Sebastian Vettel kennt diese Situation. Wenn drei Piloten zum letzten Formel-1-Rennen der Saison anreisen und noch Chancen auf den Weltmeistertitel haben. Bei Vettel war das 2010 gewesen. Der junge Deutsche war damals als großer Außenseiter nach Abu Dhabi gereist. Fernando Alonso und Mark Webber hießen seine Rivalen. Weil aber beide zu früh zu ihren Boxenstopps fuhren und hinterher im Verkehr steckenblieben, triumphierte Vettel sensationell. Er kürte sich zum bisher jüngsten Weltmeister der Formel-1-Geschichte. Vettel ließ noch drei weitere Titel folgen.
Am Sonntag spitzt sich die Situation vor dem Saisonfinale (14 Uhr) erneut zu. Wieder haben drei Piloten die Aussicht, am Ende den WM-Pokal in die Höhe recken zu können. Lando Norris liegt an der Spitze, mit zwölf Punkten Rückstand folgt Max Verstappen, dahinter liegt Oscar Piastri, dem 16 Zähler auf Norris fehlen. Hochspannung also.
Wie zuletzt 2021, als an gleicher Stelle im bisher denkwürdigsten Finale der Formel-1-Geschichte Max Verstappen erstmals triumphierte. Lewis Hamilton war in seinem Mercedes auf dem besten Weg zu seinem achten WM-Titel, er wäre damit alleiniger Rekordhalter vor Michael Schumacher gewesen. Bis zur letzten Runde lief alles nach Plan. Dann aber geriet Hamiltons Welt völlig aus den Fugen.
2021 traf ein Rennleiter eine folgenschwere Entscheidung
Kurz vor Rennende hatte Nicholas Latifi einen folgenschweren Unfall verursacht. Das Safety-Car musste auf die Strecke. Jeder ging davon aus, dass die Zeitenhatz gemütlich hinter dem Safety-Car beendet würde, Hamilton sah sich einem sicheren Sieg entgegenrollen. Der damalige Rennleiter Michael Masi aber hatte eine andere Idee. In der letzten Runde gab er das Rennen für viele Beobachter überraschend noch einmal frei. Für Verstappen die große Chance, der Niederländer hatte die deutlich frischeren Reifen an seinem Rennwagen als Hamilton. Verstappen nutzte diese Gelegenheit, überholte den bis dahin punktgleichen Hamilton und fuhr als erstmaliger Weltmeister über die Ziellinie.
Bei Hamilton und Mercedes waren Frust sowie Zorn groß. Mercedes protestierte im Nachhinein, die viel diskutierte Entscheidung von Masi aber hatte Bestand. Verstappen wurde erstmals Weltmeister. Und möchte in diesem Jahr in Abu Dhabi seinen fünften Titel hinzufügen. Es wäre die Krönung einer bemerkenswerten Aufholjagd.
Experten wie Ralf Schumacher halten das für durchaus möglich. Er habe so ein Gefühl, sagte der Sky-Experte vor wenigen Tagen. Ein Gefühl, dass die beiden McLaren ein weiteres Mal patzen, was den Weg für Verstappen frei machen würde. McLaren hatte erst vor einiger Woche mit einem taktischen Versagen Verstappen den Sieg in Katar ermöglicht. Weil die Teamleitung entschied, beide Piloten in der Anfangsphase noch nicht zum Reifenwechsel zu holen, als ein virtuelles Safety-Car das Tempo auf der Strecke bremste. Am Ende stellte sich die Entscheidung als großer Fehler heraus. Piastri wurde nur Zweiter, Norris Vierter. Ein Fiasko.
McLaren könnte auf Stallorder zurückgreifen
McLaren hatte zudem in dieser Saison die interne Regelung, dass beide Fahrer offen gegeneinander Rennen fahren dürfen. Dass das Team also auf Stallregie verzichtet. „Papaya rules“ wird die Vorgehensweise genannt. In Abu Dhabi aber könnte es vorbei sein mit dieser Herangehensweise.
„Natürlich würden wir eine Stallorder nutzen. Wir sind realistisch. Wir wollen diese Weltmeisterschaft gewinnen“, sagte McLaren-Chef Zak Brown zum britischen Bezahlsender Sky Sports UK. Eine Abkehr von den eigenen Regeln also. Und: „Wenn sich abzeichnet, dass einer von beiden die Chance auf den Titel hat und der andere nicht, dann werden wir alles daran setzen, dass er ihn gewinnt. Wir wären verrückt, wenn wir es nicht täten“, so Brown.
Ob aber auch der betroffene Fahrer entsprechend handeln wird? „Ich habe keine Zweifel, dass beide Fahrer im besten Interesse des Teams fahren werden. Sie haben schon gezeigt, dass sie großartige Teamplayer sind“, sagte Brown. Norris muss am Sonntag aufs Treppchen kommen, um Weltmeister zu werden. Ein dritter Platz reicht ihm selbst bei einem Verstappen-Sieg. Das sollte bei der Qualität seines Rennwagens funktionieren.
Zumal Norris im Training am Freitag einen ersten Eindruck seines Willens und seiner Überlegenheit vermittelt hat. In beiden Einheiten war er der schnellste Fahrer. Im ersten Freien Training war er nur acht Tausendstelsekunden schneller als Verstappen. Piastri pausierte, für ihn fuhr wie bereits lange geplant der Mexikaner Patricio O‘Ward. Im zweiten Freien Training wurde es deutlicher. Da lag Norris mehr als dreieinhalb Zehntelsekunden vor dem Titelverteidiger, Piastri wurde gar nur Elfter.
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