Lieber späte Gerechtigkeit als gar keine Gerechtigkeit. Gut zu sehen am Beispiel von Jens Spahn, der vor einigen Jahren als Masken deklarierte Stofffetzen kaufte und nun politisch dafür büßen muss. Kleiner Scherz. Die Sportgerichtsbarkeit versteht sich nicht auf derlei Späßchen. Der Arm der Gerechtigkeit ist lang. Nun griff er bei den armen Senegalesen zu, die sich vor zwei Monaten noch als Gewinner des Afrika-Cups feiern ließen.
Fußballer rund um den Planeten sind aufgrund des Videobeweises zwar gewohnt, nicht gleich dem ersten Impuls der Freude zu folgen – dass aber 60 Tage nach einer Entscheidung selbige revidiert wird, ist überraschend. Der Vorfall zeugt aber gewiss auch von der Gewissenhaftigkeit, mit der das Berufungsgremium des afrikanischen Fußballverbandes entschieden hat.
Aus deutscher Sicht ist zu hoffen, dass das Prinzip der Verjährung in der Sportrechtsprechung vollumfänglich abgeschafft wird. Wo soll der Unterschied sein, ob Unrecht vor 60 Jahren geschehen ist oder aber vor zwei Monaten? Die in die Volksseele gekratzten Wunden vernarben nicht. Wembley. Ein Wort, viel Schmerz.
Wembley, Cucurella, die Hand Gottes – auch diese Entscheidungen schrieben Geschichte
Nach dem Urteil zugunsten Marokkos können die Deutschen auf einen weiteren WM-Sieg hoffen. Der von der Latte klatschende Ball hatte 1966 die Linie nicht überquert, Helmut Schöns Mannen muss der Titel nachträglich zugesprochen werden. Dafür wird Uli Hoeneß und Co. wahrscheinlich der WM-Sieg 1974 aberkannt. Dass der Niederländer Wim Jansen ausschlaggebend für den Sturz Bernd Hölzenbeins im Strafraum war, ist eine der bundesrepublikanischen Erzählungen, die in einer Reihe mit der Mär der sicheren Renten und der Utopie der pünktlichen Bahn steht. Holland also wird der WM-Titel 1974 zuerkannt.
Dafür erhalten die Deutschen den EM-Titel 2024 nachträglich, Cucurellas Hand sei Dank. Rudi Völlers Rote Karte aus dem WM-Achtelfinale 1990: annulliert. Den Platzverweis erhält dafür Gott. Beziehungsweise dessen Hand. Der Allmächtige hatte sich 1986 Maradonas Körper geborgt und die Engländer betrogen. Der Titel muss neu ausgespielt werden. Die WM 2022 in Katar schließlich wird vollständig aus den Sportgeschichtsbüchern gestrichen. Die Fifa-Kommissare haben ermittelt, dass Katar die Veranstaltung lediglich aufgrund von Bestechungsgeldern erhalten hat. Schon wieder ein Scherz. Natürlich hat niemand etwas ermittelt.
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