Die Äbte in Kempten-Leubas, gleich neben der gleichnamigen Autobahnausfahrt der A7, haben mehr zu bieten als rasante Autos. Immer wieder kommen Motorsport-Fans für einen Abstecher in das mehrstöckige Gebäude mit dem gewellten Dach im Industriegebiet, um veredelte Straßenfahrzeuge zu sehen. Im hauseigenen Museum steht neben historischen DTM-Rennern auch ein Formel-1-Bolide von Toro Rosso aus dem Jahr 2006. Die über 125-jährige Geschichte des Unternehmens ist allgegenwärtig. Abt Sportsline ist jedoch viel mehr als ein Auto-Veredler, der selbstverständlich auch eine Werkstatt besitzt. Im Nebengebäude ist die Zentrale des Formel-E-Projekts beheimatet. Im Untergeschoss, gleich neben dem Fitnessraum, in dem die Abt-Mechaniker für die Reifenwechsel trainieren, ist ein unscheinbarer Raum eingerichtet. Seit Jahresbeginn verfügt der Rennstall über einen eigenen Renn-Simulator. Das erleichtert die Vorbereitung auf das Heimspiel. Am kommenden Wochenende startet die Formel E in Berlin auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof. Die rein elektrisch betriebenen Renner gehen in zwei Läufen am Samstag und Sonntag (Start: jeweils 15 Uhr live auf Pro Sieben) auf die Piste.
Da es sich – wie in der Formel E üblich – um keine permanente Rennstrecke handelt, ist die Arbeit im Simulator um so wichtiger. "Die Trainingszeiten sind so kurz, dass wir auf den Simulator sehr angewiesen sind", sagt Nico Müller bei einem Ortstermin. Der Schweizer wird einen der beiden Elektrorenner des Allgäuer Teams steuern. In dieser Saison wartet die neu formierte Mannschaft noch auf die ersten Punkte. Nach einem Jahr Pause und dem verspäteten Beginn der Vorbereitung als Kundenteam tastet sich Abt mit seinem Cupra Stück für Stück ans Mittelfeld heran. Seit dem vergangenen Rennen in São Paulo kann das Team dabei auch wieder auf Routinier Robin Frijns setzen. Der Niederländer hatte zuvor vier Rennen lang wegen einer beim Saisonauftakt erlittenen Handverletzung pausieren müssen.
Abt startet mit dem Cupra in der Formel E
Die E-Autos der dritten Generation sind technisch stark verbessert. Längst vorbei die Zeiten, als die Batterien zur Mitte des Rennens getauscht werden mussten. "Wir haben viel, viel mehr Leistung. 350 Kilowatt im Qualifikationsmodus, also fast 500 PS, da geht schon etwas vorwärts. Gerade mit dem Drehmoment, den diese Maschinen haben", erzählt Müller. Anschließend zwängt sich der 31-jährige Schweizer in den neuen Simulator und dreht vor den Journalisten einige virtuelle Runden auf dem Kurs in Tempelhof. "Die einzigartige Herausforderung in Berlin ist, dass wir nicht auf Asphalt fahren, sondern auf den Betonplatten des alten Rollfeldes", sagt der Schweizer. Die Bodenplatten sind zwar in der aufgebauten Stahlkiste nicht zu spüren. Doch beim Lenken müssen die Piloten kräftig kurbeln. Denn E-Renner haben keinen Lenkkraft-Verstärker, wie er aus Serienautos nicht mehr wegzudenken ist.
Am Steuer sind Armmuskeln gefragt. "Die Saisonvorbereitung der Fahrer war früher mehr auf Ausdauer ausgelegt. Jetzt brauchst du mehr Kraft, um das Ding überhaupt um die Kurven zu kriegen", erzählt Müller über neue Qualitäten, die im Cockpit gefragt sind. "Das Training im Schulterbereich muss man intensivieren, um das Auto weiterhin am Limit zu fahren. Vor allem, um dahin zu kommen, dass du das Auto fährst und nicht das Auto dich fährt. In dieser Saison ging es einigen Fahrern so, dass wegen der hohen Lenkkräfte ein Biest zu fahren war und nach wie vor ist."
E-Rennfahrer Nico Müller über den neuen Simulator bei Abt Sportsline in Kempten
Auch beim Selbstversuch im Simulator gerät man schnell ins Schwitzen. Der lange Körper (1,94 Meter) faltet sich zwar problemlos in die Stahlkiste und auch daran, dass der rechte Fuß das Gaspedal betätigt und mit links die Bremse getreten wird, gewöhnt man sich schnell. Doch das kleine Lenkrad in die Spitzkehren zu drehen, erfordert enorme Kraftanstrengung. Die hohen Lenkkräfte sind auch ein Sicherheitsthema. "Der Rückstoß am Lenkrad, wenn du einen Kerb oder ein anderes Auto erwischst, ist extrem brachial. Da kannst du nicht reagieren. Die Kräfte, die da wirken, können dazu führen, dass du dir die Hand brichst", berichtet Müller.
Insgesamt überwiegt jedoch die Vorfreude auf den siebten und achten Saisonlauf der Formel E in der Hauptstadt. "Berlin ist das Heimrennen für Abt, aber auch ein bisschen für mich persönlich, denn meine Frau kommt aus der Gegend“, sagt Nico Müller. „Das Rennen ist eine Institution im Kalender der Formel E. Wie fast jeder im Fahrerlager kenne ich die Strecke gut." Elf Teams mit 22 Piloten kämpfen um den Sieg beim E-Prix. Jeweils 14.000 Zuschauer werden erwartet, die sehen wollen, wie Nico Müller und seine Kollegen ihre "Biester" um die Kurven lenken.