Julian Nagelsmann hat bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren gute Erfahrungen damit gemacht, seinen Spielern Rollen zuzuweisen. Konkret bedeutet das: Es gibt Stammspieler, die im Normalfall immer in der ersten Elf stehen. Dann die Einwechselspieler dahinter und schließlich die Ergänzungsspieler, die dann kommen, wenn sich Lücken in den ersten beiden Kategorien auftun. Das hat den Vorteil, dass Frust über zu wenig Einsätze minimiert wird, Aufgaben klar verteilt sind. Grundlage für alles ist das Leistungsprinzip – und hier beginnen die aktuellen Probleme.
Denn Rollen für die WM wurden den Spielern nun schon im März zugewiesen – und vor allem im Sturm wirft das Fragen auf. Für Deniz Undav, den deutschen Stürmer mit der mit Abstand besten Scorerquote (23 Tore und 13 Vorlagen in bislang 38 Pflichtspielen), hat Nagelsmann nur eine Rolle als Ersatzspieler übrig. Seine Stammstürmer heißen Kai Havertz (drei Tore und zwei Vorlagen in 14 Spielen), der gegen die Schweiz in vorderster Reihe auflief und Nick Woltemade (elf Tore und fünf Vorlagen in 48 Spielen), der gegen Ghana beginnen durfte. Dort traf Undav zum 2:1-Sieg, zwei Minuten vor dem Ende.
Woltemade soll in der Nationalmannschaft gestützt werden - das ist falsch
Während Havertz nach seiner langen Verletzung noch Zeit braucht, ist der Unterschied in den Formkurven von Woltemade und Undav frappierend: Während der Stuttgarter zuletzt sechsmal in Folge in der Liga traf, wartet Woltemade noch auf sein erstes Ligator in diesem Jahr. Auf die Gründe angesprochen, warum „Big Nick“ in der Nationalelf die Nase vor Undav hat, verwies Nagelsmann auf die Rollen – und wartete beim Schweiz-Spiel mit einer weiteren Erklärung auf, die Fragen aufwirft: „Ich habe die Wahl, einem Topstürmer, der gut drauf ist, noch weiter Selbstbewusstsein zu geben oder einem Topstürmer, der gerade nicht ganz gut drauf ist, fallen zu lassen.“
Hier offenbart Nagelsmann ein problematisches Verständnis. Die Nationalmannschaft ist nicht der Ort, an dem formschwache Spieler Selbstvertrauen tanken sollen. Wer besser ist, soll spielen – das ist im Verein so und erst recht in der DFB-Auswahl. Die generellen spielerischen Qualitäten von Woltemade mögen besser sein als die von Undav – wenn es ein derart großes Leistungsgefälle zwischen zwei Angreifern gibt, sollte sich die Frage nicht stellen, wer in die Startelf gehört – zumal die Chancenverwertung gegen Ghana das große Problem war.
Der Fall Undav ist die derzeit prominenteste, aber nicht einzige umstrittene Personalie. Auch der Quasi-Freifahrtschein für Bayern-Profi Leon Goretzka und die Nominierung von Leroy Sané sind nur bedingt nachvollziehbar. Auch Rollen haben ihre Grenzen.
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