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Olympische Winterspiele: Felix Neureuther sieht Veränderungen für Europa

Interview

Felix Neureuther: „Die letzten Winterspiele waren für uns Europäer schwierig“

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    Felix Neureuther begleitet Olympische Winterspiele und das IOC mit kritischem Blick. Im Interview spricht er aber auch über positive Entwicklungen.
    Felix Neureuther begleitet Olympische Winterspiele und das IOC mit kritischem Blick. Im Interview spricht er aber auch über positive Entwicklungen. Foto: Peter Kneffel, dpa

    Herr Neureuther, in dreieinhalb Wochen beginnen die Olympischen Winterspiele in Italien. Kribbelt es schon bei Ihnen?

    FELIX NEUREUTHER: Ja, so ein bisschen. Das liegt daran, dass der Januar im alpinen Skirennsport vollgepackt ist mit den absoluten Klassikern. Adelboden, Wengen, Kitzbühel, Schladming. Da ist Olympia noch ein Stück weg, aber man macht sich natürlich schon seine Gedanken und ich freue mich sehr auf die Spiele.

    Was ist einem Skifahrer wichtiger: Olympisches Gold oder ein Sieg in Kitzbühel?

    NEUREUTHER: Es kommt darauf an, wo die Olympischen Spiele stattfinden. Wenn du dich beispielsweise in Vancouver Olympiasieger nennen darfst, dann ist das was anderes, als wenn du dich Olympiasieger in Pyeongchang nennen kannst.

    Sie spielen auf ihren ehemaligen Konkurrenten Marcel Hirscher an, der in Pyeongchang Gold gewann und danach die Stimmung vor Ort als „furchtbar“ bezeichnete.

    NEUREUTHER: Ja. Er wollte einfach einen Haken hinter den Olympiasieg setzen. Aber wenn er es sich aussuchen könnte, würde er viel lieber in Kitzbühel oder Schladming gewinnen, weil da die Stimmung und die Euphorie eine ganz andere ist. Er selbst sagt ja, dass sein schönster Sieg bei der WM in Schladming war. Die letzten Winterspiele in Peking, Pyeongchang und auch Sotschi waren für uns Europäer schwierig. Jetzt Italien, das sind eigentlich die ersten richtigen Olympischen Winterspiele seit Vancouver, die wieder auf die Ursprünge zurückgehen. Wo Familienangehörige und Freunde vor Ort sein können, wo hoffentlich diese Olympiastimmung aufkommt. Für mich hat Olympiastimmung ganz viel mit der Begeisterung der einheimischen Bevölkerung und der Stimmung im gesamten Land zu tun. Denken wir nur zurück an Lillehammer 1994. Am Ende ist ein Olympiasieg eben ein Olympiasieg. Das größte, was du als Sportler erreichen kannst - auch weil es das nur alle vier Jahre gibt. Trotzdem: Wenn du als Skirennfahrer in Kitzbühel, dem Mekka des Skisports, gewinnst, ist es von der Emotion das Allergrößte.

    Mit einem Olympiasieg kann man dafür auch Leute erreichen, die sich im Skifahren nicht auskennen, denen Kitzbühel nichts sagt.

    NEUREUTHER: Ja, das stimmt. Das gilt speziell auch für die Amerikaner. Dort zählt nur ein Olympiasieg.

    Bormio, Cortina, Antholz, Mailand – es werden Olympische Spiele der langen Wege. Die Wettkampfstätten liegen weit verteilt. Trotzdem hoffen Sie auf olympische Stimmung vor Ort. Was macht sie optimistisch?

    NEUREUTHER: Das ist eine Grundsatzdiskussion, die man führen kann und muss. Wie schauen die Olympischen Winterspiele der Zukunft aus? Ist die Lösung die, dass bei der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Sportarten die Wettkampfstätten fast schon verteilt sein müssen? Dass man auch aus Nachhaltigkeitsgründen weitere Wege akzeptieren muss und dass man je nach Gegebenheit eben auf weiter entfernte, vorhandene Wettkampfstätten zurückgreift? Das sind Kompromisse, die man akzeptieren sollte. Bei Winterspielen hast du einfach nicht mehr so viele Optionen.

    Über allem steht ja die Frage, welche Orte sich in Zukunft überhaupt noch eignen.

    NEUREUTHER: Ich war gerade erst beim IOC in Lausanne und da haben wir auch genau über dieses Thema gesprochen. 2050 werden aufgrund der klimatischen Veränderungen nur noch elf Regionen infrage kommen, um Olympische Winterspiele verlässlich durchführen zu können. Die große Kunst in Italien wird sein, dass du an den verschiedenen Orten, die weit auseinander liegen, trotzdem eine Begeisterung generieren kannst. Die Athleten werden das unterschiedlich interpretieren. In Bormio zum Beispiel hast du eine absolut olympiawürdige Abfahrt. Aber du bist da halt komplett separiert. Da finden dann „nur“ die alpinen Rennen der Männer statt. Aber in Zeiten der Digitalisierung wird da sehr viel Medial passieren. Dieser olympische Flair wird für den Fernsehzuschauer ein ganz anderer sein als für den Zuschauer oder den Athleten vor Ort. Aber wenn in Bormio 30.000 Zuschauer sind, dann überträgt sich das auch auf den Fernsehzuschauer. Wenn du dezentrale Sportstätten hast, musst du dieses Event vor Ort als Fernseherlebnis perfekt organisieren. Und da bin ich sehr gespannt, wie es dann sein wird. Ich glaube zum Beispiel, dass auch Biathlon in Antholz sehr speziell wird. Cortina wird ohnehin sehr cool. Da erinnert man sich unwillkürlich an die unvergesslichen Spiele 1956 mit Toni Sailer, Eugenio Monti oder Sixten Jernberg zurück.

    Wo werden Sie vor Ort sein? 

    NEUREUTHER: Ich begleite mit der ARD die Ski-Alpin-Rennen der Männer, werde also in Bormio sein. Nach dem Slalom dort fahre ich dann weiter nach Cortina.

    Sie haben zuletzt immer wieder Beiträge abseits des rein Sportlichen gemacht. Ist so etwas auch wieder geplant? 

    NEUREUTHER: Ja, es wird wieder eine Doku von mir in der ARD zum Thema Mailand 2026 geben.

    Im Vorfeld der Winterspiele in Italien waren Sie kritisch, was die Nachhaltigkeit angeht. Beispielsweise musste in Cortina eine neue Eisbahn gebaut werden. Gleichzeitig werden viele bestehenden Sportstätten genutzt, was ja zu der extremen Verteilung der Wettkampfstätten führt. Was werden das für Spiele? 

    NEUREUTHER: Alles in allem denke ich schon, dass die Italiener aus den Spielen von 2006 in Turin und Sestriere sehr viel gelernt haben - auch was die Nutzung der Sportstätten nach den Spielen betrifft. Nämlich, dass dort Sportstätten gebaut wurden, die langfristig noch genutzt werden können. Natürlich gibt es immer etwas zu kritisieren und das ist ja auch richtig so, ich bin selbst ein kritischer Geist. Ich freue mich jetzt aber einfach, dass die Spiele mal wieder in den Alpen stattfinden. Dass wir dieses Erlebnis Olympia vor der Haustüre erleben können, ist schon etwas sehr Spezielles, darauf haben wir jetzt 20 Jahre warten müssen.

    Sie haben das IOC angesprochen. Wie nehmen Sie es unter der neuen Präsidentin Kirsty Coventry wahr?

    NEUREUTHER: Da tut sich definitiv was. Mit Frau Coventry hatte ich persönlich noch keinen Kontakt. Ich weiß aber, dass sie auf Themen setzt, die ich für sinnvoll halte. Ich bin gespannt, wie die dann umgesetzt werden. Das IOC hat sich in den letzten zehn Jahren schon verändert, auch zum Positiven. Die Kritik war ja auch fundamental. Dass nicht alles sofort rund läuft, ist auch klar. Aber welchen Anspruch hat man? Olympische Spiele auszutragen und umzusetzen, ist einfach ein extrem komplexes Thema. Wir können und werden weiterhin Wünsche äußern und Vorschläge machen und auch wachsam bleiben. Wenn man kritisch bleibt und sich Diskussionen stellt, wird sich weiterhin was in die richtige Richtung verändern. Man braucht auch beim IOC diesen emotionalen Gedanken: Wie können wir den Sport und die Athletinnen und Athleten am besten präsentieren? Ich möchte die Athletin und den Athleten wieder mehr ins Zentrum rücken. Das ist in der Vergangenheit verloren gegangen.

    Sie haben das IOC unter Thomas Bach oft hart kritisiert, jetzt klingen Sie fast versöhnlich.

    NEUREUTHER: Wenn du Einblick in die Struktur des IOC bekommst, dann ist dort eine weltumspannende Organisation entstanden, die für alle Menschen eine enorme Strahlkraft und Einflussmöglichkeit bekommen hat. Ich sehe das mittlerweile schon differenziert und will nicht „zerstören“, sondern versuchen einen Beitrag zu leisten, dass Olympische Spiele die Strahlkraft beibehalten, die mich als kleiner Bub auf die Skipisten gezogen hat. Ich freue mich wirklich auf die Spiele. Und ich würde mir für die Athletinnen und Athleten wünschen, dass sie genau diesen olympischen Moment, von dem man als Kind geträumt hat, erleben können. Den erlebst du, wenn du durchs Ziel fährst und diese Gefühlsexplosion in dir und um dich herum spüren darfst. Und wenn du spüren darfst, wie sich andere mit dir freuen oder leiden und du ihnen aber immer auch etwas von deiner Leidenschaft zurückgeben kannst. Das sind die olympischen Momente, die eine Gesellschaft tragen können, an die sich die Menschen noch Jahrzehnte später erinnern. Das erleben wir in der Familie bis heute bei unserer Mama, wenn Menschen auf uns zukommen und von ihren Emotionen 1976 erzählen und was die aus ihnen gemacht haben.

    Deutschland will auch für olympische Momente sorgen und plant eine Bewerbung um Olympische Sommerspiele. Halten Sie das für eine gute Idee?

    NEUREUTHER: Hundertprozentig. Weil wir in schwierigen Zeiten mit so einem Großereignis wieder eine Aufbruchstimmung in unserem Land schaffen können. Dass wir für die Jugend Ziele setzen, auf die sie hinarbeiten können. Dass wir der Welt zeigen, wie gut wir uns als Deutsche präsentieren und welche Begeisterung wir erzeugen können. In Zeiten, wo wir eher mit Ängsten in die Zukunft blicken, wäre das ein extrem positives Signal. Dass wir den anderen nicht immer sagen, was sie alles besser machen sollten, sondern wir selbst auch mal zeigen, dass wir es tatsächlich mindestens genauso gut machen können - wenn nicht sogar noch besser. 

    Im Idealfall mit München als Bewerberstadt? 

    NEUREUTHER: Entscheidend ist, dass das Konzept unserer Bewerberstadt so ausgelegt ist, dass es eine große Mehrheit überzeugt und jeder Deutsche sich eingebunden fühlt. Die verschiedenen Städte haben verschiedene Konzepte. Da muss man sich überlegen, welches am besten in die Zeit und zu den Menschen passt. Es geht um alle Bereiche unserer Gesellschaft, die davon profitieren sollten, am meisten aber die Jugend. Dass ich natürlich für München bin, ist klar, aber ich bin auch offen, mir die Konzepte von Berlin, Hamburg und der Rhein-Ruhr-Region neutral anzusehen und aus gesamtdeutscher Sicht ein Urteil zu fällen.

    Wie schätzen sie die deutschen Chancen im internationalen Vergleich ein?

    NEUREUTHER: Ich glaube, dass Deutschland nur mit einem Big Player eine Chance hat und das sind für mich die Städte München und Berlin. Das sind die international bekannten „Marken“, die aufgrund ihrer Bekanntheit den Vorteil ausmachen können. Die Chancen für Deutschland sind vorhanden - vielleicht nicht im ersten Versuch, aber über 50 Jahre nach den letzten Olympischen Spielen in Deutschland sind wir mal wieder dran.

    Die deutschen Wintersportlerinnen und Wintersportler landen bei Olympia regelmäßig ganz weit oben im Medaillenspiegel? Hat der Medaillenspiegel Relevanz für Sie?

    NEUREUTHER: Als aktiver Athlet überhaupt nicht. Als Leistungssportbegeisterter aber schon, weil er eine Aussagekraft dafür hat, wie sich ein Land aufstellt. Wie unsere Politik hinter dem Leistungssport steht und welche Strukturen vorhanden sind. Und auch dafür, welche Leistungsbereitschaft in einem System herrscht. Was den Medaillenspiegel für die diesjährigen Olympischen Winterspiele angeht, bin ich eher „vorsichtig hoffend“. Das liegt nicht an den Athletinnen und Athleten, die alle ihr Bestes geben. Wir haben ganz tolle Sportlerinnen und Sportler, die viele olympische Momente für uns schaffen werden. Aber unsere Strukturen sind einfach nicht vergleichbar mit anderen Nationen, wo der Spitzensport mit viel größeren Summen gefördert wird. Auch deshalb wäre es so wichtig, dass wir die Spiele nach Deutschland bekommen, um diese Strukturen aufzubrechen und uns Gedanken über den Sport der Zukunft zu machen. Da geht es nicht nur um dem Leistungssport, da geht es genauso um den Breitensport und die Frage: Wie müssen wir den Sport in Deutschland, das Thema Gesundheit und Bewegung in Zukunft aufstellen, damit wir nicht nur bei Olympischen Spielen wieder erfolgreicher abschneiden, sondern eine gesündere Jugend bekommen. Es geht um den Stellenwert des Sports und der Bewegung im Allgemeinen. Da haben wir enormen Nachholbedarf.

    Stichwort Sport: Auf welchen Sport freuen Sie sich bei den Winterspielen am meisten?

    NEUREUTHER: Auf die alpinen Wettbewerbe, klar. Biathlon in Antholz wird phänomenal, da freue ich mich richtig drauf. Eishockey wird auch genial. Alle Stars aus der NHL sind am Start. Das wird ein brutales Spektakel.

    Und was halten Sie von der neuen Disziplin Skibergsteigen?

    NEUREUTHER: Da lasse ich mich mal überraschen. Ich frag mich halt: Warum muss ich einen Berg hochlaufen, wenn ich ihn auch hochfahren kann (lacht).

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