sollten wir nicht ins Turnier gehen. Wir haben eine neue Mannschaft. Eine WM ist das Größte, was es als Fußballer gibt.“
„Bisschen weniger sprechen, lieber ein bisserl mehr machen“
Davon handelte auch sein Nominierungsvideo, in dem ein Kumpel aus Kindheitstagen zu Wort kam. „Mein längster Freund aus meinem Heimatdorf, wo wir die WM nachgespielt und im eigenen Garten die Hymne gesungen haben.“ Nun selbst die Auswahl des vierfachen Weltmeisters anzuführen, sei „sehr speziell“. Was wäre denn diesmal ein Erfolg? Tatsächlich überlegte Kimmich kurz und erinnerte sich an die Heim-EM vor zwei Jahren. „Rückblickend war die Euro ein Schritt in die richtige Richtung. Das Turnier wurde positiv wahrgenommen.“ Weil das Auftreten und die Außendarstellung stimmten.
Es würde sicher helfen, auch für die WM die Messlatte nicht zu hoch zu legen, obgleich Bundestrainer Julian Nagelsmann nach dem EM-Viertelfinal-Aus den Griff nach dem Goldpokal ausrief. Kimmich empfahl nun: „Wir sollten jetzt nicht über das Finale oder den Titel nachdenken. Irgendwo ist das ein Traum und ein Ziel. Aber das bringt uns am Anfang des Turniers nicht vorwärts, sondern wir sollten über die Art und Weise, wie wir Fußball spielen wollen, nachdenken.“ Vor den vergangenen Weltmeisterschaften sei schlicht „zu viel von Potenzial geredet worden“. Die Losung müsse lauten: „Bisschen weniger sprechen, lieber ein bisserl mehr machen.“
Joshua Kimmich bricht eine Lanze für Manuel Neuer
Für den Disziplinfanatiker ist jenes Schützenfest gegen die Slowakei (6:1) der Maßstab, mit dem die Restzweifel an der Qualifikation beseitigt wurden. Nun soll das Testspiel gegen Finnland in Mainz (Sonntag 20.45 Uhr/ZDF) dazu dienen, „Vertrauen zu entwickeln“. Erwartungsgemäß brach Kimmich noch eine Lanze für Rückkehrer Manuel Neuer, der auch am Mainzer Europakreisel von Oliver Baumann vertreten werden muss, weil die Wade beim Bayern-Keeper noch nicht hält.
Die Aufregung um die T-Frage kritisierte Kimmich: „Der Manu ist der beste Torhüter aller Zeiten, ist immer noch einer der besten Torhüter der Welt. Für mich ist die Diskussion ein bisschen zu negativ behaftet, weil wir eigentlich kein Problem haben auf der Torhüterposition.“ Dass Oliver Baumann, im Nationalteam ein Ausbund an Zuverlässigkeit, die Rückstufung nicht gefalle, sei nachvollziehbar: „Ich wäre enttäuscht, wenn er nicht enttäuscht gewesen wäre.“
Kimmich kündigt weitere Jahre im DFB-Team an
Erstaunlicherweise kam gar nicht zur Sprache, ob Kimmich wirklich auf der rechten Verteidigerposition am besten aufgehoben ist. Hat sich die deutsche Nummer sechs doch in München mit Partner Aleksander Pavlovic zu einem der weltweit besten Mittelfeldtandems entwickelt. Bestens aufeinander abgestimmt, stets die Balance wahrend. Dass die Bayern im Champions-League-Halbfinale denkbar knapp an Paris St. Germain scheiterte, lag am allerwenigsten an diesem Duo, dem Coach Vincent Kompany in wichtigen Spielen blind vertraute.
Doch der Bundestrainer hat bekanntlich einen anderen Plan – und der sieht die Verwendung rechts in der Viererkette vor. Es ist nicht mal ein anderer Rechtsverteidiger nominiert. „Sollte Joshua ausfallen, wird nicht alles zusammenbrechen“, versicherte Nagelsmann. Es würde allerdings einer fehlen, der sogar Rekordnationalspieler Lothar Matthäus mit seinen 150 Länderspielen noch gefährlich werden könnte. Denn seine letzte WM muss das jenseits des Atlantiks nicht gewesen sein, sagte Kimmich am Freitag: „Ich habe auf jeden Fall Bock, noch ein paar Jahre für Deutschland zu spielen.“
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