Dem skandalösen letzten Wettkampf im Skisprungstadion von Trondheim folgte eine skurrile letzte Pressekonferenz im Hotel der Gastgeber. „Wir haben betrogen und damit alle Skisprungfans enttäuscht, auch uns selbst“, sagte Jan Erik Aalbu, Sportdirektor der norwegischen Skispringer, am Sonntagnachmittag im Scandic Lerkendal. „Ich möchte mich bei den anderen Teams, den Springern, den Sponsoren und den Fans entschuldigen. Wir werden der Sache auf den Grund gehen. Wir werden so offen sein, wie wir nur sein können. Und Sie können zu 100 Prozent sicher sein, dass es Konsequenzen geben wird.“ Was nach einem umfangreichen Geständnis und maximaler Transparenz gegenüber des entsetzten Skiweltverbandes Fis klingt, ist nicht mehr als eine Nebelkerze in einem zwielichtigen Fall, der einen dunklen Schatten auf die so stimmungsvollen Nordischen Ski-Weltmeisterschafen 2025 wirft.
Sandro Pertile, Rennleiter des Skiweltverbandes Fis, sagte am Samstagabend in einer Traube von Reportern: „Ich bin geschockt.“ Es geht um Grundlegendes: Drei Norweger sind am Samstag disqualifiziert worden, was lange nach dem Ende des Wettkampfes von der Großschanze die Medaillenvergabe beeinflusste, weil der zweitplatzierte Marius Lindvik involviert war. Es geht um Manipulation an den Sprunganzügen. Das hat Sprengkraft und scheint sich in die Reihe der großen WM-Skandale mit Blutdoping 2019 in Seefeld und 2001 in Lahti einzureihen. Denn der Betrug wirft ein ganz anderes Licht auf die WM. Den von Norwegen gesammelten Medaillen im Skispringen (3 Gold/0 Silber/3 Bronze) sowie in der Nordischen Kombination (4/4/1) haftet ein Makel an.
Betrug im Skisprung: Veränderung an Anzügen der Athleten aus Norwegen
Andreas Widhölzl, Cheftrainer der österreichischen Skispringer, sagte: „Ich gehe davon aus, dass es heute nicht das erste Mal war.“ Auslöser des Skandals sind Fotos und Videos aus der Nacht von Freitag auf Samstag, sagte Sandro Pertile. Die Quelle sei anonym. Es gehe um Veränderungen an den Anzügen. Deshalb seien alle Norweger nach dem ersten Durchgang kontrolliert worden. Es erwischte Kristoffer Eriksen Sundal. Warum genau, erläuterte der Italiener nicht. „Sonst haben wir nichts gefunden. Nach dem zweiten Durchgang haben wir die Top Fünf im Container genauer kontrolliert“, so Sandro Pertile, man habe die Anzüge aufgeschnitten. „Einige hatten etwas.“ Die von Johann André Forfang (Fünfter) und von Marius Lindvik (Zweiter). Beide wurden wegen „Manipulation“ disqualifiziert.
„Es ist zu sehen, wie ein steifes Band in den Anzug eingenäht wird, das ihn vom Knie bis in den Schritt strafft“, erklärte Widhölzl. „Natürlich hat das einen Vorteil.“ Entsprechend hatten Österreich, Slowenien und Polen vor dem Wettkampf gegen den Start der Norweger Protest eingereicht. Das Nationen-Trio wollte die Norweger nicht nur ausschließen, sondern beantragte offenbar auch eine Annullierung all ihrer WM-Ergebnisse in Trondheim. Das wurde abgelehnt. Bisher.
DSV könnte durch Skandal Medaillen zugesprochen bekommen
Während der WM war zuvor auch die norwegische Skispringerin Ingvild Synnøve Midtskogen von der Groß- als auch der Normalschanze disqualifiziert worden („Anzug“, ist in den Ergebnislisten die Begründung), bei den Kombinierern flog am Freitag Jørgen Graabak wegen einer nicht korrekten Bindung auf.
Würden die Ergebnisse aller Norweger gestrichen, würde das der Sparte Skisprung im DSV drei weitere Medaillen bescheren; unter anderem Andreas Wellinger auf der Kleinschanze Gold. Der 29-Jährige war eine Woche zuvor Zweiter geworden – hinter Marius Lindvik. Die Frage von Dutzenden von Journalisten, ob Lindvik jeweils denselben Anzug getragen habe, beantwortete Jan Erik Aalbu mit den Worten: „Ich weiß es nicht.“ Der sich windende Funktionär gab nur zu, was schon bekannt und nicht zu leugnen war
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