Der arme Sead Kolasinac war wirklich zu bemitleiden. Sein Trainer hatte ihm offenbar die alte Kreisklassenregel mit auf den Weg gegeben, seinen Gegenspieler überallhin zu verfolgen. Selbst, wenn dieser den Weg in Richtung Toilette einschlagen sollte. Serge Gnabry aber verspürte nicht den Drang, gen WC abzubiegen. Der Münchner Offensivspieler machte sich dagegen einen Spaß daraus, für ihn und seinen Begleiter unbekanntes Terrain zu erkunden. Der Münchner tauchte am Dienstagabend phasenweise tief in der eigenen Hälfte auf. Ein Kreisklassentrainer würde sagen: auf der Liberoposition. Für Kolasinac hatte das zur Folge, dass er sein bekanntes Habitat in der Innenverteidigung Bergamos aufgeben musste, um fernab der positionsspezifischen Heimat seinem Gegenspieler zu folgen. Es gelang ihm nur selten.
Gnabry entwischte ihm immer und immer wieder. Weil nicht nur Kolasinac mit der Aufgabe betraut war, permanent an den Fersen eines zugeordneten Münchner Spielers zu bleiben, sondern Atalantas Trainer Raffaele Palladino mit Ausnahme seines Torwarts (der aus anderen Gründen zu bemitleiden war) sämtlichen seiner Akteuren die gleiche Anweisung mitgegeben hatte, ergaben sich groteske Spielsituationen. Die Münchner nämlich waren bestens auf die Taktik ihres Gegners eingestellt. Jonathan Tah tauchte am linken Flügel auf, Konrad Laimer und Josip Stanisic rückten von ihren angestammten Außenpositionen immer wieder nach innen. Weil die Münchner so die Ordnung ihres Gegners permanent durcheinanderbrachten, eröffneten sich freie Flächen, die einer mittelgroßen Piazza ähnelten. „Wir haben gegen die vielleicht beste Mannschaft der Welt gespielt. Gratulation an sie und ihren Trainer, sie haben mir imponiert, wir müssen das Ergebnis respektieren“, sagte Palladino, nachdem der Schrecken vorbei war.
Das Ergebnis zu respektieren bedeutet, in der kommenden Woche im Wissen in München anzutreten, dass das 1:6 aus dem Hinspiel nicht aufzuholen sein wird. Josip Stanisic (12.), Michael Olise (22. und 64.), Gnabry (25.), Nicolas Jackson (52. ) und Jamal Musiala (68.) schossen dabei die Münchner Tore. Das Gegentor in der dritten Minute der Nachspielzeit durch Mario Pasalic wäre nur ein Randaspekt gewesen, hätte sich Torwart Jonas Urbig bei der Entstehung nicht verletzt. Der Münchner Keeper kollidierte mit Bergamos Nikola Krstovic, musste das Feld gestützt verlassen und wurde anschließend in eine Klinik gebracht.
Sportvorstand Max Eberl berichtete nach dem Spiel, dass Urbig „etwas benebelt“ gewesen sei und über Kopfschmerzen klagte. Zwar konnte der Keeper am Mittwoch zusammen mit seiner Mannschaft zurück nach München reisen, mit der diagnostizierten Gehirnerschütterung wird er aber wohl rund eine Woche ausfallen und wahrscheinlich das Rückspiel gegen Bergamo am kommenden Mittwoch verpassen. Gleiches gilt für Jamal Musiala und Alphonso Davies. Während Musiala kurz vor dem Abpfiff vom Platz humpelte, verließ Davies schon vorher unter Tränen das Feld. Beide Spieler waren erst zur Halbzeit eingewechselt worden.
Die Länderspielpause kommt zum passenden Zeitpunkt
Zudem muss Trainer Vincent Kompany im Rückspiel auch noch auf Joshua Kimmich und Olise verzichten, die sich augenscheinlich absichtlich die dritte Gelbe Karte im Wettbewerb abholten und somit gesperrt sind - aber auf jeden Fall im Hinspiel des Viertelfinales Anfang April auflaufen können. Bis dahin sollten auch Davies und Musiala wieder einsatzfähig sein, hoffen die Münchner. Durch das herausragende Hinspielergebnis und den komfortablen Vorsprung in der Bundesliga haben sich die Bayern einen großzügigen Puffer für die kommenden Wochen erarbeitet. Hinzu kommt, dass in zwei Wochen eine Länderspielpause ansteht, die für die Münchner wohl genau richtig kommt.
Trainer Kompany wollte nach der Partie nicht lange über die Verletzten sprechen: „Es ist schade. Wir dürfen uns das Momentum aber nicht wegnehmen lassen.“ Bedeutet: Blick nach vorn. Kompany versteht es hervorragend, sich zumindest in der Öffentlichkeit nur mit jenen Themen zu beschäftigen, die er auch beeinflussen kann. Außerdem nimmt er sich auch gänzlich unprätentiös zurück, wenn er beispielsweise ein verdientes Lob ob seiner gelungenen Taktik gegen Bergamo erhält. „Es ist einfach, über einen Plan zu sprechen und so weiter. Atalanta hat auch einen Plan. Aber wir haben die Jungs, die das mögen in solchen Spielen“, so der Coach. Sein Team spiele auch im Training mit hoher Intensität und deswegen habe ihn das Gezeigte nicht wirklich überrascht. Anders als wohl Sead Kolasinac und Bergamos Trainer Palladino.
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