Die Olympischen Winterspiele von Mailand und Cortina fügten sich aus deutscher Sicht nahtlos in das Bild der jüngeren Vergangenheit ein: Der deutsche Spitzensport ist im Sinkflug. Der langjährige Abwärtstrend der Sommerspiele hat die Winterspiele erreicht. In Italien sammelten deutsche Athletinnen und Athleten 26 Medaillen (8/10/8). In Peking 2022 waren es noch 27 (12/10/5), in Pyeongchang 2018 derer 31 (14/10/7). Olaf Tabor, Chef de Mission des Team Deutschland, verwies darauf, „dass wir die Nation mit den meisten vierten Plätzen sind“. Diese Platzierungen seien auch Weltklasse-Leistungen und zeigten, „dass wir dran sind“. Allerdings landeten deutsche Sportlerinnen und Sportler 2022 und 2018 auch schon häufig auf vierten Plätzen: in Peking zwölfmal, in Pyeongchang dreizehnmal.
350 Millionen Euro fließen jährlich in den Spitzensport
In der Bundesregierung, die den Spitzensport jährlich mit rund 350 Millionen Euro aus Steuermitteln finanziert, hat sich die Erkenntnis breitgemacht, dass es struktureller Änderungen bedarf, um den Trend umzukehren. Das Herzstück eines neuen Sportfördergesetzes soll eine als Stiftung angelegte Spitzensportagentur sein. Die zuständige Sport-Staatsministerin Christiane Schenderlein hatte auch gegenüber unserer Redaktion auf deren Unabhängigkeit gepocht. „Es funktioniert (...) nicht, Beratung und Entscheidung zusammenzulegen. Da haben wir eine klare Rollenteilung vorgenommen“, sagte sie. Sport, Verwaltung und Politik sollten sich „ein Stück zurücknehmen“ und unabhängige Spezialisten die Arbeit machen lassen. Dieses Modell habe sich in anderen Ländern bewährt. Folgerichtig war dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) in der ersten Version des Gesetzes nur eine beratende Funktion zugedacht worden. Bund und Länder sollten im Aufsichtsrat der Stiftung vier Sitze bekommen, der DOSB einen. Der Aufsichtsrat beruft einen zweiköpfigen Vorstand ein, der das Tagesgeschäft übernimmt.
DOSB hat sich im neuen Entwurf durchgesetzt
Damit wollte sich der DOSB nicht zufriedengeben. Mitte der vergangenen Woche verschickte Schenderlein einen überarbeiteten Referentenentwurf (liegt unserer Redaktion vor) an die Gremien – und siehe da: Der DOSB hat sich an entscheidender Stelle Einfluss verschafft. Der Stiftungsrat wurde von fünf auf neun Sitze aufgestockt, drei davon gehen an den DOSB. Rechnerisch hat der Bund, der fünf Sitze erhält (dazu kommt noch ein Vertreter aus der Sportministerkonferenz der Länder), weiterhin die Mehrheit. Der Dachverband des deutschen Sports sicherte sich aber ein Veto-Recht, wenn es um die Besetzung der beiden Vorstände geht. Das ist von entscheidender Bedeutung, da diese im Wesentlichen darüber entscheiden, wohin die Steuermillionen fließen und welche Vorgaben an die Sportverbände damit verbunden sind. Bisher war der Geldfluss zwischen Bund und Sport schwer durchschaubar ausgehandelt worden.
Gegenwind kam offenbar aus Bayern
Warum ist die Sportministerin eingeknickt? Druck kam offenbar aus Bayern. „Es braucht größtmögliche Entscheidungsfreiheit der Sportverbände statt staatlicher Einmischung“, hatte der CSU-Ministerpräsident Markus Söder schon nach den Winterspielen in Italien der Bild gesagt. Nicht zuletzt die SZ mutmaßt, dass es einen Zusammenhang mit den Münchner Olympia-Träumen geben könnte. Denn es sind die Spitzensportverbände, die über den DOSB nun wieder an Einfluss gewonnen haben, die bei der Auswahl der deutschen Bewerberstadt ein gewichtiges Wörtchen mitreden dürfen. Neben München haben auch Berlin, Hamburg und die Region Rhein-Ruhr Interesse an den Sommerspielen 2036, 2040 oder 2044 bekundet.
Experten bewerten den neuen Entwurf des Sportfördergesetzes hinter den Kulissen als gegensätzlich zu den Ankündigungen der Sport-Staatsministerin Schenderlein. „Neue Überschrift, weitgehend alter Inhalt“, heißt es. Im Bundeskabinett würden die Mitglieder darauf vorbereitet, das Sportfördergesetz an diesem Mittwoch durchzuwinken.
Laut Schenderlein soll die Spitzensportagentur ihre Zentrale in Leipzig bekommen. Die Sport-Staatsministerin würde die Sportagentur damit in ihr Heimatbundesland Sachsen holen. Sie wurde in Weißenfels in Sachsen-Anhalt geboren, wuchs aber in Leipzig auf und absolvierte dort auch ihr Abitur. Vorgesehen ist, dass die Agentur ab 2027 ihre Arbeit aufnehmen und zunächst über die Verteilung der Mittel für den Sommersport ab dem Jahr 2029 entscheiden soll.
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