Hauptsache keine Sekunde Pause. Amerikanische Sportereignisse sind neben den Leistungen der Ausnahmeathleten vor allem dafür bekannt, ein durchgetaktetes Entertainment-Produkt zu sein. Da der amerikanische Markt jedoch gesättigt ist, drängt die National Football League (NFL) seit Jahren in andere Länder. Seit 2007 finden regelmäßig Spiele in London statt, nach Begegnungen in München und Frankfurt in den vergangenen Jahren gastierte die Liga nun erstmals in Berlin.
Zwar trafen am Sonntag die Indianapolis Colts auf die Atlanta Falcons, im Stadion selbst waren jedoch Jerseys aller NFL-Teams zu sehen. Statt eines Aufeinandertreffens zweier Fangruppen war das Spiel eher eine Zelebrierung des Sports. Verdeutlicht wurde dies durch übergroße Helme aller 32 Teams, mit denen die Fans vor dem Stadion fleißig Fotos machten, sowie die lange Schlange des offiziellen Fanshops, der Merch aller Mannschaften verkaufte und so groß war wie ein durchschnittliches Bierzelt. Bereits die ganze Woche herrschte in der gesamten Stadt Jahrmarktatmosphäre. Mehr als 20 Imbisse verkauften NFL-Döner, bei den offiziellen Fanzonen mussten die Menschen wegen Überfüllung teils Stunden anstehen.
Zwar waren die Colts, aktuell eines der besten Teams der Liga, mehr als 7000 Kilometer von ihrem eigenen Stadion entfernt, technisch gesehen stellten sie jedoch das Heimteam. Das Olympiastadion war entsprechend der Teamfarbe in Blau geschmückt. Zwei Bühnen waren aufgebaut worden, auf einer spielte vor Anpfiff und während einiger Pausen eine Cover-Band, die zweite war für die Halbzeitshow reserviert.
Das NFL-Spiel im Berliner Olympiastadion zwischen den Indianapolis Colts und den Atlanta Falcons war restlos ausverkauft
Still wurde es nur während der Schweigeminute für Marshawn Kneeland. Der 24-jährige Defensivspieler der Dallas Cowboys wurde vergangene mehrere Stunden nach einer Verfolgungsjagd mit der Polizei tot aufgefunden. Sein Körper wies nach Polizeiangaben eine „mutmaßlich selbst zugefügte Schusswunde“ auf. Zuvor soll Kneeland Suizidgedanken geäußert haben.
Dann stand jedoch wieder die NFL im Mittelpunkt. Auf jedem der mehr als 72.000 Sitzplätze waren Fahnen verteilt worden. Als die Zuschauerinnen und Zuschauer diese auf Kommando schwenkten, wurde das gesamte Stadion in eine amerikanische sowie eine deutsche Flagge getaucht; dazwischen das Logo der Liga. Der deutsch-amerikanische Sänger Malik Harris schmetterte dazu „Wind of Change“ von den Scorpions, Feuerwerk wurde in den Himmel geschossen.
Katarina Witt übernahm den Münzwurf, nach dem ersten Touchdown performte Scooter-Frontmann H.P. Baxxter
Zwischen dem ganzen Spektakel wurde nach dem Münzwurf durch die ehemalige Eiskunstläuferin Katarina Witt auch American Football gespielt. Die Colts gingen direkt zu Beginn des Spiels in Führung, verpassten aber den Extrapunkt. Zur Feier des Touchdowns performte Scooter-Frontmann H.P. Baxxter „Maria (I Like it Loud)“ in der Endzone. Nach einem offenen Schlagabtausch mit guten Aktionen beider Offensiven stand es schließlich 13:7 für die Colts. Drake London, Star-Receiver der Atlanta Falcons, gelang im zweiten Viertel noch ein Touchdown, sonst wurde das Spiel ruhiger. Auch, weil beide Verteidigungen einen guten Job machten und nur wenig zuließen. Mit 14:13 für die Falcons ging es in die Halbzeit.
Und damit auch in die größte Enttäuschung des Tages. Viele Menschen sehen sich den Superbowl nur wegen der Halbzeitshow an, und auch bei den Überseespielen tritt stets ein großer Künstler auf. In Berlin war es The Kid Laroy, ein 22-jähriger australischer Rapper. Seine Kollaboration „Stay“ mit Justin Bieber hat alleine auf Spotify mehr als 3,5 Milliarden Klicks gesammelt.
Doch es will keine Stimmung aufkommen. Die Songs sind keine Stadionhymnen, zudem spricht er eine wesentlich jüngere Zielgruppe an, als im Berliner Olympiastadion anzutreffen war. Viele Zuschauerinnen und Zuschauer filmten zwar mit, doch der Auftritt wurde anschließend nur mit verhaltenem Klatschen gewürdigt.
Durch den dritten Touchdown von Jonathan Taylor gewannen die Indianapolis Colts in der Verlängerung
In der zweiten Halbzeit waren zunächst die Colts am Zug und erhöhten mit zwei Punktgewinnen auf 22:17. Mit weniger als zwei Minuten auf der Uhr erzielten die Falcons einen Touchdown samt Two-Point-Conversion, damit stand es 25:22. Die Colts schafften jedoch noch durch ein Fieldgoal kurz vor Ende der regulären Spielzeit den Ausgleich. Die Fans in Berlin bekamen somit noch mehr Football für ihr Geld; das Spiel ging in die Verlängerung.
Das Ballrecht bekamen die Falcons, gute Spielzüge wollten ihnen jedoch nicht gelingen. So war es am Ende Colts-Runningback Jonathan Taylor, der mit seinem dritten Touchdown an diesem Abend das Spiel für das Heimteam entschied. Kurz nach dem Abpfiff ertönte wieder Scooter, im Anschluss stimmte die Cover-Band noch einige Lieder zum Mitsingen an. Hauptsache keine Sekunde Pause.
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